Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Ringen um Versöhnung und FriedenFür uns Juden ist Rosch Haschana, Neujahr, kein Fest ausgelassener Freude, wohl aber tiefen Ernstes, den wie begehen diesen Tag als Jom Hadin, als Tag des Gerichtes, an dem Gott zu Gericht sitzt über alle Menschenkinder. Wie verstehen wir diesen Gerichtstag? Wir sind verpflichtet, alle Vergehen, die wir an Mitmenschen begangen haben, zu sühnen; die zu versöhnen, die wir beleidigt haben, bevor wir uns dem göttlichen Gericht stellen. Denn die Versöhnung, um die wir in den zehn Tagen der Rückkehr ringen, die mit dem Rosch Haschana, dem Neujahrsfest beginnen und dem Jom ha-Kippurim, dem Versöhnungstag enden, soll eine Versöhnung mit Gott sein, zu der wir nur imstande sind, wenn wir uns zuvor mit den Menschen ausgesöhnt haben. Und so tief verpflichtend wurde diese Aufgabe empfunden, dass vor dem jährlich wiederkehrenden Gerichtstag im Laufe vieler Jahrhunderte der Gedanke des Jüngsten Gerichtes, wie ihn unsere Propheten geprägt haben, verblasste. Weniger die Angst vor einem endzeitlichen Gericht des «dies irae, dies illa»(«jener Tag, der Tags des Zorns»), beherrscht uns Juden, als die Furcht, in diesen zehn Tagen nicht Frieden und Versöhnung zu finden. Die Lösung der uns bewegenden Fragen überlassen wir keiner fernen Zukunft, sondern Jahr für Jahr mühen wir uns von neuem um den Sinn unseres irdischen Daseins und schließlich suchen wir die Schuld allen menschlichen Versagens nicht bei anderen, sondern zuerst und vor allem bei uns selbst: «mifne chatoenu», wegen unserer Schuld. Darin sind wir etwas verschieden von mancher Völkergemeinschaft, in der nur Vereinzelte - und das sind dann zumeist die Unschuldigen - ähnliches vermögen, während die Mehrheit Schuld immer nur bei anderen sucht und Verantwortung auf die abwälzt, die nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden können. Gerade Israel, das in jedem Jahrhundert seiner langen Leidensgeschichte in das Chaos der Vernichtung gestoßen wird, müht sich also um heilige Ordnung, versucht wenigstens, was in seinen Kräften steht zu tun, um an der Überwindung des Unrechts auf Erden mitzuarbeiten, denn von uns wird nicht nur die rechte Gesinnung gefordert, gefordert wird auch das rechte Tun. Unser großer mittelalterlicher Kommentator, Raschi (1040-1105), hat dafür das Wort geprägt: durch die schreibende Hand eines jeden Menschen beschließt Gott. Am Ende der zehn Tage der Rückkehr stehen wir am Jom ha-Kippurim in vierundzwanzigstündigem Fasten, gekleidet in unsere weißen Totengewänder vor Gott und bekennen unsere Sünde. Über diesen Tag liegt eine nicht zu schildernde Weihe, seine Melodien greifen buchstäblich ans Herz. Weit über unseren Kreis hinaus ist die eine Melodie des Kol Nidre bekannt, von der der Dichter Nikolaus Lenau (1802-1850) eins sagte: «Ein Lied, über und über in Trauer gehüllt, ein lang austönender Nachtgesang bußfertiger, zerknirschter, reuestammelnder Menschenkinder. ‚Kol Nidre' heißt dieses Schmerzensgebet; ich habe es vor Jahren in der Heimat gehört... Ach, ich wünschte mir wohl, dass es einst an meinem Totenbett von Freundesstimmen mir vorgesungen werde.» - Melodie ist oft Ausdruck des Tiefsten, was in einem Menschen, in einer Menschengemeinschaft lebendig ist, und meint hier alles und alle umfassende Versöhnung, nicht nur die Versöhnung mit dem eigenen Ich und dem Nächsten. Um uns das deutlich zu machen, ist zur Lektüre des Jom ha-Kippurim, des Schabbats der Schabbate, von den Rabbinen das Buch Jona bestimmt worden. Es erzählt von dem jüdischen Propheten, der höchst unwillig den Auftrag zur Bußrede an das ferne Volk übernimmt, und von dem Volk der Sünder und Missetäter, das in Gesinnung und Tat sich zu Gott bekehrt. Es handelt sich in dieser Geschichte nicht um Juden, nur um Menschen, über die Gott seine Liebe ausgießt - wie über jegliche Kreatur. Versöhnung kennt keine Grenzen Wir Juden begehen jetzt Rosch Haschana, den Beginn eines neuen Jahres. Allen Juden gilt unser le'schana towa-Gruss, Gute Neues Jahr!, vor allem denen, die in großer Einsamkeit und Trauer in diesem land leben. Unsere Hoffnung, von der wir nicht lassen können, aber ist, es möchte diese Welt des Hasses überwunden und die Forderung an uns Menschen verstanden werden, die aus dem Gottesruf tönt: «Salachti! Ich habe verziehen.» (aus dem Nachlass, Manuskript für eine Rundfunksendung o.J., zw. 1952 und 1955) Information: «Streiter für das Königtum Gottes»
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