Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Drei Fragen an...Serge Klarsfeld, französischer Shoa-Forscher und Rechtsanwalt
Sie waren Anfang Februar im Rahmen des UNESCO-Projekts «Aladin» in verschiedenen Ländern der arabischen und muslimischen Welt, um dort Aufklärung über die Schoa zu betreiben. Wie hoch schätzen das Wissen oder Unwissen in diesen Ländern über die Schoa ein? Wird Ihrer Meinung nach in den arabischen und muslimischen Ländern an den Schulen und Universitäten ausreichend über die Schoa informiert?
Das Wissen über die Schoa in den Ländern, in denen ich Reden gehalten habe (Tunis, Kairo, Amman, Bagdad, Erbil - im irakischen Kurdistan) ist bei den Durchschnittsmenschen gering, sehr gering. Meine Gesprächspartner - Studenten, Journalisten, Akademiker, Politiker - gehörten zum aufgeklärten Islam. Sie waren zum Beispiel in Tunesien erstaunt, als ich ihnen erklärte, dass Tunesien das einzige Land in der Welt gewesen war, in dem eine große jüdische Gemeinschaft (ca. 50.000 Menschen) unter Besatzung des Deutschen Reiches, also in der Zeit von November 1942 und Mai 1943, nicht zerstört wurde. Und dass es so eine glückliche Ausnahme gab, nicht nur dank des Mangels an Schiffen, sondern auch dank des pazifistischen Verhaltens der Muslime, die die Aufforderungen der SS zu Mord und Machtmissbrauch nicht befolgten. Dieses Beispiel, das haben die Tunesier zugegeben, sollte ins Schulprogramm des Landes gehören.
Das Thema Schoa wird in keiner einzigen Schule oder Universität angesprochen. Aber ich habe festgestellt, dass die Leute, an die ich mich gerichtet habe, absolut fähig waren, die Schoa und den israelisch-arabischen Konflikt getrennt voneinander zu behandeln. Außerdem fragten sie oft nach Büchern über die verschwundenen jüdischen Gemeinden ihres Landes, von der sie wissen, dass sie bis 1948 mit ihr friedlich zusammengelebt haben und dass dieses Zusammenleben zu ihrer Geschichte und ihrer Kultur gehört. Sie fragen alle nach Standardwerken über die Schoa (Primo Levi, Anne Frank, Philippe Burrin, Raul Hilberg, Schlomo Venezia...) in arabischer Sprache, auf Farsi, Kurdisch oder Türkisch. Und sie fragen auch nach Informationen über ihre jeweiligen Gemeinden. Mit dem «Aladin»-Projekt haben wir schon mehrere Werke übersetzt und ins Internet gestellt. Aber die müssen wir auch in gedruckter Form verbreiten, gegen «Die Protokolle der Weisen von Zion» und «Mein Kampf», die im Nahen Osten in den lokalen Sprachen weit verbreitet sind.
Viele Araber haben das Gefühl, dass die Europäer das Verbrechen der Schoa an den Juden begangen haben und jetzt die Palästinenser, durch den Verlust ihres Landes, dafür zahlen müssen. Was sagen Sie dazu?
Zwar handelt es sich um eine europäische, westliche, christliche Tragödie. Aber viele von meinen Gesprächspartnern haben zugegeben, dass die Schaffung des Staates Israel keine Antwort auf die Schoa war, sondern auf den Zionismus, der Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes, eines Volkes, das immer eine sehr enge Verbindung zu «Erez Israel» gehalten hat. Diese Bewegung ging der Schoa wenigstens 50 Jahre oder mehr voraus. 1937 und 1947 haben die Kolonialmacht (Großbritannien - d. Red.) und dann die Vereinten Nationen die Notwendigkeit einer Teilung in zwei Staaten gefordert. Die politische Vertretung der arabischen Palästinenser lehnte diesen Plan ab, der einen Kompromiss zwischen zwei lebensberechtigten Bevölkerungen darstellt.
Ihr Sohn Arno, ein enger Berater von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, hat 2002 die israelische Staatsbürgerschaft angenommen und im Alter von 38 Jahren in der israelischen Armee in den besetzten Gebieten gedient. Unterstützen Sie Ihren Sohn uneingeschränkt in seinen politischen Ansichten oder gibt es zwischen Ihnen auch Differenzen im Hinblick auf Ihre Positionen zu Israel?
Als mein Sohn zwischen 10 und 16 Jahre alt war, ist er jeden Sommer mit meiner Ehefrau Beate in verschiedene Kibbuzim nach Israel gefahren. Später ist er mehrmals dahin zurückgekehrt und ist sehr eng mit Israel verbunden. Seinen Wehrdienst hat er dort im Jahr 2003 geleistet, weil er damals spürte, dass die Legitimität des Staates Israel hinterfragt wurde, und zwar nicht nur wegen eines territorialen Streits. Was seine politischen Ansichten angemessener Verhandlungen gegenüber betrifft, ist mein Sohn Anhänger eines Rückzugs Israels in seine Grenzen von 1967, mit möglichem Gebietsaustausch. Und er ist dafür, dass Ost-Jerusalem - wo er als Soldat stationiert war - die Hauptstadt Palästinas wird, vorausgesetzt dass die Palästinenser den jüdischen Charakter des Staates Israel anerkennen. Er ist also für die Gründung eines palästinensischen Staates, was mir auch eine angemessene Lösung zu sein scheint.
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