Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Öko-Kaschrut und spirituelle SinnsucheDie jüdische Erneuerungsbewegung in den USA. Ein Porträt
Das amerikanische Judentum ist progressiv. Man denke nur an die Reformbewegung, die zwar in Deutschland begann, jedoch erst in den USA ihre Wirkkraft voll entfalten konnte und zu der sich heute etwa 38 Prozent der amerikanischen Juden zugehörig fühlen. Weitere 33 Prozent der US-Juden gehören dem konservativen Judentum an und 22 Prozent sind orthodoxen Glaubens. Doch was tun diejenigen, die sich in keiner der drei genannten Konfessionen aufgehoben fühlen? Sie kehren entweder dem Judentum ganz und gar den Rücken oder sie wenden sich vergleichsweise jungen Strömungen zu wie der jüdischen Erneuerungsbewegung Jewish Renewal Movement. Gerade Menschen, die am Rande des traditionellen Judentums stehen oder gar davon ausgeschlossen werden, wie zum Beispiel Homosexuelle oder Konvertiten, will die Erneuerungsbewegung eine Anlaufstelle bieten. Denn zu ihren wichtigsten Grundsätzen zählt die Gleichheit aller.
Die «Jewish Renewal»-Bewegung geht auf den Rabbiner Zalman Schachter-Schalomi zurück. 1924 wurde Schachter-Schalomi in einer polnischen Kleinstadt geboren, verbrachte den Großteil seiner Kindheit in Wien und floh 1938 vor den Nationalsozialisten nach Belgien. Auf seiner Flucht vor landete er schließlich 1941 in New York. Eine Ausbildung zum Rabbiner schloss Reb Zalman 1947 an der Jeschiwa der chassidischen Chabad Lubawitscher ab. Doch seine Affinitäten zu moderner Kultur und zu anderen Religionen führten alsbald dazu, dass sich die Wege von Reb Zalman und den Lubawitschern trennten. Vor dem Hintergrund von Antikriegsbewegung und Hippie-Ära gründete Schachter-Schalomi 1962 in Philadelphia seine eigene Organisation: Mit «B‘nei Or» («Kinder des Lichts») war der Grundstein für die jüdische Erneuerungsbewegung gelegt.
Jüdisch transkonfessionell
Das «Jewish Renewal Movement» basiert im Wesentlichen auf den prophetischen Traditionen des Judentums, die allerdings durch kabbalistische und andere mystischen Ansätze erweitert werden. Auch Einflüsse aus sozialen Strömungen der 1960er und 1970er Jahre, wie beispielsweise der Feminismus, die Ökologiebewegung und der Pazifismus haben das Wesen der Bewegung geprägt. Reb Zalman, der den Religionen der Welt gegenüber stets sehr aufgeschlossen war, ließ sich zudem vom Sufismus und vom Buddhismus inspirieren. Dies hatte zur Folge, dass in den 1980er und 1990er Jahren auch östliche Meditationstechniken in die Erneuerungsbewegung integriert wurden. Zudem rückten die spirituelle Ebene und der verantwortungsvolle Umgang des Menschen mit dem Planeten Erde immer stärker in den Vordergrund. Um dieser neuen Ausrichtung gerecht zu werden, wurde 1993 ALEPH (Alliance for Jewish Renewal) ins Leben gerufen. ALEPH ist ein internationales Netzwerk von Jewish-Renewal-Gruppen, das vierteljährlich die Zeitschrift «New Menorah» veröffentlicht, unterschiedliche Projekte fördert und mit «Elat Chayyim» in ein eigenes Meditationszentrum besitzt.
Reb Zalman und seine Anhänger betrachten die Bewegung als transkonfessionell. Das bedeutet nichts Anderes, als dass jeder Jude und jede Jüdin, ganz gleich, welchen religiösen oder privaten Hintergrund er oder sie mitbringen, in den Jewish-Renewal-Gemeinschaften willkommen sind. Dazu zählen insbesondere Schwule und Lesben sowie Personen, die in interreligiösen Partnerschaften leben, wie es auf der Website von «B‘nei Or» in Philadelphia heißt. Außerdem betonen die Mitglieder der Bewegung ihren egalitären Anspruch, demzufolge alle Menschen gleich zu behandeln sind und zwischen Männern und Frauen absolute Gleichberechtigung herrscht. Auf der bereits erwähnten Website steht dazu Folgendes: «B‘nei Or ist wie eine große Familie. Hier sind Frauen und Männer gleichermaßen am Gottesdienst, am Unterricht, an der Leitung und an den Entscheidungsprozessen beteiligt. Unsere Liturgie ist ganzheitlich, sie verehrt sowohl die femininen, als auch die maskulinen Aspekte Gottes als gleichwertige Facetten einer noch größeren Einheit.»
Gewand aus Licht
Zu den grundlegenden Prinzipien der Bewegung zählt auch das Einsetzen für soziale Gerechtigkeit und Frieden zwischen unterschiedlichen ethnischen Gruppen. So nahm Reb Zalman im November letzten Jahres an einer interreligiösen Konferenz in Großbritannien teil, wo er auf Vertreter unterschiedlicher Weltreligionen traf. Dort fiel er vor allem durch seinen bunten Regenbogen-Gebetsschal (Tallit) auf, den er vor etwa 50 Jahren selbst kreiert hatte. Wie Reb Zalman darauf kam? Er erinnert sich daran, dass er damals einen Vers aus dem Midrasch gelesen hatte, in dem es hieß: «Wie hat Gott die Welt geschaffen? Er hat sich selbst in ein Gewand aus Licht gehüllt und begann, zu leuchten.» Und so entstand die Idee des Regenbogen-Tallits, der inzwischen längst nicht mehr nur in den Synagogen der jüdischen Erneuerungsbewegung zu sehen ist. Die bunten Streifen des Tallits können außerdem als Anlehnung an die in der Kabbala angelegten göttlichen Manifestationen (Sefirot) und die mit ihnen assoziierten Farben verstanden werden. Damit schließt sich der Kreis aus prophetischer und mythischer Tradition.
Für manche Kritiker ist die Erneuerungbewegung nichts weiter als eine Form von New-Age-Judentum. Ganz abwegig scheint diese Sichtweise nicht. Tatsächlich erinnert die experimentelle Gottesdienst-Praxis, in der Elemente aus Meditation, Tanz, Gesang und Mystik einfließen, an die esoterischen Seiten der Hippiebewegung im «Age of Aquarius». Die Kritik entzündet sich aber nicht nur an der liturgischen Praxis oder den Essgewohnheiten. Auch in den rabbinischen Organisationen der Reformjuden und der Konservativen sind die Rabbiner der Erneuerungsbewegung nicht erwünscht. Angezweifelt wird die Rechtmäßigkeit der Einsetzung von Rabbinern, die nur wenige Monate und sehr oberflächlich ausgebildet worden seien. Außerdem wirft man der Bewegung vor, dass sie nur darauf bedacht sei, mit dem Zeitgeist zu gehen und die jüdischen Traditionen verwässere, um dadurch mehr Menschen anzuziehen.
Einen neuen Trend hat die jüdische Erneuerungsbewegung allemal gesetzt mit der Öko-Kaschrut, die der Heilung der verwundeten Erde dienen soll. Die Öko-Kaschrut stellt eine Ausweitung des herkömmlichen Kaschrut dar, es soll also auch hinterfragt werden, unter welchen ökologischen Bedingungen Lebensmittel hergestellt werden und wie sich der Umgang mit Ressourcen gestaltet. Ein Teller, auf dem Schwein serviert wurde, ist nicht koscher. Ganz klar. Aber was ist mit einem noch unbenutzten Teller aus Kunststoff? Der ist koscher, auch klar, aber eben nicht öko-koscher. Alles koscher, oder was? |