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Krankenhaus am Rande der StadtDas Jüdische Krankenhaus Berlin blickt auf 250 Jahre bewegte Geschichte zurück«Ich genieße das Glück seit verschiedenen Jahren einem Krankenhause vorzustehen, in welchem ich die erheblichen Mängel der meisten Krankenhäuser vermisse. Es ist gerade von dem Umfange, der den Fassungskreis meiner Kräfte nicht überschreitet und dennoch Mannigfaltigkeit genug zu ihrer Uebung mir darbietet; und die Mildtätigkeit meiner Nation läßt es an nichts gebrechen, was nur zur Vollkommenheit dieser überaus wohlthätigen Anstalt beytragen kann.» Marcus Herz (1747-1803) ist voller Lob für seine Tätigkeit am Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde Berlins - zumindest was offizielle Stellungnahmen angeht. Dieses Jahr begeht das Jüdische Krankenhaus Berlin, wie das zu einem modernen Akutkrankenhaus gewandelte und 1963 in eine Stiftung des Bürgerlichen Rechts überführte Klinikum heute heißt, sein 250-jähriges Bestehen. Obwohl es nachweislich schon vor 1756 ein so genanntes Hekdesch in Berlin gab, kann man ab diesem Datum belegen, dass die, einem christlichen Seuchenlazarett vergleichbare Einrichtung, ihren Platz in der Oranienburger Straße gefunden hatte. Einer der ersten Ärzte hier war Benjamin de Lemos. Der Vater der Salonière Henriette Herz, 1711 in Hamburg geboren, war ab 1760 Direktor des Hauses. De Lemos dürfte maßgeblich dazu beigetragen haben, das jahrhundertealte sephardische Wissen auf dem Gebiet der Medizin nach Berlin zu bringen. Zumal die Leitung des Krankenhauses zunächst in der Familie blieb: Markus Herz wurde sein Schwiegersohn und sein Nachfolger als leitender Arzt. Nicht zuletzt weil Gemeinde und Trägergesellschaft offenbar Vetternwirtschaft witterten, bekam Herz mit Markus Elieser Bloch einen gleichberechtigten Partner an die Seite gestellt. Auch Bloch war nicht nur Arzt, sondern auch Naturwissenschaftler und ebenfalls Philosoph. Einen besonderen Namen machte er sich allerdings auf dem Gebiet der Ichtyologie, was ihm auch den Namen «Fischdoktor» einbrachte. Dass das Krankenhaus um 1800 also zu einem bislang eher unbeachteten Schauplatz der Haskala wurde, ließe sich als kulturgeschichtliche Fußnote abtun, wäre das Krankenhaus nicht eine bis heute historiographisch vernachlässigte Fundgrube für die Geschichte der Juden Berlins. Anhand einer detaillierten Analyse der Vorgänge in und um das Krankenwesen ließen sich auch die Transformationen innerhalb der Gemeinde nachzeichnen. So zeugen die wenigen überlieferten Quellen von heftigen Kompetenzstreitigkeiten zwischen Gemeindeoberen, der Beerdigungs- und Krankenpflegegesellschaft sowie dem medizinischen Personal. Die innergemeindlichen Umformungen waren im Jahr 1861 noch lange nicht abgeschlossen, erfolgte endlich der Umzug in das nach Plänen von Eduard Knoblauch gebaute und vom Direktor der Charité C. H. Esse nach modernsten medizinischen Ansprüchen ausgestattete Gebäude in der Auguststraße. Doch auch hier gab es zunächst Schwierigkeiten zu überwinden, die einen Einblick in das tägliche Leben im jüdischen Berlin am Ende des 19. Jahrhunderts geben. Eine Geschichte, die eine solche Querele verdeutlicht, schaffte es immerhin auf den Titel einer Zeitung. «Die Gegenwart» machte dabei keinen Hehl aus ihrer Empörung. In der Ausgabe vom 19. Juli 1867 berichtete die «Berliner Wochenschrift für Jüdische Angelegenheit» über eine ungeheuerliche Affäre. Ein «fremder junger Mann» hatte «in dem entsetzlichsten Zustande von Krankheit und Elend», wie es in dem Artikel heißt, im jüdischen Krankenhaus in der Berliner Auguststraße um Aufnahme gebeten. «Als ihm dieselbe verweigert wurde, versuchte er sich weiter zu schleppen, aber schon nach einigen Schritten versagten ihm seine Glieder den Dienst. Obdachlos und mittellos, hungrig und todtkrank sank er nieder». Doch nicht genug der Schmach für die jüdische Einrichtung, die hier ihre Hilfe verweigerte. Der Journalist lässt nichts aus, um die Dramatik des Vorfalls auszukosten und beschreibt, wie der erkrankte Jüngling nach kurzem Aufenthalt in einer Polizeistation und einer ärztlichen Untersuchung endlich «nach der Charité gebracht [wurde], wo er zwei Tage später starb». Der tödliche Ausgang der Tragödie war dabei sicherlich ein ausschlaggebender Faktor für die Empörung. Mindestens ebenso scheint den Berichterstatter aber zu bewegen, dass das jüdische Krankenhaus den Patienten abgewiesen, die christliche Charité jedoch aufgenommen hatte. Das wiegt umso schwerer, da der Patient, wie sich herausstellte, Jude war. Ausgerechnet einem Glaubensgenossen war also die Hilfe verweigert worden. Insgesamt zieht der Autor die ursprüngliche Ausrichtung des Krankenhauses als Wohlfahrtsstelle für Fremde und arme Kranke grundsätzlich in Zweifel. Der Artikel endet mit einem pathetischen Appell an die religiös geprägte Auffassung von Wohltätigkeit: «Wohlthätigkeit gegen Arme, Güte gegen den Fremden, Hilfe für den Kranken werden von den Propheten wie von den Rabbinern unter die ersten und höchsten Pflichten gezählt.» 1914 wenige Tage vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, konnte wiederum ein neues Gebäude bezogen werden, das zumindest anfangs das modernste Krankenhaus Berlins war und der stetig wachsenden Gemeinde Berlins gerecht wurde. Hier wurde der wohl höchste Grad an Integration sichtbar. Das Haus im Wedding wurde von den Berliner allgemein als Kiezkrankenhaus akzeptiert, von hier aus brachen jüdische Ärzte und Krankenschwestern in Lazarettzügen an die Front des Weltkriegs auf. Hier sollte es aber auch zur größten Tragödie in der Geschichte der Einrichtung sowie des Berliner Judentums kommen. Das Gelände wurde nun sogar zum Kulminationspunkt für die Situation der deutschen Juden. Einerseits bemühte man sich, den medizinischen Betrieb aufrecht zu erhalten, nicht zuletzt, um der Deportation von Angestellten und Patienten vorzubeugen, andererseits war man gezwungen, den Behörden bei der Deportation in die Vernichtungslager zu arbeiten. Eine der hauptsächlichen Aufgaben bestand darin, die unzähligen Patienten nach missglückten Selbstmordversuchen am Leben zu erhalten - oft genug nur, damit sie zu einem späteren Zeitpunkt in die Konzentrationslager verschleppt werden konnten. Zentral war die bis heute nur unzureichend beleuchtete Person von Walter Lustig, der seit 1942 das Krankenhaus leitete. Auch in dieser schweren Phase der Existenz, veränderte sich das Gefüge zwischen Gemeinde und Krankenhaus erneut. Die Abteilung IV B 4 des Reichssicherheitshauptamtes war nun die dem Krankenhaus vorgesetzte Behörde, die den Einfluss auch schon vor der Liquidation der Gemeinde sukzessive abbaute. Ab Herbst 1942 hatte die Gestapo das Sagen im Krankenhaus. Deshalb wurde es in den letzten Kriegsjahren in eine Art Getto verwandelt, über dem ständig die Angst vor der Deportation schwebte. Verschiedene Augenzeugenberichte, dass die Transporte aus dem Krankenhaus selbst eher zufälligen Charakter hatten. Anders als die Menschen im Sammellager, das sich ebenfalls auf dem Gelände im Wedding befand, konnte man im Krankenhaus jedoch wenigstens darauf hoffen, verschont zu bleiben. Die Frage, warum das Krankenhaus nicht wie vergleichbare Einrichtungen geschlossen wurde, ist bis heute unbeantwortet. Rivka Elkin vermutet in einer Studie, dass die Entscheidung mit dem lange unbeschlossenen Los der «Mischehen» und daraus entstandener Kinder zusammenhing und dass hier die letzten Überreste des Berliner Judentums «verwaltet» wurden. Auch Direktor Walter Lustig, einst selbst hoher Beamter bei der Polizei, dürfte durch Verhandlungsgeschick zum Erhalt beigetragen haben. Zuletzt habe dieses Krankenhaus alles repräsentiert, was vom Judentum in Deutschland übrig geblieben sei, resümiert Rivka Elkin die Zeit des Krankenhauses unter dem Nationalsozialismus. Von der einst vorbildlichen medizinischen Einrichtung sei, so Elkin, allerdings kaum etwas übrig geblieben. Doch schon drei Tage nach der Befreiung wurde scheinbar unerschütterliche Normalität gelebt. Am 11. Mai 1945 kam im Jüdischen Krankehaus ein Kind zur Welt, das christliche Eltern hatte. Wenn es je einen Schlussstrich unter das «Dritte Reich» gegeben haben sollte, dann ist es jener dünne rote Strich im Geburtenbuch des Jüdischen Krankenhauses Berlin, der das Kriegende markiert. |