Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Fremde NachbarnFrancois Guesnet hat eine Anthologie polnischer Autoren über deren Wahrnehmungen jüdischer Präsenz in Polen vom 19. Jahrhundert bis heute herausgegeben
Als der Antisemitismus am Ende des 19. Jahrhunderts in Polen aufkeimte, äußerte Eliza Orzeszkowa, eine der bedeutendsten Autorinnen dieser Zeit, ihre Kritik darüber, «dass vor unserem geistigen Auge der Jude nach wie vor so dasteht, wie ihn das Mittelalter gemalt hat: als halb übernatürliches, geheimnisvolles Wesen, umweht vom Grauen seiner Verbrechen und von dem Schwefelrauch, den lateinische Exorzismen seinem teuflischen Schlund entlocken». Dass genau diese Stereotype noch immer aktuell waren, führte sie auf die fehlende Neugier der meisten Polen und ihre Faulheit zurück, die jüdischen Nachbarn besser kennenzulernen.
Diese und andere Stimmen hat der am University College in London lehrende Historiker François Guesnet für seine Anthologie «Der Fremde als Nachbar», die Ende 2009 im Suhrkamp Verlag erschienen ist, zusammengetragen. Um eine möglichst umfassendes Bild zu liefern, ließ er nicht nur den Adel, die Kirche und politische Aktivisten zu Wort kommen, sondern auch Journalisten, Wissenschaftler und Schriftsteller. Zu jedem der sieben Kapitel stellt der chronologisch geordnete Band einen knapp gehaltenen Einleitungsteil voran, in dem er die Texte in ihren historischen Kontext eingeordnet werden.
Guesnet zeigt, wie ambivalent das Verhältnis vieler Polen zu ihren jüdischen Nachbarn des 19. Jahrhunderte war. Einerseits herrschte eine nationalistisch und christlich motivierte Ablehnung gegenüber Juden, andererseits gab es auch eine gewisse Bereitschaft, sich mit ihnen zu arrangieren. Ganz im Sinne der Aufklärung wurden von nichtjüdischen Polen Mitte des 19. Jahrhunderts zahlreiche Vorschläge gemacht, wie man die jüdische Gemeinde reformieren könne. Besonders bemerkenswert ist dabei ein Text des polnischen Historikers und Pädagogen Tadeusz Czacki, der auf der Grundlage einer ausführlichen historischen Analyse ein umfangreiches Reformprogramm aufstellte. Czaskis Auffassung zufolge sollten den Juden volle Rechte und Pflichten als Staatsbürger zuerkannt werden - mit dieser Auffassung vertrat er nicht die Mehrheitsmeinung. Der polnische Historiker Henryk Schmitt brachte ein vielerorts vorherrschendes Denken schließlich auf den Punkt: Die Juden müssten zunächst ihre «Fremdheit» ablegen, erst dann könne man ihnen ein «Bleibe- und Niederlassungsrecht» zusichern.
«Man hat uns zurückgestoßen»
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Ton zunehmend unfreundlicher. Auslöser dafür war ein Artikel eines Journalisten aus dem Jahre 1859, der nach einem schlecht besuchten Konzert einer Musikerin in Warschau den Juden der Stadt vorwarf, sie seien dem Konzert nur ferngeblieben, weil die junge Virtuosin Christin sei. Plötzlich wurden Gerüchte über einen verschwörerischen «jüdischen Bund» laut, der Europa kontrolliere. Der antisemitische Vorwurf zog eine Flut von verleumderischen Schriften und Reden nach sich, heute unter dem Begriff «Jüdischer Krieg» zusammengefasst. Gerade der große wirtschaftliche Erfolg einiger Juden im Zuge der Industrialisierung geriet zunehmend in den Fokus von antijüdischen Meinungsmachern und heizte die Verschwörungsdebatten weiter an.
Eine der wenigen Fürsprecherinnen der Juden im ausgehenden 19. Jahrhunderts war Eliza Orzeszkowa. Die Schriftstellerin betrachtete die polnisch-jüdische Annäherung als notwendige Voraussetzung für die Wiederherstellung eines unabhängigen Nationalstaats Polen. Das Land war Ende des 18. Jahrhunderts unter den Großmächten Russland, Preußen und Österreich aufgeteilt worden; immer wieder formierten sich Kräfte, die die Einheit Polens wiederherstellen wollten. 1881 hatte Orzeszkowa die jüdische Bevölkerung noch als eine materielle und geistige Macht bezeichnet, «die in unberechenbarem Maße zur Wiederauferstehung oder zum endgültigen Untergang unserer gemeinsamen Sache beitragen kann». Doch angesichts der Hoffnungslosigkeit der nationalen Sache Ende des 19. Jahrhunderts und einer anhaltenden antijüdischen Grundstimmung machte sich in der jüdischen Bevölkerung bald tiefe Enttäuschung und Resignation breit. Reaktionen darauf waren die Auswanderung und die Ausbreitung der zionistischen Bewegung. Orzeszkowa, die polnische Aufklärerin, die auf ein Ende der «jüdischen Absonderung» gehofft hatten, fühlte sich von den Juden verraten. «Wir haben geliebt - und man hat uns zurückgestoßen!», schrieb sie 1911 ernüchtert.
Als Ergebnis des Ersten Weltkrieges erlangte Polen im Jahr 1918 seine staatliche Souveränität zurück. Diese war jedoch an die Bedingung geknüpft worden, Minderheitenschutzverträge zu ratifizieren. Immerhin waren zu der Zeit über ein Drittel der auf polnischem Territorium lebenden Menschen keine katholischen Polen. Viele polnische Nationalisten werteten den Minderheitenschutz als Verletzung der Souveränität und sprachen sich nachdrücklich gegen die wachsende jüdische Selbstorganisation aus, die sie als «antipolnisch» betrachteten. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges waren rund zehn Prozent der polnischen Bevölkerung Juden. In Großstädten wie Warschau stellten sie sogar ein Drittel der Bevölkerung. Die Mehrheit der polnischen Juden, etwa drei Millionen, sollte die Schoa nicht überleben.
Fieberhaftes Bagatellisieren
Die letzten beiden Kapitel seiner Anthologie widmet Guesnet der Zeit nach 1945 und der schrittweisen Aufarbeitung polnisch-jüdischer Geschichte. Der Literaturkritiker Jan Błoński lieferte dabei 1987 - also erst vierzig Jahre nach der Schoa - in einem Aufsatz eine stechend-scharfe Analyse zum verdrängten Aufarbeitungsprozess. Als einer der ersten polnischen Publizisten regte er einen neuen Umgang in der innerpolnischen Opferdebatte an: «Wenn wir nur auf ein Ereignis, eine Tatsache stoßen, die kein besonders gutes Zeugnis von uns ablegt, sind wir fieberhaft bemüht zu beschönigen, zu entschuldigen zu bagatellisieren [...] Wir wollen auch - und ausschließlich - Opfer sein...». Błoński forderte, sich der polnischen Mitverantwortung und Schuld zu stellen, ihren jüdischen Nachbarn während der Schoa nicht solidarisch zur Seite gestanden zu haben, als man diese tötete. Mitschuld durch Unterlassung lautet sein Vorwurf, sein Aufruf war der zu einer moralischen Umkehr. Ein Aufruf, dem sich Teile der polnischen Öffentlichkeit seitdem verpflichtet fühlen, und der im Zuge der im Jahr 2000 entfachten Jedwabne-Debatte - erstmals wurde öffentlich der Mord von Polen an ihren jüdischen Nachbarn zur Zeit der Schoa offengelegt und thematisiert - eine neue Qualität bekam. Obwohl «Der Fremde als Nachbar» in erster Linie an ein akademisches Publikum gerichtet ist, bietet die Anthologie ebenso jenem Leser, der sich für polnisch-jüdische Geschichte und Antisemitismus im europäischen Vergleich interessiert, eine spannende und erhellende Lektüre. Die bemerkenswert vielfältige Textauswahl zeigt den schwierigen und oft widersprüchlichen Umgang der nichtjüdisch-polnischen Mehrheitsbevölkerung mit «ihren Juden» auf. Und: Die Texte führen dem Leser dabei auch vor Augen, dass es wesentliche Unterschiede zwischen polnischer und deutscher Wahrnehmung des jüdischen «Anderen» gab.
François Guesnet (Hrsg.): Der Fremde als Nachbar, Polnische Positionen zur jüdischen Präsenz, Aus dem Polnischen von Jan Conrad, Michael G. Esch, Bernhard Hartmann, Jürgen Heyde, Peter Oliver Loew, Bettina-Dorothee Mecke, Sven Sellmer, Andreas Volk u. a., Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main 2009, 683 Seiten, 39,80 Euro.
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