Februar 2010

von Stefan Daniel

 

6. Februar 1897

Louis «Lepkeleh» Buchalter

Louis "Lepkeleh" Buchalter. Foto: Archiv

Hingerichtet auf dem Elektrischen Stuhl im legendären New Yorker Gefängnis Sing Sing - ein würdiges Ende für den legendären Gangster Louis Buchalter, genannt Lepkeleh oder Lepke. Lepkeleh ist die jiddische Verballhornung von Little Louis. Doch Lepkeleh Buchalter folgte nicht seiner namentlichen Bestimmung, wurde kein kleiner Buchhalter. Vielmehr wurde er ein bewunderter Gangster, ein Geschäftsmann, ein jüdischer Mafiosi, ein Mitglied der «Kosher Nostra». Wie es wohl war; als 2.000 Volt durch seinen Körper strömten, seine Haut brannte, er unfreiwillig defäkierte? Buchalter konnte es keinem seiner Freunde im Syndikat mehr erzählen und es wäre überdies nicht notwendig gewesen; Buchalter war der einzige der großen jüdischen Mobster, der auf dem Elektrischen Stuhl sein Leben beendete. Ein Ende, das vielleicht die gerechte Strafe für ein verbrecherisches Leben war. Der Sohn russischer Juden gaunerte sich schon früh durch die Halb- und Zwischenwelt von New York; sorgte sich mit seinem Freund Jacob «Gurrah» Shapiro rührend um die Sicherheit von Bäckereien, erleichterte den ein oder anderen um seinen Hausrat und fing sich folglich zuerst einen Aufenthalt in der Besserungsanstalt von Cheshire ein und durfte im zarten Alter von 21 zum ersten Mal die Betten in Sing Sing testen. Doch nachdem er solche Kindereien hinter sich gebracht hatte, stieg Lepkeleh ins Big Business ein. Zunächst machte Buchalter in der Bekleidungsindustrie Karriere. Er stellte sich auf die Seite der Arbeiter und erpresste mit Arbeitskämpfen und Schlägertrupps die Firmenbesitzer. Es war ein lohnendes Geschäft für Buchalter, und er hielt es aufrecht, als er zu einem der ganz Großen des Mob wurde. Das war Anfang der 1930er Jahre und hatte mit der Gründung einer Arbeitsgemeinschaft zu tun. «Murder Inc.» hieß diese und ihr Geschäft war nicht ganz koscher. Die großen Bosse der New Yorker Unterwelt, also Meyer Lansky, Bugsy Siegel, Johnny Torrio und eben auch Buchalter bauten die «Murder Inc.» als eine Gruppe auf, die sich um Probleme kümmern sollte, derer sie sich persönlich nicht mehr annehmen wollten. «Murder Inc.» bestand zum großen Teil aus jüdischen Gangstern aus Brooklyn und ihr Geschäft war Mord. Zu ihrem Chef und Koordinator erkor man Buchalter. Der Mann mit den «Augen aus Eis» erteilte seine Aufträge an die «Firma» für gewöhnlich vom Telefon seiner Großmutter aus. Wie viele es genau waren, kann keiner sagen. Vielleicht waren es mehrere hundert, vielleicht über tausend Morde, die der kleine Louis übers Telefon orderte. Manchen Auftrag führte er selbst aus. Auch hier gibt es keine faktischen Zahlen - nur Spekulationen. Doch die Zahl ist eher hoch anzusetzen, denn sonst hätte Buchalter nicht den Ruf des blutigsten jüdischen Gangsters aller Zeiten gehabt. Die entscheidenden Aussagen, die das Ende Buchalters herbeiführen sollten, kamen Anfang der 1940er Jahre aus dem inneren Kreis des Syndikats. Sowohl die jüdischen Gangster Abe Reles als auch Albert Tannenbaum wurden Informanten des Staates New York. Ihre Aussagen belasteten Buchalter stark; er wurde wegen Mordes zum Tode verurteilt und am 4. März 1944 hingerichtet. Die stete Androhung des Elektrischen Stuhls durch den Staatsanwalt sollte Buchalter über die «Kosher Nostra» und deren Machenschaften zum Reden bringen. Doch der schwieg - Gangsterehre.

 

12. Februar 1908

Olga Benario-Prestes

Olga Benario-Prestes. Foto: Archiv

Über 14.000 Menschen starben in der Zeit von 1940 bis 1943 in der «Landes-Heil- und Pflegeanstalt» in Bernburg an der Saale einen «guten Tod» - so die zynische Formulierung der Nationalsozialisten. Bernburg war eine der Anstalten, in denen sie die «Aktion T4» durchführten. Ziel war es, geistig oder körperlich behinderte Menschen in Deutschland der «Euthanasie» (griechisch für «guter Tod») zuzuführen. Faktisch wurden Menschen in der ausgebauten Gaskammer ermordet. Unter diesen 14.000 war Olga Benario-Prestes, die dort am 23. April 1942 den Tod durch das von approbierten Ärzten eingeführte Kohlenstoffmonoxid fand. Benario-Prestes war weder geistig noch körperlich behindert. Sechs Jahre zuvor hatte sie im Berliner Frauengefängnis Barnimstraße ein kerngesundes Kind zur Welt gebracht. Der Tochter schrieb sie noch am Vorabend ihres Todes: «Ich kann mir nicht vorstellen, liebe Tochter, dass ich dich nie mehr sehen, dich nie mehr in meine sehnsüchtigen Arme schließen werde.» Aus Sicht der in Rassismen denkenden Nationalsozialisten war Benario-Prestes aus zweifacher Sicht «krank» oder «entartet» - und daher zu töten: Sie stammte aus einer jüdischen Anwaltsfamilie und sie war Kommunistin. Über ihre jüdische Herkunft machte sich Benario-Prestes wohl Zeit ihres Lebens wenig Gedanken. Ihr Kampf galt der Revolution des Proletariats. Schon mit 15 Jahren trat sie dem in der Weimarer Republik verbotenen «Kommunistischen Jugendverband Deutschland» (KJVD) bei. Schnell macht sie dort Karriere und lernt den militanten Revolutionär Otto Braun kennen und lieben. 1928 wurden beide wegen Hochverrats verhaftet. Ihr Vater, ein renommierter Anwalt, konnte Benarios Freilassung erwirken. Braun wurde in einer spektakulären Aktion, die Benario initiierte, von KJVD-Mitgliedern aus dem Kriminalgericht Berlin-Moabit gewaltsam befreit. Beide wurden mit Hilfe der KPD in die Sowjetunion gebracht, wo die Beziehung ihr Ende fand. Benarios Weg im Kampf um die Revolution war allerdings noch lange nicht beendet. In den sechs Jahren ihres Moskauer Exils lernte sie Reiten, Schießen und sogar Fallschirmspringen und Fliegen. Sie war so gut ausgebildet, dass sie als Personenschützerin des brasilianischen Hauptmanns Luis Carlos Prestes eingesetzt wurde. Beide sollten in Brasilien die Revolution vorbereiten und, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, spielten sie ein portugiesisches Ehepaar. Die Fiktion wurde Realität: Benario und Prestes verliebten sich und heirateten. Die Revolution in Brasilien, in dem Getulio Dornelles Vargas diktatorisch herrschte und den Nationalsozialisten positiv gegenüber stand, wurde indes nicht realisiert. Der Putsch gegen die Regierung im November 1935 scheiterte, Benario und Prestes mussten untertauchen, wurden jedoch wenig später gefasst. Trotz Benarios' Schwangerschaft, sie erwartete von Prestes ein Kind, überführte sie die brasilianische Regierung nach Deutschland. Dort gebar sie das Kind. Durch den Einsatz der Mutter Benarios konnte das Kind nach anderthalb Jahren gerettet werden. Olga Benario selbst blieb in Haft, wurde ab 1938 in die Konzentrationslager Lichtenburg und Ravensbrück verschleppt, bevor sie in Bernburg sterben musste.

 

6. Februar 1884

Hedwig Hintze

Hedwig Hintze. Foto: Archiv

Hedwig Hintze nahm sich am 14. Juli 1942 in Utrecht das Leben. Sie wählte den Selbstmord in Aussicht auf eine Zukunft voller Hass, Qual und Mord durch das nationalsozialistische Deutschland, das ihren Zufluchtsort, die Niederlande, seit 1940 besetzt hatte. Auch wenn ihr Mann, Otto Hintze, ein geachteter deutscher Verfassungshistoriker war und sie selbst Protestantin, ihre jüdische Herkunft war doch unzweifelhaft beim Blick auf ihren Mädchennamen erkennbar: Hedwig Guggenheimer. Diese Hedwig Guggenheimer, die 1912 Otto Hintze heiratete, war in ihrer Generation eine außerordentliche Frau. Schon mit 17 Jahren beendete sie ihre Ausbildung zur Französischlehrerin, machte kurz darauf als eine der ersten Frauen in Berlin das Abitur und nahm das Studium der Geschichte, Nationalökonomie und Philosophie auf - unter anderen bei ihrem späteren Ehemann Otto. Hedwig Hintze war eine intelligente und geachtete Frau. Ihre Doktorarbeit über die französische Verfassungsgeschichte beendete sie 1924 bei Friedrich Meinecke mit der Benotung «summa cum laude». Damit war Hintze die erste promovierte Historikerin in Deutschland. Ihrem Mann assistierte sie, seit dieser 1920 krankheitshalber emeritiert wurde. Doch Hintze begnügte sich nicht mit der Rolle der talentierten Assistentin. Sie hatte genug eigenes geistiges Potenzial (vielleicht sogar mehr als ihr Mann), um an einer eigenen universitären Karriere zu bauen. So war es kein Wunder, dass Frau Dr. habil. Hintze am 26. Oktober 1928 ihre Antrittsvorlesung über «Bürgerliche und sozialistische Geschichtsschreiber der Französischen Revolution» an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, der heutigen Humboldt-Universität, hielt. Hier unterrichtete sie fünf Jahre als Privatdozentin, bevor sie sich 1933 zu einem Forschungsaufenthalt nach Paris begab. 1935 kehrte sie nach Berlin zurück, konnte, im Zuge der rassistischen NS-Politik auch an den Hochschulen, keinen Halt mehr finden und emigrierte 1939 in die Niederlande. Ihr in Deutschland zurückgebliebener Mann Otto verstarb 1940. Seinen Nachlass, vor allem den wissenschaftlichen, wollte man der rechtmäßigen Erbin Hedwig Hintze nicht überlassen. Sie selbst bekam 1941 einen Ruf an die «Universität im Exil», die New Yorker «New School for Social Research», den sie gerne in Anspruch genommen hätte. Leider fehlte ihr ein einziges Dokument zum Antritt der Stelle. Es war wahrscheinlich der «Heimatschein». Ohne diesen musste Hintze in den Niederlanden bleiben - und nahm sich aus Verzweiflung das Leben. Hintze sollte neben ihrem leiblichen fast noch einen zweiten, einen geistigen Tod sterben. Ihr wissenschaftliches Werk, sofern es nicht mutwillig von den Nationalsozialisten zerstört wurde, blieb der Öffentlichkeit lange verborgen - und sie selbst ebenso. Die Geschichtsforschung ignorierte sie bis in die Mitte der 1960er Jahre hinein. Erst seit dieser Zeit setzt man sich wieder mit ihr auseinander und erkennt ihre entscheidenden Anstöße zur Forschung um die Französische Revolution und um die Verfassungsgeschichte an.

 

 

27. Februar 1928

Ariel Scharon

Ariel Scharon. Foto: Archiv

Gottes Wege sind unergründlich - außer für den bekannten US-Fernsehprediger und ehemaligen Präsidentschaftsanwärter Pat Robertson. Der weiß genau, was Gott vorhat. Dementsprechend konnte er nach Ariel Scharons zweitem Schlaganfall am 4. Januar 2006 sagen, dass es eine Strafe Gottes für Scharons Politik gewesen sei. Denn: Scharon habe ein Stück des «Heiligen Landes» an die Araber abgegeben. Doch warum Scharon, dessen Vorname mit «Feuerherd Gottes» oder «Löwe Gottes» übersetzt wird, gerade für jene Entscheidung von Gott bestraft werden sollte, die von vielen Seiten als Schritt in Richtung Frieden gesehen wurde, bleibt dem neutralen Beobachter unerklärlich. Bei nationalreligiösen Siedlern, Ultraorthodoxen und christlich-messianistischen Zionisten fiel Robertsons Aussage auf fruchtbaren Boden. Von ihnen wird keiner mit Wehmut auf den 82-jährigen «Bulldozer» (so sein Spitzname) blicken, der seit über vier Jahren im Dauerkoma liegt und im Pflegeheim Tel Ha-Schomer künstlich am Leben gehalten wird. Ganze 50 Kilogramm soll der einst stark fettleibige Scharon heute noch wiegen. Politisch ist Scharon de facto seit dem 11. April 2006 tot, als er von Israels Regierung für dauerhaft amtsunfähig erklärt wurde. Legt man den eitlen Maßstab Robertsons an, bezieht also Leiden, Tod und Krankheit auf eine weltliche Rechtsprechung eines überweltlichen Gottes, dann gibt es einiges, was in Scharons Lebens als Strafe Gottes gesehen werden kann: Als Kind ist Scharon ein Außenseiter, in der Schule nicht der Beste, während des israelischen Unabhängigkeitskrieges 1948 wird er schwer verwundet, wenige Jahre später bekommt er Malaria, 1962 stirbt seine erste Frau bei einem Autounfall, durch einen Unfall mit einem Gewehr im Hause Scharon stirbt 1967 sein ältester Sohn, seine zweite Frau erliegt im Jahr 2000 dem Krebs, lange Jahre wird er auf die militärische Reservebank versetzt, was ihm ganz und gar nicht passt, und schließlich auf dem Höhepunkt seiner Macht, als amtierender Premierminister, erleidet er jene Gehirnblutungen, die ihn von jeder Aktivität in dieser Welt ausschließen. Nimmt man all das als Strafe Gottes, dann muss gefragt werden: wofür? Für die ermordeten Zivilisten im jordanischen Dorf Qibya, das Scharons Einheit «101» 1953 angriff; für die israelischen Aufklärer, die Scharon als Brigadeführer in der Suezkrise 1956 unnötig in Gefahr brachte; für die Toten beim Massaker von Sabra und Schatila 1982 im Libanon, bei denen Scharon politische Mitverantwortung getragen haben soll; für den Bau des Trennungszauns in den besetzten Gebieten; für die seit Jahren gegen ihn schwelenden Korruptionsvorwürfe; für seine offensive Siedlungspolitik und für den unilateralen Abzug aus dem Gazastreifen? Man kann in Allem Gottes Wirken sehen - oder einfach das Spiel menschlichen Geschicks.

 

 

10. Februar 1890

Fanny Kaplan

Fanny Kaplan. Foto: Archiv

Sie wurde unschuldig hingerichtet. Zumindest sprechen einige Fakten dafür, dass nicht die 28-jährige Feiga Chaimovna Roytblat (es gibt mehrere strittige Versionen ihres Namens), kurz Fanny Kaplan, jenes Attentat auf Wladimir Lenin ausgeführt hatte. Am 30. August 1918 hält Lenin eine Rede in einer Moskauer Fabrik. Als er die Fabrik in Richtung seines Autos verlässt, ruft jemand etwas, er dreht sich um, drei Schüsse fallen, ein Projektil durchdringt Lenins Mantel, die beiden anderen schlagen in Hals und Schulter des Revolutionsführers ein; Lenin will weder sterben noch ins Krankenhaus. Er lässt sich in seinen Wohnbereich am Kreml fahren, wo Ärzte ihn behandeln, aber nicht das geeignete Material haben, um die Kugeln zu entfernen. Lenin überlebt, doch kann er sich nie ganz von den Folgen des Attentats erholen. Immer wieder wird spekuliert, dass er an den Folgen der Verletzungen starb. Die Täterin war schnell gefunden: Fanny Kaplan. Noch am gleichen Tag legt sie ein Geständnis ab: «Ich heiße Fanja Efimovna Kaplan, das ist der Name unter dem ich im Arbeitslager Akatua als Gefangene geführt wurde. Ich habe heute auf Lenin geschossen. Ich habe aus eigener Überzeugung geschossen. Ich habe mehrmals geschossen, ich weiß aber nicht wie oft. Ich werde keine Details über die Waffe verraten. Ich habe auf Lenin geschossen, weil ich ihn als einen Verräter der Revolution sehe und seine Existenz den Glauben an den Sozialismus zerstören wird.» Es gibt Indizien, die das schnelle Geständnis in Frage stellen. Zunächst ist da das Problem der Sehkraft. Kaplan hatte die ihre mit 16 Jahren komplett verloren. Zu dieser Zeit befand sie sich nach einem misslungenen Bombenanschlag in einem Arbeitslager, das sie, obwohl zu lebenslanger Haft verurteilt, nach elf Jahren verlassen konnte. Sie gewann ihr Augenlicht zwar in Teilen wieder, doch blieb sie ohne Brille nahezu blind. Keiner der beim Attentatsversuch anwesenden Personen hatte gesehen, dass Kaplan eine Brille trug. Sie hätte demnach nahezu blind auf Lenin geschossen - und getroffen. Zudem ist fraglich, ob Kaplan überhaupt mit einer Waffe umgehen konnte. Und die später aus Lenins Schulter entfernte Kugel stimmte nicht mit der Waffe überein, die Kaplan bei sich trug. Undeutlich gerierten sich ebenfalls die Beamten und Zeugen. Lenins Chauffeur wusste sich zunächst an kein Gesicht zu erinnern, bevor er in seiner offiziell herausgegebenen Biographie genau das Gesicht Kaplans gesehen haben will. Der Beamte, der Kaplan nach den Schüssen festnahm, konnte nicht mal genau sagen, wo er sie festgenommen hatte. Schließt man Kaplan als Täterin aus, bleiben noch genügend potenzielle Kandidaten übrig: Da wären die Schullehrerin und exzellente Schützin Lidia Volodarsky, der von der Revolution enttäuschte Tschekist Protopopow sowie bolschewistische Freunde und selbst der Liebhaber Kaplans. Auch eine von Gegnern Lenins innerhalb der Obrigkeit geplante Aktion wird nicht ausgeschlossen. Wen Kaplan deckte, wenn sie denn jemanden deckte, bleibt bis heute unklar. Sie selbst schwieg in der kurzen Untersuchung zum Attentat und wurde vier Tage später, am 4. September 1918 in einer Garage vom Geheimpolizisten Pavel Malkow erschossen. Ihre sterblichen Überreste wurden vernichtet.

 

 

28. Februar 1906

Benjamin «Bugsy» Siegel

Benjamin "Bugsy" Siegel. Foto: Archiv

Der typische Tod eines Verbrechers ist der Tod durch einen anderen Verbrecher. Und in Kreisen des organisierten Verbrechens ist es meist kein Akt persönlicher Rache, sondern einer taktischen oder wirtschaftlichen Erwägung. Benjamin «Bugsy» Siegel (eigentlich Siegelbaum) passte nicht mehr ins System der «Kosher Nostra». Seine Person war obsolet, vielleicht sogar gefährlich für die Gemeinschaft geworden. Selbst sein Jugendfreund Meyer Lansky konnte kein gutes Wort mehr für ihn einlegen. Dabei hatte alles «gut» angefangen. In den 1920er Jahren war Siegel gemeinsam mit Dutch Schultz und Meyer Lansky der berüchtigte «Bugs und Meyer Mob». Sie handelten während der Prohibition in den USA (1919-1932) mit Alkohol. Zwei Drittel des umgesetzten Gesamtvolumens an illegalen Spirituosen in New York können der «Kosher Nostra» und dabei hauptsächlich dem «Bugs und Meyer Mob» aus der New Yorker Lower East Side zugerechnet werden. Die Aufgabenteilung zwischen Siegel und Meyer Lansky war einfach: Meyer Lansky war fürs Denken zuständig, Siegel fürs Körperliche. Er war groß, kräftig und cholerisch oder spinnert - wie man seinen Spitznamen «Bugsy» wohl am besten übersetzen kann. Doch Siegel war alles andere als ein unangenehmer Psychopath, den man von Natur aus meidet. Ende der 1930er Jahre zog er nach Los Angeles, um dort die Glücksspielaktivitäten des «Mobs» aufzubauen. Vor allem Pferdewetten waren damals ein beliebtes Ziel, um einfaches Geld zu verdienen. In Los Angeles «arbeitete» Siegel allerdings nicht nur, er traf auch einige Prominenz aus Hollywood, die er über seinen Schauspielerfreund George Raft kannte. In Hollywood mochte man Siegel wegen seines guten Aussehens. Sein gepflegtes Gangsterimage wird in der Welt des Scheins seine Wirkung nicht verfehlt haben. Zumindest beim platinblonden MGM-Sternchen Jean Harlow nicht, die eine Affäre mit Siegel hatte. 1945 zog Siegel in die Wüste nach Las Vegas, Nevada. Damals standen dort gerade mal zwei Kasinos. Siegel kaufte eines mit Hilfe der Cosa Nostra, baute es um, wobei sich die eingeplanten Kosten für den Umbau verdreifachten, was auch der Inflation nach dem Krieg geschuldet war. Den Geldgebern war das egal und als das «Flamingo Hotel» trotz des Auftritts des singenden Starkomödianten Jimmy Durante schon zu Anfang floppte, wurde auf einer Konferenz des Syndikats auf Kuba Siegels Ende beschlossen. In der Nacht zum 20. Juni 1947 durchschlugen mehrere Schüsse ein Fenster eines Hauses in Beverly Hills. Dort saß Bugsy Siegel zusammen mit einem Geschäftspartner. Siegel wurde zweimal in den Kopf getroffen. Der Mord blieb offiziell ungelöst. Bei späteren Umbauten am «Flamingo Hotel» wurde ein geheimer Wohnbereich von Siegel gefunden, die so genannte «Bugsy Suite». Manche Besucher des «Flamingo» berichten selbst heute, dass sie Siegels Geist noch immer durch die Gärten des Hotels schleichen sehen könnten, wenn die Dunkelheit eingebrochen ist.

 

                                                                                                     von Stefan Daniel

«Jüdische Zeitung», Februar 2010