Gideon Joffe               Foto: Arkadiy Shafirov

«Russisch Roulette» in Haifa

Vertreter des Zentralrates und der Berliner Gemeinde auf Solidaritätsreise in Israel

Freitagnachmittag, Mitte Juli. Das Telefon im Büro des Berliner Gemeindevorsitzenden läutet, am anderen Ende der Vertreter des European Jewish Congress. Ob Gideon Joffe in 48 Stunden auf eine Solidaritätsreise nach Israel mitkommen würde. Man müsse Flagge zeigen, gerade jetzt und zeitgleich mit dem Staatsbesuch des deutschen Außenministers Frank-Walter Steinmeier. Innerhalb weniger Stunden war der Flug organisiert, die Zusage Joffes zum Besuch eines Kulturfestivals in einem jüdischen Baudenkmal für einen späteren Zeitpunkt vereinbart.

50 Teilnehmer aus zwanzig europäischen Staaten nahmen an der Reise des EJC teil, die zwei Tage lang nicht nur offizielle Gespräche führten, sondern direkt vor Ort jüdische Solidarität mit Israel bekundeten.

Am selben Wochenende sind zudem Vertreter der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, der Axel-Springer-Schule für Journalisten und der Deutsch-Israelischen Parlamentariergruppe im Deutschen Bundestag zu einer Solidaritätsreise aufgebrochen.

Offizielles
Am Sonntag ein Treffen mit Israels Außenministerin Zipi Livni, die zur aktuellen Lage referierte. «Einige Vertreter der Weltöffentlichkeit meinen, wir würden „überreagieren", schließlich gehe es doch „nur" um zwei Soldaten. Aber in Anbetracht der Gesamtgefahr für unser Land ist unsere Reaktion durchaus angemessen», so die Ministerin. Bei einem abendlichen Essen mit Shimon Peres kam der Politiker ebenso auf solche «Disproportionalitäten» zu sprechen: «Was ist einer solchen Gefahr gegenüber wirklich „angemessen"», war das Hauptthema seiner Ausführungen im Jerusalemer Hotel «King David Citadelle», sonst Residenz der US-amerikanischen Außenministerin Condoleezza Rice bei offiziellen Israel-Besuchen.

Am Montag empfing Ehud Olmert die Delegation, von deutscher Seite von Dieter Graumann, Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, und Stephan J. Kramer, Generalsekretär, sowie dem Gemeindevorsitzenden Joffe vertreten. Es werde kein Zurückweichen geben, bevor nicht Ruhe in die Region eingezogen sei, so der israelische Ministerpräsident. Man sei fest entschlossen die jahrelangen Beschüsse und Übergriffe, die von der Weltöffentlichkeit kaum mehr noch zur Kenntnis genommen würden, nicht mehr zu tolerieren. Das sei kein israelisches Problem mehr, sondern auch eine Gefahr für den Frieden und die Demokratie in Europa und der ganzen Welt. Besonders habe Olmert die Resolutionen der Europäischen Union und der «G8»-Staaten begrüßt, in denen unter anderem festgestellt worden sei, dass erste Maßnahmen zur Friedenssicherung nunmehr von der Hisbollah ausgehen müssten.

Anschließend fuhr die Delegation ins bombardierte Haifa, von deutscher Seite nur noch durch Joffe vertreten. Ein Offizier des Home Front Command erklärte den Solidaritätsreisenden auf der Fahrt nach Haifa Sinn, Funktion und Aufbau des Anti-Terror-Zaunes. Lediglich 3,5% der Gesamtlänge bestehe aus einer massiven Betonwand, der Rest aus Zäunen und Gräben, so der Offizier. Das sei in der Weltöffentlichkeit kaum bekannt, zu oft werde der Anti-Terror-Zaun mit der Berliner Mauer gleichgesetzt. Die «Mauer» stehe nur dort, wo arabische Dörfer mit hohem Terrorpotential höher als die israelischen liegen würden.

Persönliches
Gideon Joffe kommt ins Stocken. Das ist man von ihm nicht gewohnt. Für den Berliner Juden war es eine Reise in sein Geburtsland, kein leichter Weg, mitten hinein in den Krieg. Er erzählt vom Besuch im Rambam Medical Center in Haifa. «Den Bericht eines leitenden Mediziners haben wir in einem Hörsaal verfolgt, der gleichzeitig als Bunker fungiert, keine 50 Meter vom Krankenhaus schlugen Raketen ein. Immer wieder wurden seine Worte von Alarmen unterbrochen. Für mich war es nicht die Angst vor dem Tod an sich, sondern das konstante Gefühl dieser Angst. Das ist wie „russisches Roulette", wenn du auf die Straße willst: vielleicht trifft es mich, vielleicht die anderen», so Joffe. Etwa 1 Millionen Menschen aus Nordisrael leben ständig in dieser Angst, wenn vom Ton der Sirene bis zum Einschlag der Rakete kaum mehr als sechzig Sekunden vergehen.

Der Arzt habe dennoch eine große Menschlichkeit ausgestrahlt, «er würde selbstverständlich sogar einen arabischen Terroristen behandeln», in diesem Krankenhaus, in dem auch viele arabische und christliche Ärzte, Schwestern und Pfleger Dienst tun. Haifa ist prädestiniert dafür. Eine Stadt der Solidarität, des Miteinanders sei sie, so der Bürgermeister bei der sich anschließenden Begegnung mit der Gruppe. «So soll es auch bleiben, das ist es doch, was das Leben lebenswert macht - nicht nur hier in Israel», so der Kommunalpolitiker. «Es ist gut, dass ihr in Zeiten der Not gekommen seid. Und kommt in besseren Zeiten wieder!», habe er die Delegation zuversichtlich verabschiedet.

Die gleichen Worte nochmals und doch ganz anders: «Es ist gut, dass ihr gekommen seid», begrüßte ihn ein junger Mann in einem Krankenzimmer des Rambam Center, berichtet Joffe. Daran habe er lange denken müssen, auch noch spät am Abend, zurück in Jerusalem, als er an die Klagemauer gefahren sei. «Lass dir Zeit, Junge», habe der Taxifahrer gesagt und ihm sein Gebetbuch mitgegeben.

Ein Resümee
- danach fragen wir den Berliner Gemeindevorsitzenden. Was es den Berliner Juden, wenn er in Israel gewesen sei. Es habe vor allem den Verwundeten und den Ärzten in Haifa, ebenso den Politikern in Jerusalem, etwas gegeben, das sei vorrangiges Ziel der Reise gewesen, so Joffe. Nun müsse man in Deutschland Strategien zum Verständnis in der hiesigen Bevölkerung für die Selbstverteidigung Israels entwickeln. Der Kulturkampf, den Israel schon seit Jahren ausfechten würde, sei hier erst am Anfang. Ihn müsse man steuern. «Es geht den Islamisten nicht um Israel, nicht um Libanon oder Palästina. Das sind alles nur vorgeschobene Gründe. Es geht um die Lebensweise der modernen Gesellschaft - und diese Erkenntnis scheint sich langsam auch hier durchzusetzen», meint er abschließend

Lutz Lorenz

«Jüdische Zeitung», September 2006