Leider nur die alte Leier

Eine Publikation betrachtet das Verhältnis von deutscher, Linken, Zionismus und Nahost-Konflikt

Bisweilen verrät der Blick in die Fußnoten einer Publikation mehr als deren eigentlicher Text. Offenbaren sich am unteren Rand der Seiten doch meist in kleiner Schrifttype und fein säuberlich mit Zahlen versehen, worauf ein Autor seine Argumentation letztlich aufbaut. Zum sorgfältigen Umgang mit solchen Quellen gehört eigentlich auch deren kritische Einordnung, da auf diesem Wege sich zumindest erahnen lässt, wie ein Verfasser die Quellen,aus denen er seine Weisheit schöpft, letztlich einschätzt. Damit wird eine argumentative Distanz geschaffen, die auch ein Gebot der Offenheit dem Leser gegenüber ist. Leider ist das Verfahren solcher Quellenkritik heute allzu sehr in Vergessenheit geraten. Im Fall der von Wolfgang Gehrcke, Jutta von Freyberg und Harri Grünberg verfassten Publikation «Die deutsche Linke, der Zionismus und der Nahost-Konflikt» führt diese Nachlässigkeit weiter ins Herz der Problematik, als es den Verfassern mit ihrem Anliegen an irgendeiner Stelle ihres Buches gelingt.

 

Wenn die drei Verfasser beispielsweise den israelischen Historiker Schlomo Sand zitieren, dann ist das selbstredend legitim. Sand ist schließlich einer der scharfsinnigsten Kritiker israelischer Regierungspolitik und - das ist in diesem Zusammenhang fast wichtiger - Sand durchkreuzt immer wieder gängige universitäre Lehrmeinungen, die ihrerseits wiederum oft genug als Fundament der Tagespolitik missbraucht werden. Wenn Sand zum Beispiel jüngst die durchaus Aufsehen erregende Frage aufgeworfen hat, wie und wann das jüdische Volk «erfunden» worden sei, dann befinden wir uns direkt an der Schnittstelle von Wissenschaft und Politik, weil der Historiker damit letztlich das Narrativ von Exil und Diaspora im Altertum und mithin auch die Legitimität einer «Rückkehr» ins Heilige Land in der Neuzeit infrage stellt. Es wäre also durchaus angebracht, solche Umstände darzustellen, wenn man jemanden wie Sand zitiert. Noch problematischer jedoch ist die Zitation durch die Autoren an sich.

 

Wolfgang Gehrcke/Jutta von Freyberg/Harri Grünberg: Die deutsche Linke, der Zionismus und der Nahostkonflikt. Eine notwendige Debatte. PapyRossa Verlag, Köln 2009. 270 Seiten, 16,90 Euro.

So wird als Quellenangabe von Sands Aufforderung nach einem neuen Verständnis des Nationalstaates Israel als «Staat aller seiner Bürger», der endlich «offen zur arabischen Welt» werden soll, die Internetseite der Organisation «Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost» angegeben. Da die Autoren dies unter Verzicht selbst nur halbwissenschaftlicher Gepflogenheiten auf die Angabe der vollständigen Internetadressen und des Abrufdatums tun, ist dies schon an sich fragwürdig. Dass sie jedoch den direkt anschließenden Warnruf Sands, die israelische Politik müsse endlich «umdenken», wenn die Existenz Israels auch weiterhin garantiert sein solle, dann von der erzreaktionären und offen antisemitischen Internetseite www.kreuz.net erfahren haben wollen, setzt dem Verfahren des unsauberen Arbeitens sichtbar die Krone auf - und führt mitten in das von den Verfassern ursprünglich ins Auge gefasste Problem: Die teilweise radikale Ablehnung Israels durch breite Teile der politisch linken Spektrums, die eine schmerzliche Analogie zu manchen rechten Kreisen offenbart und oft genug den Vorwurf des «linken Antisemitismus» provoziert. Dem zu widersprechen dürfte den drei Autoren dabei ein ernstes Anliegen gewesen sein, waren oder sind doch mit Wolfgang Gehrcke und Harri Grünberg zumindest zwei von ihnen bei der Partei «Die Linke» politisch aktiv.

 

Zwei Jahre nachdem mit Gregor Gysi ein Oberer dieser Partei den Bruch mit dem aus der Arbeiterbewegung tradierten Antizionismus gewagt hat, ist eine solche Publikation mehr als dringend erwartet worden. Wie es zum Antizionismus kam, welche Vorbehalte auf der linken Seite des politischen Spektrums gegen den als Ausdruck von bürgerlichem Nationalismus, Imperialismus oder jüdischem Nationalismus aufgefassten Staat Israel im Lauf der Geschichte geäußert wurden, wird von den Autoren dabei durchaus in anschaulicher und gut zu lesender Art und Weise dargestellt. Auch wenn die Darstellung der jüdischen Geschichte seit der Aufklärung stark verkürzt und bisweilen mit eigenwilligen Akzenten versehen ist, rufen die Autoren die im gegenwärtigen wissenschaftlichen Mainstream zu Unrecht fast vollständig verdrängte marxistische Imperialismustheorie in Erinnerung, die gerade bei der Erklärung des Nahostkonflikts nicht vollkommen auszuklammern ist. Zudem stellen Gehrcke, von Freyberg und Grünberg die radikale Ablehnung des Zionismus' infrage, sind also durchaus der von Gregor Gysi zum Ausdruck gebrachten Haltung gegenüber Israel verpflichtet, die bei aller kritischen Distanz zu Israel zumindest im Ansatz mehr Potential verspricht als die kompromisslose Ablehnung des jüdischen Staates. Und dennoch stoßen die Autoren einzig bei der Behandlung und Bewertung der reichlich verqueren «antideutschen» Ideologie sowie der kritischen Auseinandersetzung mit Antonio Negris neomarxistischer Globalisierungstheorien in Gefilde vor, die aktuell und intellektuell spannend sind.

 

So bleibt auch diesen drei Autoren am Ende wieder einmal nichts anderes als ein pathetischer Schluss: «Israel und Palästina sind aneinander gekettet, kein Schritt des Einen ist möglich ohne Auswirkung auf den Anderen», heißt es hier. Ja nun, so weit dürften die meisten Leser schon vor der Lektüre gediehen sein. Ebenso inspiriert wirken ihre veritabel atemberaubenden Aufrufe an die Parteien des Nahostkonflikts, endlich auf Gewalt zu verzichten. Abgesehen von zahlreichen ebenso ärgerlichen wie peinlichen Flüchtigkeitsfehlern verpasst die Publikation von Gehrcke, von Freyberg und Grünberg am Ende leider also auch die Chance einer wirklichen Neubewertung des gegenwärtigen Verhältnisses von deutscher Linke, Zionismus und Nahost-Konflikt. Was bleibt, ist der erkennbare Wille, dieses Verhältnis, das durchaus gedankliches Potential für Lösungen birgt, einer allmählichen Revision zu unterziehen.

 Florian Behar

«Jüdische Zeitung», Februar 2010