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| Demonstration in Nürnberg Foto: D. Kalveram |
Stellung beziehen, Kritik riskieren
Jurastudent Ilia Choukhlov aus St. Peterburg über die Perspektiven der neuen jüdischen Generation in Deutschland
Wie siehst Du heute Dein Leben in Deutschland?
Für mich ganz normal, mir gefällt es. Nur in Nürnberg möchte ich nicht ewig bleiben. Nach neun Jahren habe ich hier sehr viele Freunde gefunden, die ich vermissen würde, doch wenn es mir möglich wird, gehe ich woanders hin.
Du lebst in einem Stadtteil, in dem fast die Hälfte der Bewohner aus Zuwandererfamilien kommen - wie siehst Du in Deinem unmittelbaren Umfeld die Problematik der Integration?
Bei sehr vielen Zuwanderern, auch meiner Generation sehe ich die mangelnde Bereitschaft zur Integration. Je nach Herkunftsländer und Sprache bilden sich Gruppen, wobei sich kaum ein Austausch zwischen diesen Gruppen und mit der alteingesessenen Bevölkerung ergibt. Dazu kommt, dass viele einfach nicht Deutsch lernen wollen.
Wie würde sich denn die Bereitschaft zum Lernen erhöhen lassen?
Indem man den Jugendlichen klar macht, dass sie hier willkommen sind und, dass ihre Zukunft in Deutschland liegt.
Siehst Du selbst Deine Zukunft in Deutschland?
Ich weiß nicht, was kommen wird, erst einmal möchte ich hier mein Studium beenden.
Du studierst in Erlangen Jura. Weshalb hast du Dir gerade dieses Fach ausgesucht?
Mich interessiert die Auseinandersetzung über die Grenze zwischen Recht und Unrecht- und wie es überhaupt zur Gesetzgebung kommt. Konkret kann ich mir vorstellen, später einmal im politischen Bereich zu arbeiten.
Du arbeitest bereits intensiv im politischen Bereich, allerdings ehrenamtlich. Dein Schwerpunkt bildet die Situation in Israel. Du nimmst dabei Positionen ein, die von der Mehrheit Deiner Generation in Deutschland nicht geteilt werden.
Das hängt damit zusammen, dass ich die Lage in Israel besser einschätzen kann, weil ich sie jedes Mal, wenn ich dort bin, erlebe. Die Aktivisten der deutschen Friedensbewegung haben keine Ahnung davon und zeigen kein Interesse, sich wenigstens zu informieren. Das werfe ich denen vor, die sich, besonders während der letzten Wochen, gegen das Selbstverteidigungsrecht Israels stellten - und zusammen mit arabischen Gruppen Israel moralisch auf die Anklagebank setzten.
Auch Dich haben Teilnehmer einer palästinensisch-libanesischen Demonstration als «Mörder» bezeichnet, als Du mit einer kleinen Gruppe gegen deren Parolen protestiert hast. Ihr habt die Flagge Israels gezeigt. Die Bereitschaftspolizei musste eingreifen - kein tolles Erlebnis für Dich.
Damit hatte selbst ich nicht gerechnet, mitten in der Nürnberger Innenstadt. Erstaunt hat mich auch, dass diese «Hisbolla-Freunde» ihre Demo fortsetzen durften. Allerdings, die schnelle Reaktion der Polizisten, die sich sofort vor uns stellten, hat mich beruhigt.
Die Flagge Israels wirkt wie ein rotes Tuch - nicht nur auf arabische Demonstranten, sondern auch auf deutsche. Trotzdem hast Du die Konfrontation nicht vermieden.
Während viele von den Jungen, die ich in Israel kenne, an der Front ihr Leben riskieren mussten, wollte ich hier wenigstens symbolisch deutlich machen, dass ich an ihrer Seite stehe. Wenn in Deutschland gegen Israel gehetzt wird, kann ich das als Jude nicht hinnehmen.
Glaubst Du, mit Deinem Eintreten für Israel die öffentliche Meinung beeinflussen zu können?
Zumindest versuche ich es. Nach Möglichkeit argumentativ und durch die Vermittlung von Informationen, aber manchmal geht es einfach nur ums Prinzip, wir lassen uns nicht einschüchtern.
Isoliert dich Deine politische Haltung in anderen Bereichen?
Nein, mit meinen Kommilitonen verstehe ich mich zum Beispiel gut, sie akzeptieren meine Positionen.
Meinst Du, dass die Bereitschaft, sich in jüdischen Organisationen zu engagieren, abnehmen wird, wenn der ökonomische Druck zunimmt?
Ich gehe davon aus, denn wir können es uns einfach nicht leisten, unsere Ausbildung zu vernachlässigen, es ist sowieso schon schwierig genug, Jobs zu finden, die wir während des Studiums brauchen. Das gilt nicht nur für die Arbeit in jüdischen Organisationen, auch Parteien stellt sich die Nachwuchsfrage, was aber eher mit Desinteresse zu tun hat.
Was müsste sich denn ändern, damit jüdische Organisationen und Gemeinden nicht überaltern?
Es müsste sich eine stärkere Offenheit für die Interessen der Jugend entwickeln, viele von ihnen haben die Erfahrung gemacht, dass unsere Vorschläge gar nicht erwünscht sind. Je nach Frustrationsempfinden hört man irgendwann auf, welche zu machen. Statt das Gespräch mit uns zu suchen, wird oft vorgegeben, was für uns sinnvoll sein soll. Wenn nur diejenigen gefördert werden, die sich diesem hierarchischen Prinzip unterordnen, wundert es nicht, dass der Rest keine Perspektiven mehr darin sieht, sich aktiv in die jüdische Gemeinschaft einzubringen.
Die jüdische Jugend in Deutschland, das sind doch in der Mehrheit jüdische Zuwanderer aus den GUS Staaten. Wie könnte verhindert werden, dass dieser Nachwuchs verloren geht?
Die Gemeinden müssten zunächst mehr Dialogbereitschaft zeigen, die Lebenssituation der Jugend realisieren. Die bisherigen Angebote, oft von der Rentnergeneration entwickelt, sind nicht unbedingt attraktiv- deshalb bleibt ein Teil der Jugend fern. Auch der Umgangston muss sich ändern, viele von uns sind den autoritären Stil aus totalitären GUS Staaten gewohnt, aber nicht bereit, diesen Stil in einem demokratischen System hinzunehmen. Es wäre doch auch viel vernünftiger, wenn wir die Möglichkeit hätten, uns freiwillig einzubringen, die Bereitschaft, mitzugestalten, ist bei den meisten durchaus vorhanden.
Das Gespräch führte Doris Kalveram