Ringen um Versöhnung und Frieden

Für uns Juden ist Rosch Haschana, Neujahr, kein Fest ausgelassener Freude, wohl aber tiefen Ernstes, den wie begehen diesen Tag als Jom Hadin, als Tag des Gerichtes, an dem Gott zu Gericht sitzt über alle Menschenkinder. Wie verstehen wir diesen Gerichtstag? Wir sind verpflichtet, alle Vergehen, die wir an Mitmenschen begangen haben, zu sühnen; die zu versöhnen, die wir beleidigt haben, bevor wir uns dem göttlichen Gericht stellen. Denn die Versöhnung, um die wir in den zehn Tagen der Rückkehr ringen, die mit dem Rosch Haschana, dem Neujahrsfest beginnen und dem Jom ha-Kippurim, dem Versöhnungstag enden, soll eine Versöhnung mit Gott sein, zu der wir nur imstande sind, wenn wir uns zuvor mit den Menschen ausgesöhnt haben. Und so tief verpflichtend wurde diese Aufgabe empfunden, dass vor dem jährlich wiederkehrenden Gerichtstag im Laufe vieler Jahrhunderte der Gedanke des Jüngsten Gerichtes, wie ihn unsere Propheten geprägt haben, verblasste. Weniger die Angst vor einem endzeitlichen Gericht des «dies irae, dies illa»(«jener Tag, der Tags des Zorns»), beherrscht uns Juden, als die Furcht, in diesen zehn Tagen nicht Frieden und Versöhnung zu finden. Die Lösung der uns bewegenden Fragen überlassen wir keiner fernen Zukunft, sondern Jahr für Jahr mühen wir uns von neuem um den Sinn unseres irdischen Daseins und schließlich suchen wir die Schuld allen menschlichen Versagens nicht bei anderen, sondern zuerst und vor allem bei uns selbst: «mifne chatoenu», wegen unserer Schuld. Darin sind wir etwas verschieden von mancher Völkergemeinschaft, in der nur Vereinzelte - und das sind dann zumeist die Unschuldigen - ähnliches vermögen, während die Mehrheit Schuld immer nur bei anderen sucht und Verantwortung auf die abwälzt, die nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden können.

Gerade Israel, das in jedem Jahrhundert seiner langen Leidensgeschichte in das Chaos der Vernichtung gestoßen wird, müht sich also um heilige Ordnung, versucht wenigstens, was in seinen Kräften steht zu tun, um an der Überwindung des Unrechts auf Erden mitzuarbeiten, denn von uns wird nicht nur die rechte Gesinnung gefordert, gefordert wird auch das rechte Tun. Unser großer mittelalterlicher Kommentator, Raschi (1040-1105), hat dafür das Wort geprägt: durch die schreibende Hand eines jeden Menschen beschließt Gott.

Am Ende der zehn Tage der Rückkehr stehen wir am Jom ha-Kippurim in vierundzwanzigstündigem Fasten, gekleidet in unsere weißen Totengewänder vor Gott und bekennen unsere Sünde. Über diesen Tag liegt eine nicht zu schildernde Weihe, seine Melodien greifen buchstäblich ans Herz. Weit über unseren Kreis hinaus ist die eine Melodie des Kol Nidre bekannt, von der der Dichter Nikolaus Lenau (1802-1850) eins sagte: «Ein Lied, über und über in Trauer gehüllt, ein lang austönender Nachtgesang bußfertiger, zerknirschter, reuestammelnder Menschenkinder. ‚Kol Nidre' heißt dieses Schmerzensgebet; ich habe es vor Jahren in der Heimat gehört... Ach, ich wünschte mir wohl, dass es einst an meinem Totenbett von Freundesstimmen mir vorgesungen werde.» - Melodie ist oft Ausdruck des Tiefsten, was in einem Menschen, in einer Menschengemeinschaft lebendig ist, und meint hier alles und alle umfassende Versöhnung, nicht nur die Versöhnung mit dem eigenen Ich und dem Nächsten. Um uns das deutlich zu machen, ist zur Lektüre des Jom ha-Kippurim, des Schabbats der Schabbate, von den Rabbinen das Buch Jona bestimmt worden. Es erzählt von dem jüdischen Propheten, der höchst unwillig den Auftrag zur Bußrede an das ferne Volk übernimmt, und von dem Volk der Sünder und Missetäter, das in Gesinnung und Tat sich zu Gott bekehrt. Es handelt sich in dieser Geschichte nicht um Juden, nur um Menschen, über die Gott seine Liebe ausgießt - wie über jegliche Kreatur.

Versöhnung kennt keine Grenzen
Versöhnung kennt keine Grenzen. Wenn wir Juden an unserem höchsten Feiertag darauf warten, dass Gott zu uns spricht: «Salachti!, ich habe verziehen», dann wird von uns verlangt, dass auch wir uns dieses Wort abringen. Dieses Ernstmachen ist zu Zeiten für uns unsagbar schwer - manch blutiger Seufzer unserer Gebete spricht davon. Fürchterliche Bilder der Verfolgung und der Marter sind in uns eingebrannt, jeder von uns trauert um geliebte Menschen, die unter unendlichen Qualen sterben mussten. Und da wird von uns, gerade von uns verlangt, Zeugnis dafür abzulegen, dass es keinen noch so verworfenen Menschen und kein noch so verworfenes Volk gibt, das nicht wieder gesunden könnte, dass wir, gerade wir, im Kampf gegen das Böse den bösen Menschen in seiner Beschränktheit nicht überschätzen. Unserer Generation wird es wohl kaum gelingen, diese Aufgabe zu vollenden, dazu gehören wahrscheinlich übermenschliche Kräfte. Aber erkennen können wir die Richtung unseres Weges und wissen dürfen wir, alle Qualen unserer Geschichte haben wir nur überdauert, weil wir uns schließlich immer wieder zur Versöhnung durchgerungen haben. Von unseren Toten können wir nur deshalb wie von lebenden Helfern sprechen, weil wir sie reinigten von dem Hass ihrer Verfolger.

Wir Juden begehen jetzt Rosch Haschana, den Beginn eines neuen Jahres. Allen Juden gilt unser le'schana towa-Gruss, Gute Neues Jahr!, vor allem denen, die in großer Einsamkeit und Trauer in diesem land leben. Unsere Hoffnung, von der wir nicht lassen können, aber ist, es möchte diese Welt des Hasses überwunden und die Forderung an uns Menschen verstanden werden, die aus dem Gottesruf tönt: «Salachti! Ich habe verziehen.»

Rabbiner Dr. Robert Raphael Geis

(aus dem Nachlass, Manuskript für eine

Rundfunksendung o.J., zw. 1952 und 1955)

Information:

«Streiter für das Königtum Gottes»
Robert Raphael Geis wurde am 4. Juli 1906 in Frankfurt am Main geboren und erhielt 1932 von der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums die «Befähigung als Rabbiner, Prediger und Religionslehrer zu wirken»; er war erst als Jugendrabbiner in München, dann als Stadtrabbiner in Mannheim und schließlich als Land- und Gemeinderabbiner in Kurhessen und Kassel tätig. Im Dezember 1938 wurde er nach vier Wochen Inhaftierung aus dem KZ Buchenwald entlassen und aus Deutschland ausgewiesen. Geis gelangte über Paris nach Palästina, war nach Kriegsende in London, Zürich und Amsterdam angestellt und kehrte 1949 nach Deutschland zurück. Von 1952 war er für vier Jahre Landesrabbiner von Baden mit Sitz in Karlsruhe, scheiterte aber an der täglichen Kleinarbeit in der sich mühsam konsolidierenden jüdischen Gemeinschaft und an deren Vorstand, der ihm eine wirkliche Erneuerung jüdischen Lebens unmöglich machte. Robert Raphael Geis wurde schließlich zum «Rabbiner ohne Gemeinde», wie ihn sein Weggefährte Ernst Ludwig Ehrlich nannte - er entfaltete eine reiche Vortragstätigkeit und wurde einer der tragenden jüdischen Partner in der Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Evangelischen Kirchentag. 1969 wurde er als Honorarprofessor für Judaistik an die Pädagogische Hochschule Duisburg berufen, 1971 an die Universität Göttingen. Am 18. Mai 1972 starb Geis in Baden-Baden. Eine Vielzahl seiner Briefe, Reden und Aufsätze ist in dem Band «Leiden an der Unerlösbarkeit der Welt» nachzulesen, den Dietrich Goldschmidt 1984 beim Münchner Chr. Kaiser Verlag herausgegeben hat.

 

«Jüdische Zeitung», September 2006