Sich der Intoleranz verweigern

Alexander Hasgall

Unsinn zu sagen und schreiben ist nicht verboten. Und gerade der Nahostkonflikt zeichnet sich dadurch aus, dass die Verve mit der zum Thema diskutiert wird oft in umgekehrte Proportionalität zur inhaltliche Kompetenz der Beteiligten steht. Eine freie Gesellschaft muss in der Lage sein damit umzugehen, Verbote sollten hierbei keine Option bilden.

 

Norman Finkelstein gehört zu denen, die in ihrem Leben besonders viel Unsinn geschrieben haben. Selbst so kritische Historiker wie Peter Novick nennen dessen Arbeiten «Müll». War es also ein falscher Ruf nach Zensur, welcher dazu geführt hat, dass ein breites Bündnis erfolgreich auf die Absage des Auftritts Finkelsteins in Berlin hingewirkt hat? Nein, denn es ging nicht darum, den Auftritt Finkelsteins zu verbieten, und ihm gar die Einreise nach Deutschland zu verweigern. Vielmehr ging es darum, zu verhindern, dass eine sich demokratisch verstehende Linke seinen Thesen unwidersprochen eine Plattform liefert.

 

Denn das Skandalöse an Finkelsteins Werk sind nicht alleine seine permanente Verbindung von politischem Aktivismus und wissenschaftlichem Anspruch. Vielmehr finden sich die Verharmlosung des Holocaust, die Dämonisierung Israels und die Verwendung antisemitischer Stereotype in seiner Rhetorik. So setzt Finkelstein in einem Blog-Eintrag die Entwicklung einer neuen israelischen Drohne mit der einer Perfektionierung von Vergasungstechnologien durch die Nationalsozialisten gleich. Und die Möglichkeit für israelische Frauen, in IDF-Kampfeinheiten zu dienen, nennt er das «Recht jüdischer Frauen arabische Babys zu töten».

 

Sollte somit ein Antisemit in Berlin sprechen - ein jüdischer Antisemit? Ob Finkelstein ein Antisemit ist oder nicht, wissen wir nicht, und es ist auch nicht relevant. Es reicht festzustellen, dass Finkelstein konsequent antisemitische Haltungen bedient und dessen Aussagen sich fast schon perfekt in solch eine Haltung einfügt. Die oben angeführten Beispiele sind dafür ausreichende Belege. Und gerade die inflationär auftauchenden Vergleiche Israels mit dem Nationalsozialismus führen notgedrungen zu einer Verharmlosung nazistischer Verbrechen.

 

Gerade solche Nazivergleiche machen Finkelstein aber in Deutschland so attraktiv. Schließlich kann man sich der Verantwortung für die Vergangenheit am besten dadurch entziehen, wenn man die Opfer von gestern zu Tätern von heute stilisiert. Wenn gar ein amerikanischer Jude und Nachfahre von Holocaustüberlebenden die Deutschen auffordert, sich gegen den Gebrauch des Holocausts zu wehren, dann schnellen hierzulande die Verkaufszahlen in die Höhe. Dies führt zu einer paradoxen Konsequenz: Gerade derjenige Autor, der den vermeintlichen Missbrauch des Holocausts für politische und ökonomische Zwecke moniert, etabliert selbst daraus ein profitables Geschäftsmodell, das ihm einen öffentlichen Auftritt erst ermöglicht.

 

Doch könnte man nicht dagegen einwenden, Finkelstein stehe für einen jüdischen Pluralismus, und damit selbst in einer wichtigen Tradition? Hier gilt es, sich die Unterschiede zwischen Pluralismus und Gehässigkeit vor Augen führen. Pluralismus basiert auf dem Respekt gegenüber der Haltung des Anderen, einem Bewusstsein für Solidarität und der Bereitschaft den Anderen zu verstehen. Pluralismus basiert somit zentral auf der Achtung der Würde des Anderen. Die sich bei Finkelstein durchziehende Dämonisierung Israels und dessen Bevölkerung stehen nicht für einen, für Differenzen offenen, innerjüdischen Diskurs. Genauso wenig wie die Forderung nach dem Boykott israelischer Waren, wie sie in Deutschland von der «Jüdischen Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost» erhoben werden. Hier geht es gerade nicht darum, die notwendige Auseinandersetzung um eine ethische Haltung im Nahostkonflikt zu entwickeln, sondern vielmehr fanatisch am eigenen dichotomen Weltbild festzuhalten. Eine moralische Höherwertigkeit wird reklamiert und sich einem ehrlichen Austausch entzogen. Wer einen kritischen Dialog wirklich fördern will, muss sich solcher Intoleranz verweigern.

 

Alexander Hasgall ist Historiker und Publizist. Er ist Mitglied im «Arbeitskreis jüdischer Sozialdemokraten».

«Jüdische Zeitung», März 2010