Was heißt es heute, Franzose zu sein?

Die Debatte um die "identité nationale" spaltet die Gesellschaft. Auch die Meinungen französisch-jüdischer Intellektueller gehen weit auseinander

 

Die Frage «Was heißt es heute, Franzose zu sein?» beschäftigt Frankreich seit Monaten. Am 2. November 2009 hatte der französische Einwanderungsminister Eric Besson eine landesweite öffentliche Debatte ins Leben gerufen. Zweck der Debatte sei es gewesen, so Besson, die Migranten besser zu integrieren. Die Debatte verlief kontrovers, aber ergebnislos. Mehr als drei Monate hat es gedauert bis Frankreichs Premierminister François Fillon am 8. Februar einen Kompromiss anbot und die Schaffung einer Kommission ankündigte: «Nach dieser öffentlichen Debatte, in der den Bürgern das Wort gegeben wurde, war es notwendig, Schlussfolgerungen daraus zu ziehen und sich von Vorschlägen inspirieren zu lassen, was eine Analyse verlangt. Durch die Schaffung einer Kommission von Parlamentsmitgliedern der Regierungspartei UMP und der Opposition, mit Intellektuellen und Historikern, wird unter der Betreuung des Einwanderungsministers die Debatte um die nationale Identität vertieft». Ein Papiertiger sei diese Kommission, der das Scheitern der Debatte vertuschen soll, so die Sozialisten.

 

Nach einem vom «Obea-InfraForces» geführten Umfrageergebnis für die französische Zeitung «20 Minutes» und den Radiosender «France Info», bezeichneten nur 22 Prozent der Franzosen die Identitätsdebatte als konstruktiv. Mit der angekündigten Bildung einer Kommission endete die leidige Diskussion zwar nicht, aber ihr wurde eine Pause geschenkt. Der Debatte über die Debatte aber keine. Ist das friedliche Zusammenleben in Frankreich derzeit so sehr gefährdet, dass man über nationale Identität diskutieren soll? Dass Frankreich seit Jahrhunderten ein Einwanderungsland ist, ist kein Geheimnis. Präsident Nicolas Sarkozy, dessen Vater aus Ungarn stammt und dessen Mutter die Tochter sephardisch-jüdischer Griechen ist, stellt das beste Beispiel dar. Wozu also das Ganze?

 

Begonnen hatte alles mit der Bildung des «Ministeriums für Einwanderung, Integration und Nationale Identität» im Jahr 2007, kurz nach der Wahl Nicolas Sarkozys zum Präsidenten. Schon damals äußerten sich namhafte Intellektuelle kritisch über das neugeschaffene Ministerium. Während manche danach eine Identitätsdebatte forderten, warnten andere vor der Gefahr, die Debatte über Einwanderung auf der einen Seite und die über nationale Identität auf der anderen miteinander zu vermengen. Als Vollmitglieder des französischen Volkes beschäftigen sich auch jüdische Intellektuelle in Frankreich intensiv mit der Frage, was es heute denn nun eigentlich heißt, ein Franzose zu sein.

 

Unterschiedlicher Meinung über den Sinn von Identitätsdebatten: Die Philosophen Bernard-Henri Lévy (links) und Alain Finkielkraut (rechts). Hier auf einer Kundgebung in Paris im Sommer 2009. Foto:Reuters/Gonzalo Fuen

BHL: «Karikatur einer Debatte»

 

Alain Finkielkraut, 60, André Glucksmann, 72, und Bernard-Henri Lévy, 61, haben einiges gemeinsam: Sie gehören alle zu den einflussreichsten jüdischen Intellektuellen Frankreichs und sie haben zusammen 1976 die Gruppe der «Nouvelle Philosophie» gebildet, deren Vertreter eine scharfe Kritik an totalitaristischen Systemen entwarfen. Doch in Sachen Identitätsdebatte gehen ihre Meinungen weit auseinander. Der linksliberale Philosoph und Publizist Bernard-Henri Lévy, «BHL» genannt, teilte Ende Dezember der Tageszeitung «Le Figaro» seinen Unmut über die von der Regierung initiierte Identitätsdebatte mit. «Entweder bringen wir Einwanderungsminister Besson zum Schweigen, oder wir legen die Europäische Union zu den Akten», so BHL. Diese Debatte einzuführen sei «eine große Schande für Frankreich, insbesondere in einer Zeit, wo sich Europa eine Identität sucht. Darüber sollte man eine Diskussion führen». Im Magazin «Le Point» formulierte er Anfang Dezember seine Kernkritik: «Die Debatte wurde staatlich verordnet. Erzwungen. Eine gesteuerte, angeleitete, von allen Seiten verbrämte, kontrollierte Debatte. Gerade weil man die Debatte liebt, weil man daran glaubt, dass es keinen Gedanken, keine Meinungen, keine Gewissheiten gibt, die es nicht verdienten, in einer wirklich freien Debatte mit feinem Stachel erschüttert zu werden, muss man diese falsche Debatte ablehnen, diese Karikatur einer Debatte».

 

Im Gegensatz zu BHL ist der konservative Philosoph und Essayist André Glucksmann - ehemaliger Maoist und nun Unterstützer der Politik Sarkozys - der Meinung, dass man über eine nationale Identität in Frankreich sehr wohl aktiv diskutieren müsse, wie er am 23. Dezember der «Le Figaro» sagte. Glucksmann kritisierte die verweigerte Beteiligung der französischen Sozialisten an der Identitätsdebatte als «glanzloses intellektuelles Verhalten» und verwies darauf, dass 1985 in dem prestigeträchtigen Pariser «Collège de France» schon einmal eine Diskussion über nationale Identität geführt wurde. Diese wurde damals nicht derart hinterfragt wie heute, so Glucksmann, da sie «durch linksorientierte Spezialisten geführt wurde». Er ist der Meinung, dass das Bedürfnis, eine französische Identität zu definieren, seitdem aber noch wichtiger geworden sei. «Vor der Gefahr des in den letzten Jahren zunehmenden Islamismus und wachsenden Fremdenhasses muss man über unsere Identität diskutieren».

 

Der konservative Philosoph und Autor Alain Finkielkraut begrüßte die Debatte, wie auch bereits die Bildung des umstrittenen «Ministeriums für Einwanderung, Integration und Nationale Identität». «Es ist ein Ausdruck der Sorge um die Identität und darüber sollte man reden», erklärte Finkielkraut schon 2007 in einem Aufsehen erregenden Interview im öffentlichen Fernsehsender «France 2». «Ein Franzose muss das französische Kulturerbe und die französische Sprache lieben. (...) Man sollte sich nicht darüber entrüsten, Einwanderung und nationale Identität zusammenzulegen. (...) Es gibt ein Integrationsproblem in Frankreich, vor allem mit einer besonderen Einwanderungsgruppe [die nordafrikanischen Immigranten - d. Red.]. Das sieht man jeden Tag in der Rap-Kultur, wo von „Frankreich ficken" die Rede ist. (...) Dies ist kein Rassenproblem, sondern ein Verhaltensproblem. Wie wollen Sie jemanden integrieren, der sich selbst nicht integrieren will?». Der Online-Zeitung «desinfos.com» erklärte Finkielkraut später: «In einem Land, das immer mehr Ausländer aufnimmt, ist es Pflicht, Konflikte zu vermeiden. Deswegen muss Frankreich von seinen Werten und seiner Geschichte keinen Abstand nehmen».

 

Das Ding mit der schiefen Mütze

 

«Frankreich lieben, die Marseillaise singen, eine Arbeit finden, ordentlich französisch sprechen und seine Mütze nicht schief aufsetzen» - so stellt sich Familienministerin Nadine Morano von der Regierungspartei UMP einen guten Muslimen in ihrer Heimat vor. Das Bild mit der Mütze entspricht einem verbreiteten Klischee, wonach junge Franzosen aus den Banlieues (Vorstädten) - meistens mit arabischem und afrikanischem Migrationshintergrund - sich wie Rap-Ikonen kleiden und ausdrücken, dabei die Schirmmütze («Casquette») schief auf den Kopf gesetzt. Mit der Gleichsetzung von Mützenträgern und jenen, die unbedingt aus den Banlieues kommen und nicht zu Frankreich passen sollen, sollte man jedoch etwas vorsichtiger umgehen und darauf hinweisen, so Kritiker, dass zuletzt im Jahr 1940 im faschistischen Vichy-Regime eine staatliche Struktur damit beauftragt worden ist, eine nationale Identität zu definieren.

 

So scheint es für Beobachter durchaus nicht unrealistisch, dass eines Tages einige in Frankreich auf die Idee kommen könnten, selbst das Aufsetzen der Kippa zu verbieten. Das angeregte Burka-Verbot für französische Muslima ist ein erstes Zeichen. Damit zeigen sich bereits viele Franzosen einverstanden. Auch die drei an der aktuellen Identitätsdebatte beteiligten französisch-jüdischen Intellektuellen. Zu Recht könnte man meinen, wird doch die Ganzkörperverschleierung der Burka als Ausdruck für die Unterdrückung muslimischer Frauen interpretiert. Aber ist sie auch eine Gefahr für das Prinzip des Laizismus, der Trennung von Staat und Religion, dem zentralen Staatsheiligtum der Franzosen? Damit ist die Debatte wieder bei der Identität gelandet. Denn: Laut einer am 1. November 2009 von der Tageszeitung «LeParisien/Aujourd‘hui en France» veröffentlichen Umfrage stellt Laizismus für 61 Prozent der Franzosen die französische Identität dar, knapp hinter der französischen Sprache (80 Prozent), der Republik (64 Prozent) und der Trikolore (63 Prozent), der blau-weiß-roten Flagge Frankreichs.

 

In der Debatte um die französische Identität wurden viele Verallgemeinerungen gepflegt, Ängste gegen andere Kulturen oder Minderheiten geschürt. So entsteht eine unterschwellig praktizierte Diffamierung der französischen Muslime als Gruppe, warnen nun Kritiker. Was geschähe, so ihre Argumente, würden beispielsweise auch die Juden als monolithische Gruppe in Frankreich angesehen? Würden dann Glucksmann, Finkielkraut und Lévy nur noch als «jüdische Intellektuelle» bezeichnet? Wer sich über Judenfeinde entrüstet, soweit sind sich Beobachter einig, sollte auch das Feindbild Islam kritisch betrachten.

 

Über einen anderen Aspekt der Identitätsdebatte in Frankreich sind sich jedoch alle Seiten einig: Die Regierungspartei UMP wollte mit der staatlich gelenkten Debatte das explosive Thema Identität wohl nicht der Opposition, zumal dem Rechtspopulisten Jean-Marie Le Pen von der Front National (FN), überlassen. Insbesondere, da im März Regionalwahlen in Frankreich anstehen.

 Anthony Baratier

«Jüdische Zeitung», März 2010