Bloggen - auch in Georgien «in»    Foto: N. K.

Virtual diaspora

Der Libanon-Konflikt bringt Blogs zum Blühen.

Bei Krieg und Bedrohung rückt man näher zusammen psychologisch, im Bunker - und im Internet. Besonders eng wurde es auf manchen Blogs. Mancher ist gar enttäuscht wenn's vorbei ist mit der Heimeligkeit. Dass der Krieg vorbei sei, fiel manchen dabei schwer zu akzeptieren, wie einem Eintrag auf balagan.com zu entnehmen ist. Der Schreiber interpretiert darin die Autoaufkleber in Jerusalem. Blogs von Juden aus Australien, Großbritannien, aus Südafrika und Israel, von verheirateten jüdischen Müttern und rastlosen Partnersuchenden versprachen eine ganz ungewöhnliche, eine ganz andere Sicht auf den Konflikt, schienen letztendlich doch wenig kontrovers, mehr unisono. Ihrer aller Mitteilungsbedürfnis befriedigte das Weblog oder Blog: Webseiten mit immer neuen Beiträgen, der aktuellste zuoberst. Jeder kann sich einen Blog einrichten oder sich auf anderen verewigen - anonym oder registriert. Auf Blogs, die als neue Medienrevolution gepriesen werden, als das Ende von Fernsehen und Zeitung, als die zensurfreie alternative Informationsmacht, können sich alle zu allem äußern. Was die einen enthusiasmiert, macht die anderen skeptisch. Klar ist - die jüdische Welt bloggt, was das Zeug hält, sogar Rabbiner dürfen das nicht ignorieren.

Es gibt bereits über 35,5 Millionen Blogs
Mit «Blogs a Rabbi must follow» hat «Rabbi blogger Gil Student» seinen Kollegen eine Anleitung ins Netz gestellt. Blogs, die übrigens krankhafte Abhängigkeiten erzeugen können, so klärt «Gil Student» auf, bieten ungewöhnliche Perspektiven: Nachrichten, die sonst verloren gingen, und viele viele Nichtigkeiten. Über 35,5 Millionen Blogs gibt es weltweit, jede Woche wächst die Zahl um 75.000 neue Blogs, allein davon, schätzt der «Rabbi blogger», seien 660 jüdisch. Die populärsten unter Ihnen verzeichnen 15.000 Zugriffe täglich.

Wie den Überblick behalten? Auf Seiten, die Seiten verzeichnen, sogenannten Linkblogs. Von «Aaron's Rantblock» zu «Yourish», von «Belle de Jew» über «MC Rebbe the rapping rabbi» und «Mexijew» zu «Out of Step Jew», von «A simple Jew» bis zu «Yid with Lid» - das Stichwort «Jewish Blogger» ergoogelt unzählige Listen. Manche fristen hoffnungslos veraltet, ein trauriges, vernachlässigtes Dasein. «Jewish blogs» gibt eine Übersicht, immerhin frisch überarbeitet und aktuell. «Jewlicious» tritt professionell auf, zu erkennen an Werbebanner für Dating-Services unter dem Motto «Mach deine Mutter glücklich!», für Studentendarlehen, Freiwilligenarbeit oder Hebräischkurse online. Sinnvolle Einteilung und eine Archivübersicht - das sind vage Anhaltspunkte für gute Blogs, ohne die sich der Ahnungslose kopflos durch Rubriken klickt von ernsthafter Toraauslegung, Feiertagskalender, über koschere Meeresfrüchte zu Kabbala für Schwangere.

«J-Blogosphere.com» will der Misere abhelfen. «Hopefully this blog will set everything into a perspective... or confuse even more»: Dazu bietet «J-Blogosphere.com» eine extra «Wartime edition» und eine sorgfältig sortierte Übersicht weitere Blogs und Websites. Nach einer Tabelle auf «blogads.com» ist jedoch «lukeford.net» die jüdische Seite mit den meisten Zugriffen - zumindest des englischsprachigen Raums. Als der Adventistensohn Luke Ford 1992 zum Judentum übertrat, verbrannte er angeblich sein Pornografiesammlung. Sein journalistisches Interesse an heißen Themen löste sich jedoch nicht in Rauch auf. Für heiße Geschichten zu HIV-Kranken, Mafia oder korruptem Journalismus soll der Blogger aus Los Angeles und Autor mehrerer Bücher gar von seinem Rabbi gemaßregelt worden sein.

Wikipedia erklärt: «J-blogs teilen sich in radikale, liberale und konservative Camps auf.» Jedoch die Frage bleibt: welches ist das Beste? Selbst die «Jewish and Israeli Blog Awards», vergeben von der Jerusalem Post, helfen da nicht weiter - in siebzehn Kategorien gibt es jeweils drei Gewinner.

«Machers.com», nach eigenen Angaben die ultimative jüdische Website, leitet zum personalisierten Service «Frag den Rabbi!». Auch Nichtjuden können hier Fragen stellen. Andy aus Newcestle erfährt dort von Rabbi Roller, dass der Grund für koschere Ernährung der Tora eigentlich nicht zu entnehmen sei. Ihr eigentlicher Zweck sei wohl gewesen, die Juden von den anderen Völkern zu unterscheiden. Abstinenz von Schweinefleisch und Schalentieren diene jedoch der Disziplin und spirituellen Reinheit. Mehr zu lernen gibt es unter «Online Jewish Studies» oder «Jiddisch». Die Rubrik «Jüdische Frauen» wird Frauenliebhaber womöglich enttäuschen - hier wird die traditionelle Rolle der jüdischen Frau international, im Mittelwesten, unter Zionisten oder in Modemagazinen diskutiert. Die Rubrik «Denominations» hilft, endlich Bezeichnung zu verstehen und «Gift», endlich das richtige Geschenk zu finden.

Eine Seite über Katzen mit Hitler-Gesicht
Die Bloggerszene offenbart vieles - von der Bewältigung erfahrener Misshandlung als Kind bis zum Lieblingsrezept für Maniwitzer Borscht. Blogger legen - in ihrer tatsächlichen oder fiktiven Identität - fast alles offen, selten jedoch ihr Aussehen. Die «Renegade Rebbezin» hat eine Tüte über dem Kopf, ansonsten die Haare vor dem Gesicht. «Yid with lid», der darüber nachdenkt, ob alle zivilen Opfer unschuldig seien, gibt sein Alter und Sternzeichen, jedoch nur das Foto seiner Kippa preis. Trotz Exhibitionismus anonym-pseudonym ermöglicht das Weblog die große Freiheit, die gleichzeitig der Sinn- und Geschmacklosigkeit Tür und Tor öffnet. Neben der Meldung zum Tod von Sergeant Michael Levin finden sich auf «Jewlicious» Hinweise auf so wichtige Seiten wie «catsthatlooklikehitler» und geteilte Ratlosigkeit zum Fasten. Vor allem Zeit müssen Blogger haben, offenbar ein Luxus der westlichen Welt, wie auch technischer Standard. Nach einer Karte in Gil Students «Blogs a Rabbi must follow» bloggen hauptsächlich die USA und Europa, aber auch arabische Welt und Israel sind auf der gezeigten Landkarte von einer roten Blog-Pustel gänzlich bedeckt.

Jüdische Seiten auf Deutsch sind Mangelware
Im deutschsprachigen Raum fristen jüdische Blogs ein kümmerliches Dasein. Immerhin gibt es «Chuzpe, das härteste Blog zwischen Tel Aviv und New York». Das ist nicht übertrieben. Das Blog frönt dem «Bashing», es teilt rundum aus. Einige «Jewishsomethings» wollen sich nach eigenen Worten jenseits aller Stereotypen Gehör verschaffen. Ausfälle gegen «Dummschwätzer» und «Juristengewürm» scheinen dem Ton ganz zu entsprechen. Der hat Besucher inzwischen wohl vertrieben. Beiträge tröpfeln, obschon eine Datumsanzeige die Tage im Leben des Blogs ganz aktuell anzeigt.

«The Orthodox Anarchist», «Dating Master» oder «Jewish Atheist» nennen sich die Szeneaktivisten, die zu allem und nicht etwas zu sagen finden. Die «Renegade Rebezzin» begrüßt mit «Was ich heute gemacht habe und gestern...» und leise regt sich der Verdacht: haben Frauen von Rabbiner vielleicht zu wenig zu tun? 24 Leuten ist der Eintrag einen Kommentar wert und irgendwie ist ja doch alles verwirkt: der Krieg, Mel Gibson und die langen Fernsehnächte der Rebbezin. Immerhin titelt die Rebbezin selbst: «Warum sollte irgendjemand diese Seite lesen?» oder «Süßes Nichts».

Rada Markovic

«Jüdische Zeitung», September 2006