Der Tagarbeiter

Lester Rodney, der Begründer des kritischen Sportjournalismus, ist gestorben

 

In den USA waren Ende Dezember die Blätter voll mit Nachrufen auf einen Mann, der Journalismusgeschichte geschrieben hat. In Deutschland kennt ihn kaum jemand: Lester Rodney. Dabei ist sein Verdienst erheblich: Nichts weniger als die Aufhebung der Rassenschranken im US-amerikanischen Sport in den 1940er Jahren.

 

Der Sportjournalist Lester Rodney.

Foto: Archiv

Lester Rodney wurde am 17. April 1911als Enkel jüdischer Einwanderer in New York geboren. Sein Vater, Republikaner und Fabrikant, verlor in der Weltwirtschaftskrise 1929 sein ganzes Vermögen. Anstatt das Studium beenden zu können, musste der junge Rodney sich und seine Familie mit Aushilfsjobs über Wasser halten. Seine politische und journalistische Initiation beschrieb Rodney so: «Ich ging nachts zur Universität und arbeitete tagsüber. Man konnte zu dieser Zeit nicht in NewYork auf einen Campus gehen und nicht irgendwie radikal werden, ob nun Kommunist, Sozialist, Trotzkist. Du galtest andernfalls als hirntot und warst es vermutlich auch. Alle Gespräche drehten sich während der Depression darum. Eines Tages traf ich jemanden, der den „Daily Worker" verkaufte. Er sagte: „Lies diese Zeitung und denk drüber nach." Ich war sofort affiziert und zu der Zeit bereit, den Kapitalismus in Frage zu stellen. Aber was meine Aufmerksamkeit in den Bann schlug, war, dass sie auch eine wöchentliche Sport-Kolumne hatten.»

 

Doch der Sportfan war unzufrieden mit der einseitigen Sportberichterstattung in dem kommunistischen Blatt und schrieb prompt einen Brief an die Redaktion: «Ich schlug ihnen vor, dass sie zwar darüber schreiben sollten, was im Sport alles falsch läuft, aber dass sie doch bitte zur Kenntnis nehmen sollten, dass Sport zu den Dingen gehört, die für amerikanische Arbeiter bedeutend sind - und zwar aus guten Gründen.» Das Blatt ließ sich auf das Experiment ein und machte Rodney zum ersten Sportredakteur des „Daily Worker", der fortan mit einer Sportseite pro Tag erschien. Wohlgemerkt, die Zeitung bestand nur aus acht Seiten. Weil es so üblich war, wurde Rodney Mitglied der Kommunistischen Partei, ohne sich allerdings jemals der Agitation verdächtig zu machen. Es ging ihm um Aufklärung, um das Sichtbarmachen von Missständen und darum, die Bigotterie in der US-amerikanischen Gesellschaft anzuprangern. Auf der einen Seite gab es das Amerika, das Hitler-Deutschland bekämpfte, und auf der anderen Seite das Amerika, das schwarze Sportler in separate Ligen, den sogenannten «Negro Leagues», verbannte. Vor allem im Volkssport Baseball. Auch wenn sie noch so begabt waren, so wurden Schwarze aus der «Major League Baseball» (MLB) systematisch ausgeschlossen.

 

Rodney wurde zum Fürsprecher der unterprivilegierten, afroamerikanischen Sportler. Er schrieb an gegen die Segregation, gegen die Unterdrückung und den Rassenhass und feierte als einer der wenigen weißen Sportreporter hymnisch die Leistungen von schwarzen Supertalenten. Rodney selbst war ein lebenslanger Fan der Los Angeles Dodgers, die bis zu ihrem Umzug nach Kalifornien Brooklyn Dodgers hießen. Dass der schwarze Baseballer Jackie Robinson heute eine US-Sportikone ist, ist auch dem Engagement Rodneys zu verdanken. Jahrelang beobachtete und bejubelte er diesen außergewöhnlichen Spieler, setzte sich für ihn ein, als er noch rassistischen Attacken ausgesetzt war. Im April 1947 erhielt Robinson als erster schwarzer Spieler überhaupt einen Vertrag in der MLB.

 

Solche Durchbrüche in der Rassentrennung waren aber nicht nur mit journalistischen Mitteln zu erkämpfen. So initiierte Rodney auch große Unterschriftenaktionen und Kampagnen.

 

Als die stalinistischen Verbrechen immer sichtbarer wurden, wandte sich Rodney von der KP ab. 1958 verließ er die Redaktion des «Daily Worker». Er zog mit seiner Familie nach Kalifornien und wurde Redakteur des «Press-Telegram». Zwar bleibt er ein leidenschaftlicher Sportfan, aber journalistisch widmete er sich fortan religiösen Themen. Mit Lester Rodney ist am 21.12.2009 auch der letzte Sportreporter gestorben, der den legendären Kampf Joe Louisvs. Max Schmeling 1938 im Yankee Stadium live kommentiert hat. Dave Zirin, ein linker US-Sportreporter, schrieb in seinem Nachruf über Rodney: «Lester gab einem das Gefühl, dass da draußen noch so viel unvollendete Arbeit ist. Aber er gab dir auch das Gefühl, dass es ein großer Spaß im Leben ist, es zu versuchen, es erledigt zu kriegen. Das, und einen perfekten 6-4-3 Double Play zu sehen.»

 Anja Lenja Mueller

«Jüdische Zeitung», Februar 2010