Rabiner Wolff                              Foto: privat

«Am Schabbat ist unsere Synagoge überfüllt»

Zwölf Jahre jüdische Gemeinde Schwerin: Eine Erfolgsbilanz

«Wir platzen aus allen Nähten», stellt Valeriy Bunimov mit einem Blick durchs enge Büro am Schweriner Schlachtermarkt fest. Die 1994 von siebenundzwanzig Zuwanderern wiederbegründete jüdische Gemeinde ist heute mit gut 1.040 Mitgliedern die zweitgrößte in Ostdeutschland; etwa 140 Gemeindemitglieder sind in Wismar zu Hause. Zum Vergleich: 1933 lebten in ganz Mecklenburg 1.003 Juden, und das in siebenundvierzig (Kleinst-) Gemeinden. Der Verwaltungsleiter, der vor zwölf Jahren aus der Ukraine nach Schwerin gekommen ist, hofft nun auf einen baldigen Umzug in ein neues Gemeindezentrum, ein Schulgebäude in der Friedenstraße, das mit zweitausend Quadratmetern ausreichend Raum bieten soll. Der jetzige Gebetsraum, der von der kleinen Nachkriegsgemeinde bis zu deren Auflösung in den sechziger Jahren genutzt wurde, hat gerade einmal fünfunddreißig feste Plätze. Im neuen Domizil sollen es einhundertzehn sein. Ein engagierter Freundeskreis unter Leitung von Schwerins Stadtpräsident Dr. Armin Jäger hilft dabei, neben Fördergeldern vom Land auch Spenden für dieses Projekt einzuwerben.

Der im Juni 1996 mit Hilfe von Ignaz Bubis wischen der Landesregierung und dem Landesverband geschlossene Staatsvertrag bildet eine verlässliche materielle Grundlage für den Auf- und Ausbau der jüdischen Gemeinden in Rostock und Schwerin und wird alle fünf Jahre überarbeitet. Noch weiß Bunimov nicht, wie die finanzielle Ausstattung nach der aktuellen Verhandlungsrunde ausschauen wird; dass er keine Planungssicherheit für das Budget 2007 hat, macht ihm zu schaffen. Er hofft vor allem auf Mittel, um weitere Mitarbeiter beschäftigen zu können, insbesondere für die Sozialarbeit. Bislang gibt es nur zwei Kräfte für die Sozialbetreuung und die Buchhaltung. «Dass wir unseren Leuten helfen, das ist unsere jüdische Tradition», sagt Bunimov - doch ehrenamtliches Engagement kann keine professionelle Beratung wettmachen. Er ist aber stolz darauf, dass Volontäre bereit stehen, um Gemeindemitglieder, die noch mit dem Deutschen hadern, bei Arztbesuchen und dergleichen zu begleiten - nur ist der Bedarf auch hier sehr groß. Wie auch immer, die Zusammenarbeit mit den Behörden ist gut, und erst neulich hat das zuständige Ministerium Valeriy Bunimov bestätigt, «dass es dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden gelungen ist, trotz beschränkter Mittel und Möglichkeiten seine Arbeit zu konsolidieren und weiter auszubauen.»

Integrationserfolge
Seit dem Amtantritt von Landesrabbiner Wolff im Jahre 2002 sind die vom Gemeindechor «Masel Tow» gesungenen Gebete und Psalmen aus den Gottesdiensten nicht mehr wegzudenken. Die Sängerinnen und Sänger haben unter Leitung von Inga Belenkaya ein beachtliches Repertoire an liturgischer Musik, aber auch Folklore einstudiert und treten mit ihren Liedern, die sie in Jiddisch, Hebräisch und Russisch singen, auch außerhalb der Synagoge bei Wettbewerben, Chortreffen und Benefizkonzerten auf. In dieser ehrenamtlichen Tätigkeit finden die Chormitglieder Bestätigung in ihrer neuen Heimat. Dabei ist Integration kein Problem, sagt Bunimov. Mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen besucht das Gymnasium und ist längst in der deutschen Sprache zu Hause. Schwerer tun sich die älteren Leute; gut die Hälfte der Gemeindemitglieder ist über sechzig Jahre alt. Die Zentralwohlfahrtsstelle hilft auch in Schwerin mit Sprachkursen und Kulturangeboten. Schwieriger ist die Heranführung an die jüdische Tradition. «Darüber, dass die meisten kaum etwas über ihr jüdisches Erbe wussten, war ich mir im Klaren», erinnert sich Rabbiner Wolff an seine ersten Eindrücke nach seiner Ankunft in Schwerin. «Doch wie weit der Sowjetkommunismus das Judentum ausgerottet hatte, das war mir nicht bewusst.» Inzwischen tragen regelmäßige Gottesdienste, bei denen Wolff von einem Rabbinerstudenten des Abraham Geiger Kollegs unterstützt wird, ebenso wie die Bibliothek, der Chor und traditionelle Einrichtungen wie die Chewra Kaddischa dazu bei, dass die Zuwanderer in Schwerin ihr Judentum neu begreifen und jüdisches Leben hier wieder eine Zukunft hat. Die Quote der russischsprachigen Zuwanderer, die sich in Mecklenburg einer jüdischen Gemeinde anschließen, ist mit über 50 % höher als der Bundesdurchschnitt; die Gemeinden weisen dabei die geringste Binnenmigration in ganz Deutschland auf. Es ist Rabbiner Wolff, Valeriy Bunimov und den vielen ehrenamtlichen Helfern zu danken, dass die jüdischen Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern dank ihres Engagements tatsächlich als jüdische Gemeinschaft respektiert und nicht als «besonders privilegierte russische Zuwanderer» wahrgenommnen werden, wie sich rechtsgerichtete Kreise der Bevölkerung auch in Schwerin gerne einreden wollen.

HGB

«Jüdische Zeitung», September 2006