Ein Lied für Stockholm

In Köln wurden auf dem Jewrovision-Songtest die besten Nachwuchssänger aus den Gemeinden ermittelt. Die Sieger fahren zur Endrunde nach Schweden

 

Eigen Handschrift: Banner des Bremer Jugendzentrums "Atid". Foto: A. Calmez

Helles Licht strahlt aus den Glastüren der Kölner Messe. Vor dem rechten Eingang parkt ein Polizeiauto. Vor der linken bilden Jugendliche in weißen, papierartigen Maler-Overalls mehrere Grüppchen. Sie kichern, rufen, rauchen und hantieren mit bunten Leuchtstäben herum. Heute Abend steigt hier die «Jewrovision», Musikwettstreit der jüdischen Jugend in ganz Deutschland, glamouröse Show und Spaß, Spaß, Spaß.

 

«Bitte einen Schritt zurück», mahnen die beiden Sicherheitsleute vor dem Aufzug in den vierten Stock. Oben im großen Saal warten schier endlose Stuhlreihen auf 800 jugendliche und erwachsene Zuschauer. Der Soundcheck ist längst im Gange. Im Backstage-Bereich werden die letzten Paillettenkleider zurechtgezupft und Gesichter geschminkt. Zwölf Jugendzentren haben insgesamt 170 junge Talente zwischen 10 und 19 Jahren ins musikalische Rennen geschickt. «Es ist eine tolle Stimmung, eine tolle Atmosphäre», sagt die sechzehnjährige Anna aus München. «Rucksäcke sind verlorengegangen, Noten sind nicht da, alles geht drunter und drüber», stöhnt dagegen eine Hannoveranerin. «Wir haben keine Ahnung wie der Auftritt wird», sagt Eli aus Bremen. «Wobei es eigentlich gut einstudiert ist, monatelang. Wir haben uns jeden Sonntag in der Gemeinde getroffen und dann gespielt, getanzt, alles.»

 

Die Atmosphäre im Saal ähnelt inzwischen derjenigen vor dem Anpfiff eines Fußballspiels. «Das wird ein Hexenkessel hier, ganz ohne Alkohol und Drogen», kommentiert eine Mutter pädagogisch korrekt das rhythmische Klatschen. Städtenamen fliegen durch die Luft wie Ballpässe. Vorne im Saal wellt sich das Banner des Bremer Jugendzentrums «Atid», gegenüber das von Dortmund. An einer Box lehnt ein, knapp mannshoher, blau und pink glänzender Davidstern. Die Jugendlichen in den weißen Overalls haben die Plätze für Berlin besetzt. Die Leuchtstäbe sind, inzwischen zu grotesken Brillen gebogen, auf ihren Nasen gelandet. «Wir sind mit 40 Leuten im Fanbus angereist», freut sich einer. Entlang der Saalwände drängeln sich die Menschen. Die Jüngsten sind nicht viel größer, als der Bühnenrand hoch ist. Die Ältesten werden ihren Enkelkindern beim Talent-Contest die Daumen drücken.

 

Kann man davon leben?

 

Im Dunst des Nebelwerfer: Jüdische Jugend musiziert.

Foto: A. Calmez

Ronald Graetz aus dem Vorstand der Kölner Synagogengemeinde spricht eine herzliche und kurze Begrüßung aus: «Das werdet ihr erst, wenn ihr so alt seid wie wir, erfahren, was ihr heute hier an Netzwerk aufbaut». Bürgermeister Manfred Wolf erinnert an den Grund, warum Köln überhaupt Gastgeber sei: Weil das Kölner Team 2009 den Wettbewerb gewonnen hat! Wolf erklärt auch, warum das Kölner Jugendzentrum «Jachad» das Motto «Mascerade on Air!» gewählt hat: «Rosenmontag war der Höhepunkt des Karnevals», ruft er, «und nächste Woche feiert ihr Purim, das Fest der Freude». Der heutige Abend liegt dazwischen.

 

Als Moderator Oliver Polak die Bühne betritt, brodelt die Atmosphäre schon von selbst. «Seid Ihr da?», ruft der Stand-up-Comedian die Fans der einzelnen Städte an. Donnernder Applaus tönt mal von dieser, mal von jener Ecke. Polak trägt Jogginghose, Lederjacke und Schal. Jude sein -  «Kann man davon leben?» fragt er ins Publikum und antwortet sich selbst: «Wir können sehr gut davon leben, wir müssen ja nicht mehr durch so viele teilen». Nach ersten Lachern folgen Buh-Rufe, dann kippt die Reaktion doch noch zum Applaus. Später holt Polak ein kleines Mädchen auf die Bühne, das mit ihm «Kadima Dynamit» ansagen darf.

 

Endlich eröffnet Dortmund den Wettbewerb mit geheimnisvoll abgedunkelter Bühne. Zwei Jungen spannen ein goldenes Tuch. Davor singt eine maskierte junge Dame in schwarzem Kleid, von einer einzigen Geige live begleitet, einen Text über Esther, die ihre Maske fallen ließ, und wie es heute in der Schule und an der Uni ist: «Keiner weiß, wer ich wirklich bin, doch die Zeit ist gekommen, ich komm raus aus meinem Versteck...»

 

Die Jungs aus Recklinghausen rocken den Saal mit fetten Bässen: «Hey, was geht ab? Wir feiern die ganze Nacht!» Neben der Box wippen ein paar Jungs in weißen Overalls mit den Knien und schlenkern die Arme. Als ein Düsseldorfer Solosänger auf «oh oh, I'm an alien, I'm a legal alien, I'm a Jewish man in my heart» singt, klingen die Stimmen der Düsseldorfer im Publikum fast genauso laut wie die des Sängers aus der Box, wenigstens, wenn man vorne sitzt. Elsa aus München klatscht besonders laut, als ihre Stadt an der Reihe ist. Das zierliche Mädchen trägt ein blaues Band ums Handgelenk, das sie als Zuschauerin kennzeichnet. Elsa ist eine von 500 Kindern und Jugendlichen aus 28 jüdischen Gemeinden, die der Einladung zur Mini-«Machane» (jüdisches Ferienlager - d. Red.) von Freitag bis Sonntag in Köln gefolgt sind: «Weil ganz viele andere Städte da sind, wo man neue Freunde kennenlernt.»

 

Größter jüdischer Jugendtreff nach dem Krieg

 

Während im Saal die Acts durchlaufen, füllt sich nebenan der Essens- und Getränkestand, man unterhält sich. Dieses Treffen sei das größte der jüdischen Jugend nach dem Krieg, sagt Ronald Graetz. «Es ist ein wirklich facettenreicher Eindruck. Das ist ja wirklich ein großes Selbstbewusstsein, was hier kundgetan werden möchte», staunt ein Gast aus Freiburg. Ein anderer übt Kritik an Oliver Polak. Heute ginge es doch um Spaß und die Stärkung der jüdischen Gemeinschaft: «Da passt's in meinen Augen nicht zusammen, dass eine Moderation sich permanent über diese jüdische Gesellschaft lustig macht». Drinnen geht in den sichtlich geleerten Stuhlreihen das Gähnen um. Ein kleiner Junge sammelt Leuchtstäbe vom Boden auf. Ein Mädchen im Minirock steht neben ihren Pumps. Vor der Bühne türmt sich ein Berg Jacken.

 

Als um kurz vor zwei Uhr morgens die zwölf Juroren ihre Punktewertung abgeben, füllt sich der Saal wieder. Vor der Bühne entsteht ein zappeliger Pulk. Vladimir hat der Auftritt von Berlin am besten gefallen. «Wie die gesungen haben, das war einfach toll!», schwärmt er. Und dann kommt's: 137 Sieger-Punkte für das Jugendzentrum «Olam» in Berlin! Berlin darf zur europäischen Jewrovision nach Stockholm fahren! Noch einmal geben fünfzehn Jungen und Mädchen von «Olam» vor einem ausgefeilten Bühnenbild einen eigens komponierten Song zum Besten, der das Zeug zum Ohrwurm hat. Oliver Polak singt «Lasst uns alle Juden sein». Dann startet die endgültige Tanz-Party.

  Angelika Calmez

«Jüdische Zeitung», März 2010