Mit den Worten des Rabbiners

Das Brot des Elends, das Brot der Freiheit

Zubereitung von Matza für Pessach in einer industriellen Bäckerei in Tel Aviv.

Foto: Reuters

Unsere Assoziation mit Pessach ist unumstritten die Matza. Mit Geschmack, religiöser Überzeugung oder gelassener Akzeptanz essen wir diese kulinarische Erinnerung. Mit Charosset, Käse, Zucker oder sogar trocken ist die Matza eine mehr oder weniger geliebte Abwechslung zu unserer alltäglichen Diät. Am Sederabend sehnen wir uns förmlich nach der Matza. Nach der Petersilie und dem Radieschen ist sie nämlich das Erste was wir nach einer langen Einleitung in die Pessachgeschichte essen. Für die Kinder bedeutet die Matza eine spannende Aufregung und die Perspektive eines Sieges. Wer den Afikoman findet, darf mit dem Vorbeter über den Preis der Rückgabe verhandeln. Auch das Singen des «Ha lachmaanja». Der Satz «Seht, welch armseliges Brot unsere Vorfahren im Lande Ägypten gegessen haben» kann unsere positive Assoziation mit der Matza nicht verstören. Für Schoa-Überlebende ist das anders. Sie wissen wie kein Anderer, wie armseliges Brot schmeckt, oder besser - nicht schmeckt. Sie wissen, wie es ist, zu viel zum Verhungern und zu wenig zum Leben zu bekommen. Gerade aber weil es nicht die Absicht ist, aus eigener Erfahrung zu wissen, wie armseliges Brot schmeckt, werden wir an Pessach beauftragt, es zu essen. Unter der Annahme, dass es uns gut geht und wir über genügend Nahrung verfügen. In der Haggada lesen wir zwei Erklärungen für das Essen von Matza: Erstens, wie bereits gesagt, soll die Matza uns an die Sklaverei und an das Brot des Elends, das unsere Vorfahren in Ägypten gegessen haben, erinnern. Der zweite Grund wird uns kurz vor Beginn der Mahlzeit gegeben: Wir essen Matza, weil unsere Vorfahren bei ihrer Abreise keine Zeit mehr hatten, den Teig aufgehen zu lassen. Damit ist die Matza neben dem Symbol für die Sklaverei auch ein Symbol für die Freiheit geworden. Was unterscheidet den Abend, als die Israeliten in ihren Häusern die Abreise abwarteten und die in großer Eile gebackene Matza aßen,von der Nacht, in der sie unterwegs dieselbe Matza, aber jetzt als Brot der Freiheit, gegessen haben? Eine unvermeidbare innerliche Transformation der Israeliten. Der Auszug aus Ägypten war keine zielbewusste Reise von einem Ort zu einem anderen, sondern eine innerliche Reise von der Sklaverei in die Freiheit. Was unterscheidet die Sklaverei von der Freiheit? Nicht, dass Sklaven leiden und freie Menschen glücklich sind. In beiden Situationen ist die Matza, und vielleicht auch das Leben, gleich hart und trocken. In nur wenigen Stunden machten unsere Vorfahren eine spektakuläre psychologische Entwicklung durch. Das Brot des Elends hatten sie tatenlos, und man könnte sagen, unbewusst gegessen. Als sie aber freiwillig, die (nur im Nachhinein so erlebten) ägyptischen Fleischtöpfe und das grüne Nildelta hinter sich gelassen hatten, und fest entschlossen in die Wüste, in die Freiheit gezogen sind, wurde das armselige harte, trockene Brot des Elends zum Brot der Freiheit. Wir modernen Menschen ringen mit modernen Formen von Unfreiheit. Eine selbstgewählte «Sucht» betrifft die Abhängigkeit von technischen Instrumenten und Apparaten. Ohne diese «Esgedesa» (Es-gehört-dazu-Sachen) meinen wir, nicht funktionieren zu können oder nicht dazuzugehören. Ein Leben ohne PC, Internet, GPS, Handy, Smartphone, zweitem Auto oder Plasma-Fernseher ist fast undenkbar. Nicht, dass wir diese Erneuerungen, die unser Leben bequemer und vielleicht auch schöner machen, wieder abgeben sollen. Nein, benutzen und genießen sollen wir sie. Wenn wir aber am Sederabend «Ha lachma anja» singen, sollten wir uns vielleicht einmal mit der Bedeutung, die die folgenden Worte in unserem Leben haben, auseinandersetzen: «Besitz ist wertlos und kostet, Beziehung ist wertvoll und schafft». Worte mit denen jeder vernünftige Mensch einverstanden ist, die uns logisch vorkommen. Worte aber, die leider oft nur Worte bleiben.

 

Chag Sameach!

 

Rabbiner Reuven Bar-Ephraimist liberaler Rabbiner derGemeinde «Or Chadasch» in Zürich.

Rabbiner Reuven Bar-Ephraim

«Jüdische Zeitung», März 2010