Die "Richtigen"

Ein Blick auf die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschlands

 

Es gibt keinen Einheitsrabbiner, einen der sowohl orthodox als auch liberal ist. Und das ist gut so, meinen viele. Was wäre, wenn der religiöse Lenker der Gemeinde den Kaddisch einmal erst dann anstimmen würde, wenn ein Minjan mit zehn Männern vollzählig versammelt ist, und wenn er in der Woche darauf die liberalen Frauen mitzählen würde, die diesmal nicht auf der Empore, sondern an der Seite ihrer Ehemänner Platz genommen haben? Genauso unvorstellbar ist, dass der spirituelle Lehrer den wechselnden Gläubigen nur nach dem Munde reden würde: Heute akzentuiert er orthodox, dass es gut ist, jüdisches Leben streng an den Buchstaben der Schrift auszurichten. Morgen vertritt er in liberalem Geist die Meinung, dass jüdische Ethik in der modernen Welt immer wieder neu nach ihrem Sinn befragt werden muss. Mal Halacha, mal Haskala: In der Einheitsgemeinde muss das zum Problem werden.

 

Die Grenzen zwischen orthodoxem und liberalem Judentum sind ephemer, also unwesentlich und fließend, unterstreicht Feliks Byelyenkov, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Brandenburg. Für ihn ist es eine der wichtigsten Aufgaben der Gemeinde, sich den Rabbiner frei wählen zu können. Einen, der die jüdische Religion glaubhaft vertritt. Doch wen vertreten die Rabbiner eigentlich? Die meisten der russisch-jüdischen Zuwanderer, der Großteil der jüdischen Gemeindemitglieder in Deutschland, seien, so Byelyenkov, nur schwer einer religiösen Strömung zuzuordnen. Denn die meisten sind Atheisten oder Agnostiker. Trotzdem gehören viele einer von orthodoxen Rabbinern betreuten Gemeinde an. Byelyenkov verweist auf das bei vielen unterbewusst vorherrschende Gefühl, dass nur die Orthodoxen die «wahren Träger der Religion» seien. Er verweist auf den ersten israelischen Ministerpräsidenten David Ben Gurion. Der sei nie in eine Synagoge gegangen, habe jedoch gesagt, wenn er doch mal dorthin ginge, dann müsse sie orthodox sein. So denken auch viele Juden im heutigen Deutschland.

 

Enge Bindung ans Oberrabbinat in Jerusalem

 

Das oberste Gremium der Orthodoxie in Deutschland ist die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschlands (ORD). Sie wurde am 27. April 2003 gegründet. Zwei der elf Gründungsrabbiner sind nicht mehr dabei: Benyamin Barsilai (Bremen) verstarb, Natanel Teitelbaum (Köln) verließ 2008 überstürzt das Land in Richtung israelische Heimat. Heute vereinigt die ORD 22 ordentliche Mitglieder, sieben außerordentliche und drei assoziierte - natürlich allesamt Männer, Frauen ist in der Orthodoxie das Rabbineramt verwehrt. Auf den Versammlungen der ORD und dem orthodoxen Beith Din (Gericht), werden vornehmlich Statusfragen geklärt: Wer ist nach orthodoxem Verständnis Jude? Sind die Bedingungen für eine Konversion («Gijur«) nach orthodoxem Modell erfüllt? Kann ein Paar orthodox geschieden (ein «Get» bekommen) werden? Große Bedeutung bei den Beratungen des Beith Din hat die «Koscherliste», die zur Zeit 3.500 Produkte enthält. Die Gründung des ORD sah Nathan Kalmanowicz, 2009 verstorbener einstiger Kultusdezernent des Zentralrats der Juden in Deutschland, als Wendepunkt: «Vor 2004 haben sich Orthodoxe und Liberale gegenseitig behindert. Inzwischen ist effektive Arbeit möglich», sagte Kalmanowicz im Juli 2008 unserer Zeitung. Die Mehrheit der Orthodoxen in den jüdischen Einheitsgemeinden Deutschlands brauche nach seiner Auffassung in der mit liberalen und konservativen Rabbinern besetzen Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK) ein Gegengewicht: «Wir wissen ja nicht, wo die Entwicklung hin geht, und es muss sicher sein, dass keine Seite dominiert und die andere unterdrückt.»

 

In der Vorkriegszeit war Deutschland Zentrum des Reformjudentums, die Orthodoxie spielte nur eine untergeordnete Rolle. Die nach dem Holocaust neu auflebenden kleinen Gemeinden von Überlebenden und aus Osteuropa und dem Nahen Osten zugewanderten Juden verstanden sich jedoch überwiegend als dem orthodoxen Judentum zugehörig. Die ORD und ihr Beith Din (Gericht) richten ihre Jurisdiktion am als eher konservativ geltenden Oberrabbinat in Jerusalem aus. Auch der schwergewichtige Anteil israelischstämmiger orthodoxer Rabbiner in Deutschland stützt diese enge Bindung. Der Austausch mit den Weisungsgebern in Jerusalem und Tel Aviv ist rege. Der aschkenasische Oberrabbiner Israels Yona Metzger und sein sephardischer Amtskollege Schlomo Amar sind regelmäßig beim ORD und in den Gemeinden zu Gast, um für den «richtigen, geradlinigen» Glauben zu sorgen. Nichts anderes bezeichnet die Orthodoxie. Ihr striktes Denken soll Schutz bieten gegen «pluralistische Beliebigkeit».

 

Erziehung, Erziehung, Erziehung

 

Diese zog jedoch im Zuge der großen jüdischen Zuwanderung aus Osteuropa ein und zeichnete eine neue religiöse Landschaft in Deutschland. Die liberalen und konservativen Gemeinden und ihre Rabbiner erhalten ihre geistige und finanzielle Nahrung vorrangig aus dem liberal geprägten angelsächsischen Raum. Auch die heutige Aufteilung in zwei Rabbinerkonferenzen spiegelt die Entwicklung wieder. Immerhin wirken die beiden divergierenden Konferenzen seit 2004 unter dem Dach der «Deutschen Rabbinerkonferenz» (DRK) zusammen. Im jährlichen Wechsel teilen sie sich Vorsitz und Stellvertretung. Mit dieser Clearing-Stelle herrscht nach außen hin etwas mehr Geschlossenheit im deutschen Judentum, nachdem jahrelang in verschiedenen Gemeinden die Fetzen flogen und bundesweit zwischen dem jüdischen Establishment im Zentralrat und der kleinen Union Progressiver Juden (UPJ) um die Partizipation an Geld und Einfluss gerungen wurde. Probleme gibt es jedoch weiterhin. Die liberalen und progressiven Juden verfügen in der Allgemeinen Rabbinerkonferenz über ein eigenes Beith Din. Dessen Entscheidungen werden von den Orthodoxen oftmals nicht akzeptiert. Leben und leben lassen heißt daher vielerorts die Devise.

 

Die ORD hat sich derweil zum erklärten Ziel gesetzt, den russisch-jüdischen Zugewanderten «besondere Aufmerksamkeit» zukommen zu lassen. Klartext: Sie sollen - nach dem Prozess ihrer weitgehenden Akkulturation und Assimilation in der nichtjüdischen Mehrheitsbevölkerung und dem Verlust jüdischer Traditionen - in den deutschen Einheitsgemeinden und durch das Wirken der orthodoxen Rabbiner eine «neue Spiritualität» erfahren und «neue Jüdischkeit» erlernen. Wie? Vor allem durch Bildung. Die Vereinigung der orthodoxen Rabbiner sieht ihre Aufgabe traditionell vor allem darin, Vorschul- und Schulkinder in der orthodoxen Vorstellung vom jüdischen Glauben zu erziehen.

 

Zwischen Halacha und Staat

 

Avichai Apel ist Mitglied im dreiköpfigen Vorstand der ORD. Der 34-jährige Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Dortmund stammt aus dem israelischen Petach Tikva, in Israel erwarb er auch seine Smicha für das Amt des Rabbiners. Apel spricht auch Russisch: Zweieinhalb Jahre hat er nach der Ordination in der Ukraine verbracht. Ihn fragen wir, ob aus der Sicht der Orthodoxen in den Einheitsgemeinden ob des unterschiedlichen religiösen Weltbildes nicht Konflikte mit liberalen, traditionellen, progressiven oder säkularen Juden vorprogrammiert seien. Apel drückt sich vorsichtig aus, hebt aber den Hegemonialanspruch der Orthodoxie hervor: «Wo Bedarf besteht, auch eine andere Linie zu entwickeln und unsere Mitglieder die Kapazität dazu haben, sorgen die Gemeinden in der Regel dafür, auch andere Richtungen zu respektieren. So kann parallel zur Haupt-Minjan eine liberale Gebetsgemeinschaft eröffnet werden.»

 

Eine Frage, die sich im Kontext des orthodoxen Judentums immer wieder stellt, ist die nach der Vereinbarkeit von Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, und Zivilordnung, zum Beispiel beim Thema Eheschließung und Scheidung. Apel dazu: «Wir leben nach der Halacha. Und wir respektieren und achten auch die staatliche Ordnung, solange sie nicht im Gegensatz zur Halacha steht, wie beispielsweise beimVersuch, das Schächten oder die Beschneidung zu verbieten. In solchen Fällen suchen wir eine Klärung mit den Politikern, bevor das Problem unlösbar ist. In der Frage der Eheschließung gibt beispielsweise seit einem Jahr die Möglichkeit der Trauung und Scheidung auch ohne Standesamt. In der Regel geht man aber auch bei der halachischen Hochzeit heute erst zum Standesamt.»

 

Gemeinsam mit dem Zentralrat und mit der europäischen Rabbinerkonferenz ist die ORD seit einiger Zeit Partner der finanzkräftigen US-amerikanischen Ronald S. Lauder Foundation, die im Berliner Lehrhaus «Yeshivas Beis Zion» eine international geprägte Rabbinerausbildung in Gang gesetzt hat. Am 2. Juni 2009 wurden in München mit dem Ukrainer Avraham Radbil und dem Ungarn Zsolt Balla die ersten orthodoxen Rabbiner im Nachkriegsdeutschland ordiniert. Die Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch, selbst Mitglied der Einheitsgemeinde IKG München, bezeichnete die Weihe der neuen orthodoxen Rabbiner als «Sieg über die Nazis».

 Lukas Andel und Miriam G. Fried

«Jüdische Zeitung», Februar 2010