"Die Zeit wird es zeigen"

von Mira Magén

 

"Die Zeit wird es zeigen", aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler, erschienen im dtv, 395 Seiten, 14,90 Euro.

Bei «dtv» erscheinen mit schöner Regelmäßigkeit in nur kurzer zeitlicher Distanz zur hebräischen Originalausgabe nahezu alle neuen Werke der großartigen israelischen Schriftstellerin Mira Magén. Sie werden von der deutschen Literaturkritik ausnahmslos gelobt und auch von den vergleichsweise wenigen Lesern, die sie in Deutschland erreichen zu vermag, geliebt - und dennoch muss man die im orthodox-geprägten Kfar Saba der 1950er Jahre geborene und aufgewachsene hochtalentierte Bestsellerautorin in jeder Kritik immer noch als «Unbekannte» und als «literarische Neuentdeckung» präsentieren. Es fällt schwer, rationale Gründe hierfür zu finden, zumal einige deutlich weniger originelle israelische Schriftsteller sich hierzulande seit Jahren großer Popularität erfreuen, mit bedeutenden Literaturpreisen ausgezeichnet werden und sich sicher sein dürfen, jede ihrer Neuerscheinungen - und sei sie noch so belanglos - im Feuilleton wenigstens einer großen überregionalen Zeitung huldvoll besprochen zu finden, was Ihnen an dieser Stelle durchaus gegönnt sein soll. Es ist nur ein weiteres Indiz für die immer wieder beklagte selektive Wahrnehmung der ausgesprochen reichhaltigen Literatur eines Landes, das sich als Einwanderungsland zumindest in kultureller Hinsicht jedem allzu einfachen Urteil entzieht. Auch die Vermutung, dass es am Ende der lang abgelegte orthodoxe Hintergrund von Mira Magén sei, der sie manchem Rezensenten von vornherein als suspekt erscheinen lässt, führt ins Nichts, denn gerade die in Deutschland erfolgreichste israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev bedient sich in ihren abstrakten, nur vorgeblich in der modernen Realität Israels spielenden Büchern, immer auch einer geradezu überbordenden biblischen Rhetorik. Mira Magéns Bücher sind weder religiös gefärbt noch als reine akademische Versuchsanordnungen angelegt. Ihren auf feinfühlige Art zu Herzen gehenden neuen Roman könnte man als überaus lebensnah gezeichnete literarische Version des banal klingenden deutschen Titels bezeichnen: «Die Zeit wird es zeigen». Ausgerechnet der hoffnungsvollste Tag im Leben der dreizehnjährigen Anna droht das Leben ihrer kleinen Familie für immer ins Chaos zu stürzen. Es ist ein strahlender Sommertag; die seit ihrer Geburt unter massiven motorischen Störungen leidende Anna fühlt sich stark und kräftig wie nie, ist voller Selbstvertrauen: «Die Beine gehorchten dem Gehirn, bis mittags war sie kein einziges Mal gestolpert, sie konnte hören, wie das Leben sagte: „Los Anna, das ist dein Tag."» Sie sieht ein herrenloses Fahrrad an der Strandpromenade lehnen, vergisst alle Vorsicht und steigt auf. «Ihr kleiner Bruder sah alles, und bevor er losrennen und sie verpetzen konnte, sagte sie: „Komm doch mit, Tom, aber halt Dich an mir fest."» Zunächst geht alles gut und die beiden kosten gemeinsam ein nie gekanntes, überbordendes Glücksgefühl aus, doch dann lässt Tom los und Anna stürzt. «Es ist schwer zu erklären, was sich seither alles verändert hat. Der Geschmack des Brotes, die Höhe des Himmels, die Farbe des Meeres.» Denn der fünfjährige Tom liegt im Koma. Mira Magén besitzt ein überaus bemerkenswertes Talent, uns die Empfindungen von Kindern wie Erwachsenen mit nur wenigen Sätzen aus der Position des beobachtenden Erzählers begreiflich zu machen, auf meisterhafte, höchst einfühlsame Art und Weise versteht sie es, gerade der Sprachlosigkeit und stummen Verzweiflung ihrer Protagonisten eine überzeugende und wahrhaftige Sprache zu verleihen. Und am Ende zeigt die Zeit, dass sie einige heilsame Lehren für uns bereithält. Auch mit ihrem neuen Roman beweist Mira Magén, dass sie zu den wichtigsten literarischen Stimmen ihres Landes gehört.

 

 

«Jüdische Zeitung», Februar 2010