Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Jüdische FeiertageZeit für "Coming-Outs" - Purim
Das fröhlichste Fest im jüdischen Kalender ist Purim, das in diesem Jahr auf den 27. und 28. Februar fällt. Purim geht auf das etwa im 4. oder 3. Jahrhundert v.u.Z. verfasste, mit reichlich Gewalt und Erotik angereicherte «Buch Esther» zurück, in dem die Befreiung der Juden Persiens dank der Vermittlungen einer Frau geschildert wird. Die Geschichte, die von der kritischen Bibelwissenschaft ins Reich der Legenden gestuft wird, beginnt damit, dass der in der Stadt Susa residierende Perserkönig Ahasveros seine Gattin Vaschti verstößt. Er sucht eine Nachfolgerin und lernt Esther kennen, die bei ihrem Onkel Mordechai, einem Bediensteten Ahasveros', lebt. Ahasveros nimmt Esther zur Frau, ohne von ihrem Jüdischsein zu wissen. Kurz darauf droht den persischen Juden Unheil. Mordechai fällt bei Haman, dem Wesir Persiens, in Ungnade. Er soll sich nicht, als Zeichen der Ehrerweisung, vor Haman verbeugt haben. Aus Rache beschließt Haman eine Kollektivstrafe: die Vernichtung sämtlicher Juden in Persien. Den Zeitpunkt für das geplante Gemetzel, den 14. des Monats Adar, bestimmt Haman per Los (vom Akkadischen «Pur») - daher der Name «Purim». Haman erlangt die Zustimmung des Königs. Esther fordert daraufhin die Juden von Susa auf, ein dreitägiges Fasten einzulegen. In der Zwischenzeit erfährt der König, dass gegen ihn ein Mordkomplott geplant gewesen sei, das Mordechai verhindert hat. Außerdem gibt Esther Ahasveros ihre Identität preis und erzählt vom geplanten Mord an den Juden durch Hamans Truppen. Ahasveros lässt Haman hängen. Die Juden von Susa, durch königliches Dekret zur Verteidigung ermächtigt, schlagen die Hamanschen Aggressoren. Dessen zehn Söhne und weitere 75.000 (!) Anhänger Hamans werden landesweit getötet. Um ihre Rettung zu feiern, veranstalten die persischen Juden daraufhin am 14. und 15. Adar einen großen Festakt.
In der jüdischen Tradition ist Purim mit vier Mitzwot (Geboten) verknüpft. Gläubige lesen an diesem Tag das «Buch Esther», die «Megillah». Brauch ist es auch, Geld oder Lebensmittel an bedürftige Personen zu geben oder eine Geldspende in der Synagoge zu leisten («Matanot Le-Evyonim »). Jeder Jude soll an diesem Tag ein Geschenk an mindestens einen Menschen senden, der ihm am Herzen liegt. Gerade Orthodoxe verfallen daher in den Tagen vor Purim in Panik, wenn es ums Beschaffen der Aufmerksamkeiten an den Mitmenschen geht. Dabei handelt es sich meist um einen kleinen Präsentkorb, der mit Süßigkeiten wie Hamantaschen (hebräisch «Osnej Haman») und Schokolade sowie Früchten und Getränken gefüllt ist.
Nach eintägigem Fasten findet zudem am Purim-Abend in Häusern orthodoxer Familien ein üppiges Festmahl statt. Auch dem Alkohol kommt an Purim eine besondere Rolle zu. Ultraorthodoxe Rabbiner fordern ihre Gemeindemitglieder ausdrücklich dazu auf, sich «bis zur Besinnungslosigkeit» («ad de lo jada») zu betrinken. Denn: Der Überlieferung zufolge sei das «Purim-Wunder» nicht zuletzt den Kräften des Weines zu verdanken. Daher trifft der Besucher orthodoxer Viertel in Jerusalem, Antwerpen oder Brooklyn an diesem Tag allerorten durch die Straßen torkelnde, betrunkene orthodoxe Männer (Frauen sind nach orthodoxem Verständnis vom Besäufnisgebot ausgenommen).
Nicht fehlen dürfen an Purim die Verkleidung sowie die Umzüge. Während unter Orthodoxen klassische Kostüme vorherrschen - Mädchen: Königin, Jungens:Soldaten -, sind dem säkularen Partymenschen keine Grenzen gesetzt. In einigen US-Großstädten und in Tel Aviv wird Purim heute zu einem «Gay Jewish Halloween» stilisiert: Auf rauschenden Kostümparties in Szeneclubs präsentieren sich Schwule und Lesben in ausgefallenem Fummel. Viele Homosexuelle sehen in der Geschichte von Esthers Selbstoffenbarung als Jüdin Parallelen zur eigenen Erfahrung des Coming-outs.
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