Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() "Heldenangst"von Gabriel Chevallier
Als vor zwei Jahren der fulminante Antikriegsroman «Heldenangst» des französischen Bestsellerautors und hochdekorierten Teilnehmers des Ersten Weltkriegs Gabriel Chevallier (1895-1969) erstmals seit 1951 unter großem Medienecho wieder in Frankreich aufgelegt wurde, feierten ihn Kritik und Publikum völlig zu Recht als epochales Meisterwerk und als französisches Gegenstück zu Erich-Maria Remarques «Im Westen nichts Neues». Tatsächlich ist die Wiederentdeckung dieses ursprünglich schon 1930 erschienenen zeitlos aktuellen Romans über die Schrecken des Krieges ein absoluter literarischer Glücksfall, denn er bietet dem Leser nicht nur eine vollkommen neutrale, von keinerlei nationalen Vorbehalten geprägte, brillante Analyse der damaligen Kriegshysterie, die alle Beteiligten so bereitwillig und begeistert in den Kampf ziehen und auf ihren vermessenen Positionen verharren ließ, sondern auch höchst suggestive, unvergesslich-überzeugende Bilder vom Alltag an der Front und der alles dominierenden Angst der beklagenswerten, einer äußersten nationalistischen Entgrenzung preisgegebenen Soldaten. Interessanterweise war dieses wirklich wichtige, beeindruckende Buch seinerzeit nicht einmal für zehn Jahre im Handel, was Chevallier in seinem Vorwort zur Neuausgabe von 1951 folgendermaßen erklärt: «Dieses Buch gegen den Krieg [...] traf unglücklicherweise auf einen zweiten Krieg. 1939 einigten sich Autor und Verleger darauf, den Verkauf einzustellen. Wenn schon Krieg herrscht, dann ist es nicht mehr angebracht, die Menschen daran zu erinnern, dass er ein übles Abenteuer mit unvorhersehbaren Folgen ist. Das hätte man vorher begreifen und entsprechend handeln müssen.» Diese Lehre wird ohne jeden Zweifel in Chevalliers Roman mehr als deutlich, auch wenn man natürlich davon ausgehen muss, dass Kriegsbefürworter aller Zeiten sich vermutlich nicht von Literatur zur inneren Umkehr bewegen lassen. Dennoch kann man sich kaum ein geeigneteres Dokument vorstellen, dem interessierten Leser die Widersprüche, die Grausamkeit, die furchtbare Eigendynamik des Krieges auf authentischere, allgemeingültigere Art und Weise vor Augen zu führen. Gabriel Chevallier, der bis auf einen vorübergehenden Lazarettaufenthalt ständig als einfacher Frontsoldat eingesetzt wurde, beweist in seinem Roman von Beginn an ein ausgeprägtes Talent, seine hellwachen Beobachtungen und klaren Gedankengänge so pointiert zu formulieren, dass man am liebsten seitenweise aus seinem auch stilistisch überzeugenden Text zitieren möchte. Das erste «Kriegsopfer» beobachtet sein gleichaltriges, kurz vor der Einberufung stehendes Alter Ego bereits vor Beginn der eigentlichen Kampfhandlungen, noch während der sich spontan in der Öffentlichkeit ergebenden patriotischen Feierlichkeiten: ein Mann, der sich in einem Café weigert, zur Marseillaise aufzustehen, wird von der entfesselten Menge bewusstlos geschlagen. «Innerhalb einer Woche erhielten zwanzig Millionen zivilisierte Männer, die damit beschäftigt waren, zu leben, zu lieben, Geld zu verdienen, eine Zukunft aufzubauen, die Anweisung, alles liegen zu lassen und wegzugehen, um andere Männer zu töten. Und diese zwanzig Millionen Menschen haben die Anweisung befolgt, weil man sie davon überzeugt hat, es sei ihre Pflicht.» Chevalliers mit dezenter Wut und ungläubigem Sarkasmus vorgetragener, hoch reflektierter Text wird mit Sicherheit als einer der wichtigsten Antikriegsromane Bestand haben.
|