Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Edith Stein – Brückenbauerin zwischen Juden und Christen?Überlegungen zu den Bedingungen des jüdisch-katholischen Dialogs.Papst Benedikt XVI. ermutigt Juden und Christen, ein gemeinsames Zeugnis abzulegen für den einen Gott und seine Gebote: die Unantastbarkeit des Lebens und die Menschenwürde. Edith Stein (1891-1942) mahnt uns als Jüdin, Philosophin und Karmeliterin, eine Welt der Gerechtigkeit und des Friedens aufzubauen. In ihrer Person treffen sich der christliche Märtyrerbegriff und die dunkle Geschichte der jüdischen Erfahrung von Verfolgung und Vernichtung sinnhaft und widersinnig zugleich. Als Jüdin ist Edith Stein am 9. August 1942 in Auschwitz ermordet worden. In der Katholischen Kirche wird sie als Märtyrerin und eine Patronin Europas verehrt, deren Statue diesen Oktober in die letzte leere Außenkonche des Petersdomes in Rom aufgestellt wird. Damit wird die Karmeliterin Theresa Benedicta vom Kreuz zu einer Schnittstelle jüdisch-katholischer Begegnung. Das Konversionsereignis in ihrem Leben ist sperrig für viele Juden. Ihr Tod stellt sie aber in die Schicksalsgemeinschaft des jüdischen Volkes zurück. Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, ihre Suche nach Identität ernst zu nehmen und daraus einen Weg für das jüdisch-katholische Verhältnis zu suchen. Die persönliche Glaubensentscheidung von Edith Stein, Katholikin und Nonne zu werden, ist schon deswegen für das Judentum so sperrig, weil dieser Schritt vor dem Hintergrund Jahrhunderte langer Zwangstaufen und Verfolgungen durch die katholische Kirche wie ein Ausbruch aus der Solidarität einer geknechteten Schicksalsgemeinschaft erscheint. Solche Tabubrüche gibt es auf beiden Seiten. So wurde der katholische Priester Kenneth Fox Jude und wählte den Namen Abraham Carmel. Sowohl Judentum als auch Katholizismus sehen diese individuellen Entscheidungen traditionell kritisch: als Apostasie (Abfall vom Glauben). Beide halten aber daran fest, dass die Zugehörigkeit zu Judentum und Katholizismus im Grunde unverletzbar und unaufhebbar ist. So bilden Edith Steins Lebensentscheidung und ihr Tod als Jüdin ein Spannungsverhältnis, das für viele Juden nicht einfach zu ertragen ist und Fragen aufwirft. Vor allem seit ihrer Heiligsprechung im Jahr 1998.. Juden fragen sich, ob dieser Akt der Kirche als Angebot eines Rollenmodells für Juden gedacht war. Warum Edith Stein und nicht Franz Jägerstätter, ein bescheidener österreichischer Katholik, der von den Nazis 1943 enthauptet worden war, weil er in Hitlers Armeen nicht kämpfen wollte? Warum nicht ein katholischer Pole, der Juden versteckte, warum nicht eine Magd, die ein jüdisches Kind für ihr eigenes ausgab und es so rettete? Von jüdischer Seite hatte man den Eindruck, als präsentierte der Papst Sr. Theresa Benedicta vom Kreuz als katholische Märtyrerin und dass ihre Heiligsprechung ein Versuch sei, die Schoa zu universalisieren und die Verantwortung der Kirche zu verdunkeln. Auch die Heiligsprechung Maximilian Kolbes wurde von solcher Kritik begleitet. Man fürchtete, die Hervorhebung des Leides von Christen in der Todesmaschinerie der Nazis könnte davon ablenken, dass diese wesentlich der unentrinnbaren Auslöschung des Jüdischen Volkes gewidmet war. Juden hatten keine Wahl, ihrem Schicksal zu entrinnen. Andere sehr wohl. Ich jedoch möchte zu bedenken geben: gerade die Unentrinnbarkeit ihres Schicksals als Jüdin unterstreicht meines Erachtens, dass Edith Stein vielleicht doch eine Persönlichkeit ist, an der wir die Unantastbarkeit und Bedeutung der Jüdischen Existenz so grausam erfahren können. Denn Edith Stein starb als Jüdin, nicht weil sie katholische Nonne war. Nostra Aetate als Kehrtwende Als Elemente der lehramtlichen Verkündigung einer neuen Sicht des Verhältnisses zum Judentum sind festzuhalten: Der mit Israel geschlossene Bund ist von Gott nie gekündigt worden. Das jüdische Volk steht nach wie vor in einer unwiderruflichen Berufung und ist immer noch Erbe jener Erwählung, der Gott treu ist. Es ist das «Volk des Bundes», welches von der Bibel her als «Licht der Völker» eine universale Sendung hat. Jesus Christus ist ein echter Sohn Israels. Sein Judesein und die Tatsache, dass sein Milieu die jüdische Welt war, gehören nach Papst Johannes Paul II. konstitutiv zur Menschwerdung des Sohnes Gottes. Sie sind nicht ein einfacher kultureller Zufall. Wer die Bindung Jesu an das jüdische Volk lösen und durch eine andere religiöse Tradition ersetzen wollte, würde die Identität der Person Jesu Christi beschädigen und die Wahrheit der Menschwerdung angreifen. Diese Aussagen sind auf den ersten Blick für das überkommene Glaubensverständnis von Christen irritierend, aber sie entsprechen der Ortsbestimmung, die das Zweite Vatikanische Konzil für die christliche Identität vorgenommen hat und die für das Verhältnis der Christen zu den Juden neue Perspektiven eröffnet hat. 2005 hat Papst Benedikt XVI. diese Festlegungen während seines Besuchs in der Kölner Synagoge erst wieder bekräftigt und unterstrichen. Auf der Grundlage der Anerkennung einer heilsgeschichtlichen Rolle des Judentums - so die Kirche - müssen Christen einen wahren Dialog begründen, der auf gegenseitiger Wertschätzung beruht und jede Art von missionarischen Aktivitäten ausschließt und - auf Seiten jedes Gesprächspartners - sich bemüht, den anderen zu verstehen und zu respektieren, so wie er sich selbst versteht um von ihm zu lernen. Hinwendung zum Leben Nicht nur humanitäre Erwägungen führen uns also zusammen, wir sind vielmehr um Gottes willen miteinander verbunden. Es reicht nicht, dass Christen sich auf ihre jüdischen Wurzeln aus biblischer Zeit berufen; denn Dialog verlangt Zeitgenossenschaft, das heißt das Gespräch zwischen heutigen Christen und heutigen Juden. Die Bewegung aufeinander zu muss sich öffnen zur gemeinsamen Verantwortung für die Zukunft unserer gefährdeten Welt und Gesellschaft. Eine neue Beziehung schließt heute die Reue und die Anerkennung christlicher Verantwortung an der Schuld der Vergangenheit gegenüber den Juden ein. In seinem Bemühen sich unabhängig vom Judentum zu entwickeln, hat das Christentum - der jüngere Bruder - sich oft auf eine sehr radikale Weise von seinem älteren Bruder entfernt. Diese anti-jüdische Abwendung aus religiösen Gründen hatte - aufgrund von unterschiedlichen sozialen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Faktoren - Hass und Verfolgung gegen Juden zur Folge. Auf dieser Grundlage konnte sich ein radikaler Antisemitismus entwickeln der bis zum Versuch ging, das Judentum gänzlich auszulöschen. Der übergroße Ausbruch des Hasses hat genau eine Kehrtwendung in der Haltung des Christentums zum Judentum gebracht. An dieser Kehre begegnet uns Edith Stein, die gläubige Katholikin, die als Jüdin starb. Edith Steins Lebensgeschichte macht uns bewusst, dass es wichtig ist, die individuelle Identitätssuche von Menschen ernst zu nehmen als Auftrag Gottes, uns selbst ähnlich zu werden. In Personen wie Abraham Carmel und Edith Stein wird unsere Dialogbereitschaft auf die Probe gestellt: weil individuelle Glaubensentscheidungen auch Zurückweisung der je eigenen Glaubenswelt einschließen. Aber diese persönlichen Wegbestimmungen sind vor allen Dingen Ausdruck der Tatsache, dass wir im Dialog unsere Identität schärfen. Das Ziel dieses Dialogs ist aus Juden bessere Juden zu machen und aus Christen bessere Christen, denn beide sind dazu aufgerufen darüber nachzudenken, was das wertvollste in ihrer Tradition ist und alle werden sich befragen lassen müssen, wie sie dies leben. Dieser Dialog lässt gemeinsame Schwierigkeiten entdecken und führt zu Themen, die Juden und Christen gemeinsam versuchen können zu verwirklichen. In beiden Traditionen findet sich dasselbe Bewusstsein über den Wert der menschlichen Person und der ganzen Schöpfung. Das gemeinsame Studium der Bibel, der jüdischen und der christlichen Traditionen, ist äußerst wichtig, damit es gelingt, einander besser zu verstehen und zu bereichern. Auf dem Gebiet des Glaubens könnte man an gemeinsame Gebete denken, dort wo die Umstände es erlauben, dort wo Juden und Christen genügend offen für einander sind. Der weiteren theologischen Diskussion bleibt aufgegeben, das komplexe Verhältnis von Kirche und den verschiedenen Strömungen des Judentums weiter zu entfalten und im jüdischen Nein zu Jesus Christus den Ausdruck jüdischer Treue zur eigenen Berufung und eine Voraussetzung für das Werden der Kirche zu bedenken. Es bleibt ebenso im Verständnis der Trinität der Glaube an den einen und beziehungsreichen Gott zu bekräftigen. Und im Verständnis von Heil und Erlösung gilt es die eigene Dignität des jüdischen Glaubens wie auch die widerständige Unerlöstheit der Welt gebührend zu berücksichtigen. Unaufhebbare Unterschiede zwischen Judentum und Christentum werden also bleiben. Trotzdem muss die Formulierung einer gemeinsamen Zukunftshoffnung und die Benennung gemeinsamer Aufgaben für die Gestaltung der Welt als ein bahnbrechendes Ergebnis des Pontifikats Johannes Pauls II. anerkannt werden. Gerade vor dem Hintergrund der leidvollen und unentschuldbaren christlichen Vergangenheit mit dem Judentum ist es eine wichtige Aufgabe für jüdische Theologen, den Dialog mit dem Christentum zu suchen. Das unendliche Leid der vielen Blutzeugen im Angesicht Gottes sollte mahnen, dass Gott von uns gemeinsam die Hinwendung zum verantwortlichen Leben will, nicht das erzwungene Zeugnis im Märtyrertod. Information: Rabbiner Dr. Walter Homolka ist Rektor des Abraham Geiger Kollegs an der Universität Potsdam, der Ausbildungsstätte für Rabbiner in Kontinentaleuropa. Er ist Mitglied im Executive Board der Weltunion für progressives Judentum und Chairman der Leo Baeck Foundation
|