Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() "Atlas des Unbekannten"von Tania James
Es gehört zu den eher angenehmen Nachwirkungen des britischen Kolonialismus, dass die Omnipräsenz der englischen Sprache in zahlreichen für westliche Begriffe exotisch anmutenden Gegenden der Welt dem englischsprachigen Lesepublikum bis heute ein scheinbar unerschöpfliches Reservoir an hochtalentierten jungen Schriftstellern beschert, welche zwar ohne Einschränkung als Muttersprachler gelten können, die englischsprachige Literatur aber gleichzeitig stets um den willkommenen Blickwinkel des Fremden, Unbekannten und Neuen zu bereichern vermögen und auf diese Weise nachhaltig dazu beitragen, die Literatur des Kernlandes aus ihrer Erstarrung zu befreien: Nicht umsonst wurde Salman Rushdies meisterhafter Roman «Mitternachtskinder» aus Anlass des 40-jährigen Jubiläums des renommierten «Booker»-Preises im Jahr 2008 de facto als bester englischsprachiger Roman des 20. Jahrhunderts ausgezeichnet. Allein aufgrund der Bevölkerungsdichte des indischen Subkontinents muss man diesem innerhalb der überaus facettenreichen postkolonialen englischen Literatur ohne Zweifel eine Sonderstellung einräumen. Und waren es vor dreißig Jahren neben Rushdie noch vor allem zwar schon an britischen Universitäten ausgebildete, jedoch in Indien oder Pakistan geborene und aufgewachsene Autoren wie Amitav Ghosh oder Vikram Seth, so schickt sich seit einigen Jahren bereits die nächste talentierte Generation an, ins Bewusstsein der Leser vorzudringen. Die junge Amerikanerin Tania James, die einer christlichen Familie aus Kerala entstammt, wuchs in Louisville/Kentucky auf, studierte in Harvard und lebt heute in New York, wo sie für verschiedene renommierte Magazine und Zeitschriften schreibt. Ihre seit 2004 verstreut erschienenen Kurzgeschichten sind in den USA mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden, und im vergangenen Jahr ist endlich auch ihr zauberhafter Debütroman «Atlas des Unbekannten» zeitgleich in ihrer Heimat und in vielen Ländern Europas erschienen. Wenn man diesem clever komponierten, vielstimmigen Roman über die Beziehung zweier ungleicher Schwestern überhaupt etwas vorwerfen kann, so ist es vielleicht die konventionelle, fast klassische Erzählweise, die sich jedoch immer in den Dienst der inhaltlich überaus reichen Handlung stellt. Linno und ihre jüngere Schwester Anju wachsen mutterlos in einer christlichen Familie im südindischen Kerala auf. Beide besitzen ganz unterschiedliche, bemerkenswerte Talente: Während die verträumte Linno eine außerordentliche zeichnerische Begabung besitzt, die sich bereits im Dorf herumzusprechen beginnt und die sie nach dem tragischen Verlust ihrer rechten Hand sogar mühevoll auf ihre Linke zu übertragen vermochte, hat die lernbegeisterte, ehrgeizige Anju nicht nur zwei Schulklassen übersprungen, sondern sogar dreimal das lokale Bibelquiz gewonnen. Als sie sich als Jahrgangsbeste für ein Stipendium für die USA bewirbt, verhilft ihr jedoch nur ein Verrat an der älteren Schwester dazu, beim aus dem Ruder laufenden Auswahlgespräch doch noch den Zuschlag zu bekommen: Sie gibt deren meisterhafte Skizzen, einer spontanen Eingebung folgend, als ihre eigenen aus. Damit ist das zuvor innige Verhältnis der beiden Schwestern zerstört, Linno zieht sich in sich selbst zurück und Anju, die die seit Generationen in der Familie latent vorhandenen Hoffnungen auf ein besseres Leben in sich vereinigt, reist ab in eine vermeintlich bessere Zukunft. Erst die irritierenden Erfahrungen der Fremde und der Einsamkeit lassen Anju in Form einer mühevollen inneren Entwicklung zu sich selbst und am Ende auch wieder zu ihrer Schwester finden.
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