Antisemitismus hat viele Namen

Das "Handbuch des Antisemitismus" verspricht viel und hält wenig

 

Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, Bd. 2: Personen, De Gruyter, 934 Seiten, 159,95 Euro.

Kennen Sie Hans Diebow? Nein? Machen Sie sich nichts daraus. Laut Wolfgang Benz ist der Mann ein «zu recht vergessener Schriftsteller». Wolfgang Benz, Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) ist Herausgeber des «Handbuches des Antisemitismus», dessen zweiter Band in zwei Teilbänden nun erschienen ist. Mit dem Untertitel «Personen» versehen, beinhalten die beiden Teilbände 686 Biographien, geschrieben von 176 Autoren auf insgesamt über 900 Seiten.

 

Den Eintrag zu Hans Diebow hat Wolfgang Benz selbst verfasst und er zeigt zugleich eine Misere und Paradox in der Konzeption des Handbuchs. Warum will Benz an einen «zu recht vergessenen Schriftsteller» erinnern? Benz meint, dass die bedeutenden Antisemiten der Kunst und Politik im Dritten Reich «gewürdigt» werden müssen, wie er es anlässlich der Buchvorstellung Ende Januar in Berlin ausdrückte. Als sei das nicht merkwürdig genug, kommt ein handwerklicher Mangel im Handbuch hinzu: Benz' Eintrag zu Diebow hat weder Fußnoten noch ein Literaturverzeichnis. Wenn wir also einen Nachweis über die genannten Informationen zum Antisemiten Hans Diebow lesen wollen, müssen wir bei «Wikipedia» nachschauen - dort findet sich übersichtlich das Werk von Diebow, dort finden sich die Fußnoten. Wissenschaftlich hat das «Handbuch des Antisemitismus» also offensichtlich ein Manko. Denn auch bei den anderen Einträgen sucht man Fußnoten und mithin Zitatnachweise gänzlich vergeblich. Die Literaturverzeichnisse zu den Biographien überschreiten nur selten drei Titel.

 

Ein Werk von solcher Größe und solchem Umfang wie das 900-Seiten-Handbuch gerät notwendigerweise in Rechtfertigungsdruck, wenn begründet werden soll, wie eine thematische Abgrenzung stattgefunden hat. Benz und sein Team grenzen wie folgt ab: 1. Manche Personen, die auf einem Randgebiet wichtig waren, wurden nicht aufgenommen. 2. «Andere (...) sind berücksichtigt, weil sich in ihnen der Zeitgeist spiegelt. 3. «Manche Personen sind aufgenommen, weil sie in bestimmten Lebensphasen antijüdische Einstellungen hatten, die wirkungsmächtig waren oder ihre Weltanschauung bestimmten.» 4. «Andererseits wird der Leser mit Erstaunen auf Persönlichkeiten stoßen, die in diesem Zusammenhang nicht ohne weiteres zu vermuten waren.» Und dann gibt's noch Menschen, «die eine bestimmte Funktion mit Einfluss und Wirkung hatten, an wichtiger Stelle antisemitische Gesinnung zur Geltung brachten (oder bringen), ohne selbst programmatisch oder theoretisch als Judenfeinde hervorzutreten».

 

Vergessen wollten Benz und Mannschaft allerdings auch nicht Thomas Mann und Immanuel Kant, bei denen Aspekte ihres Werks Antisemitismus berühren. Nicht genug: Platz im Handbuch war auch da, um einige jener aufzunehmen, die ihre Stimmen gegen den Antisemitismus erhoben. Die Abgrenzung ist für den Leser also offensichtlich alles andere als klar und legt den Verdacht nahe, dass bei dem Handbuch-Projekt jeder einfach über irgendwen geschrieben hat, der irgendwas mit Antisemitismus zu tun hatte - und das weltweit, von der Spätantike bis heute.

 

Der zweite sich aufzwingende Vorwurf beim Lesen des Handbuchs besteht in der konkreten Auswahl der Personen. Wenn schon 900 Seiten zu bedrucken waren: Wurde da auch wirklich keiner vergessen? Jüdische Zeitungen in Deutschland und einschlägige Internetblogger begannen kurz nach Erscheinen des Handbuchs sogleich mit Zusammenstellungen einiger Namen, die ihrer Meinung nach noch unbedingt dort hineingehörten. Die Frage, ob das nun vorliegende, wissenschaftliche «Who-is-who» des Antisemitismus dazu beitragen kann, den fortwährenden Definitionsstreit «Wer ist Antisemit?» zu versachlichen, ist angesichts dieser «Ich-kenn-da-auch-noch-Einen»-Reaktionen schwer zu beantworten.

 

Zusammengefasst: Die beiden Bände des «Handbuches des Antisemitismus» sind weder überaus interessant noch überaus informativ. Wer als Fachmann in seinem jeweiligen Gebiet die Namen durchstöbert, der wird sich über das mangelhafte wissenschaftliche Niveau ärgern. Aber wieviel Wahrheit über ein ganzes Leben kann man schon auf ein bis zwei Seiten packen?

 


 Stefanie Daniel

«Jüdische Zeitung», März 2010