Schicksalhaft

Vor 50 Jahren fand die erste persönliche Begegnung zwischen den Regierungschefs der Bundesrepublik Deutschland und des Staates Israel stattt. Heute gibt es engste militärische Kooperationen zwischen beiden Ländern

Offizielle Gespräche zwischen hohen israelischen und deutschen Politikern sind heute alltäglich. Vor wenigen Wochen war der israelische Präsident Schimon Peres auf Staatsbesuch in Deutschland und hielt anlässlich des Tages des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag eine bewegende Rede. Im März 2008 sprach die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel vor der Knesset.

 

Vor 50 Jahren jedoch - also 15 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges - waren die Beziehungen zwischen dem Staat Israel und der Bundesrepublik Deutschland kaum mehr als ein zartes Pflänzchen. Das Grauen der von den Deutschen am jüdischen Volk begangenen Verbrechen lag wie ein großer dunkler Schatten über beiden Staaten. Die jüdische Bevölkerung Israels wie auch die Juden in aller Welt lehnten damals jeglichen Kontakt zu Deutschland ab und gingen davon aus, dass dies auch in Zukunft so bleiben würde. Die Deutschen, die mit der Verdrängung ihrer eigenen schwarzen Vergangenheit beschäftigt waren, standen den Beziehungen zum neuen jüdischen Staat eher ablehnend gegenüber. Die beiden Regierungschefs Konrad Adenauer und David Ben Gurion hatten seit 1956 zwar regelmäßig Briefe gewechselt und wussten viel voneinander, doch waren sie sich noch nie persönlich begegnet. Dies geschah zum ersten Mal am 14. März 1960 in der 35. Etage des Waldorf-Astoria-Hotels in New York.

 

Der Konservative und der Zionist

 

Weg bereitet: Bundeskanzler Konrad Adenauer (r.) und Israels Ministerpräsident David Ben Gurion trafen sich erstmals am 14 März 1960 in New York persönlich. Foto: dpa

Die Lebensgeschichte beider Politiker hätte nicht unterschiedlicher sein können. Der rheinische Katholik Konrad Adenauer (1876-1967) - einer der bedeutendsten Zentrumspolitiker der Weimarer Republik und nun CDU-Vorsitzender - traf den Vorsitzenden der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Israels «Mapai» David Ben Gurion (1886-1973). Beide hatten die Ordnung des «langen 19. Jahrhunderts», ihren Zusammenbruch und das Zeitalter der Weltkriege erlebt. David Ben Gurion (geb. David Grün) wurde in Płońsk im damals russisch beherrschten «Kongresspolen» geboren. Er emigrierte 1906 nach Palästina und studierte später im griechischen Saloniki - damals Osmanisches Reich - Jura. Obwohl Ben Gurion im Ersten Weltkrieg für die Aufstellung bewaffneter jüdischer Einheiten in der türkischen Armee plädierte, wurde er 1915 wegen seiner politischen Tätigkeit für den Zionismus des Landes verwiesen. In den USA warb er Freiwillige für die britische «Jewish Legion» und kehrte mit dieser 1918 nach Palästina zurück, wo er fortan zum Führer der sozialistisch ausgerichteten Zionisten avancierte und in dieser Funktion die Leitung in der jüdischen Siedlung Palästinas, dem «Jischuw», innehatte. Ben Gurion war es, der am 14. Mai 1948 die Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel verlas. Er wurde dessen erster Premierminister und regierte das Land, mit Unterbrechungen, bis 1963.

 

Konrad Adenauer studierte Jura und Staatswissenschaften in Freiburg, München und Bonn. Nach einer Tätigkeit als Jurist wurde er 1909 Erster Beigeordneter der Stadt Köln, 1917 Oberbürgermeister und 1918 erfolgte seine Berufung in das Preußische Herrenhaus. Von 1920 bis 1933 war er Präsident des Preußischen Staatsrates, wurde jedoch von den Nationalsozialisten 1933 seiner Ämter enthoben und im Umfeld des gescheiterten Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 sogar inhaftiert. Nach dem Krieg setzte die britische Besatzungsmacht Adenauer als Oberbürgermeister von Köln ein. Es folgte der Aufstieg innerhalb der neugegründeten CDU. 1949 wurde Adenauer erster Kanzler der Bundesrepublik Deutschland.

 

Unter dem Eindruck des sich verschärfenden Ost-West-Gegensatzes zwischen den Großmächten USA/Großbritannien und der Sowjetunion wurden 1949 zwei deutsche Staaten gegründet. Vor dem Hintergrund einer drohenden militärischen Auseinandersetzung im Kalten Krieg entstanden in den 1950er Jahren neue Streitkräfte sowohl in Ostdeutschland (die Nationale Volksarmee) als auch in Westdeutschland (die Bundeswehr).

 

Der Staat Israel entstand in Folge eines UNO-Beschlusses vom November 1947, der die Bildung zweier Staaten vorsah, und nach Abzug der bis dahin dort herrschenden britischen Mandatsmacht aus dem Gebiet Palästinas. Unmittelbar nach der Unabhängigkeitserklärung Israels im Mai 1948 erklärten die ebenso neu gegründeten arabischen Nachbarstaaten Libanon, Syrien, Irak, Jordanien und Ägypten Israel den Krieg, es folgten mehrere Waffengänge. Der junge Staat behauptete seine Unabhängigkeit und staatliche Existenz in harten Kämpfen. In Israel war der Krieg fortan nicht nur eine Bedrohung, er war dauerhafte Realität. Hinzu kamen die Herausforderungen der Masseneinwanderungen von Juden aus Osteuropa und den arabischen Ländern. Das kleine Land benötigte dringend ausländische Anerkennung sowie diplomatische, militärische und finanzielle Unterstützung größerer Staaten. Und so wurde die Bundesrepublik Deutschland für die israelische Außenpolitik ein wichtiger Faktor.

 

Ein historisches Treffen

 

Erster Meilenstein auf dem Wege der Annäherung beider Staaten war die Regierungserklärung von Bundeskanzler Adenauer zur jüdischen Frage und zu den Wiedergutmachungsplänen am 27. September 1951 vor dem Bundestag. In dieser Erklärung wies Adenauer auf die Verpflichtung Deutschlands zur moralischen und materiellen Wiedergutmachung hin und versprach einen baldigen Abschluss der Wiedergutmachungsgesetzgebung sowie ihre gerechte Durchführung.

 

Bereits 1952 war im sogenannten Luxemburg-Abkommen mit westdeutschen «Wiedergutmachungszahlungen» - ein Begriff der in Israel nicht akzeptiert wird, dort heißt es «Reparationen» («Schilumim») - begonnen worden. Fortan erhielten der Staat Israel und die Jewish Claims Conference, für die Juden außerhalb Israels, Entschädigungen für die von den Deutschen begangenen Verbrechen. Kanzler Adenauer war zudem aus moralischen und politischen Gründen bereit, dem Staat Israel zu helfen und vertrat die Ansicht, dass aus dem Wiedergutmachungsabkommen eine echte und dauerhafte Beziehung erwachsen müsse, weit über die wirtschaftlichen Verbindungen hinaus. Diese Politik stand in deutlichem Gegensatz zu der in der Bevölkerung herrschenden «Schlussstrich-Mentalität» hinsichtlich einer Aufarbeitung der NS-Verbrechen, die auch von der Regierung Adenauer durchaus unterstützt wurde.

 

Seit Mitte der fünfziger Jahre wurde die Frage einer Begegnung Adenauers und Ben Gurions immer wieder von Politikern und Journalisten in den Raum gestellt. Gerade für den israelischen Regierungschef war die Realisierung eines offiziellen Treffens sowohl psychologisch als auch innenpolitisch - die Opposition in Israel protestierte vehement gegen das «Blutgeld» aus Deutschland und die Kontakte zu den Tätern der Schoa - ungleich schwieriger als für den deutschen. Das Treffen fand schließlich am Vormittag des 14. März 1960 im New Yorker Hotel Waldorf-Astoria statt, beide Staatsmänner befanden sich auf einer USA-Reise. Vor dem Hotel wehten die weiß-blaue Fahne Israels und das Schwarz-Rot-Gold der Bundesrepublik. Journalisten, Bildreporter und Fernsehteams drängten sich in der Lobby des Hauses. Der Zeitpunkt der Begegnung war auf 10 Uhr festgesetzt und Ben Gurion suchte Adenauer als den um zehn Jahre Älteren in dessen Suite auf. Das historische Gespräch unter vier Augen dauerte zwei Stunden. Es verlief in guter Atmosphäre, beide Politiker schienen sich von vornherein sympathisch zu sein. Adenauer schrieb später: «Die Begegnung machte auf mich einen tiefen Eindruck» und «Wir fanden sogleich Kontakt zueinander». Der israelische Ministerpräsident betonte, «die Anerkennung einer moralischen Verantwortung sei für ihn wichtiger als die rein materiellen Aspekte».

 

Im Rückblick waren die Inhalte des ersten Gespräches zwischen Adenauer und Ben Gurion neben der Rückschau auf die tragische Vergangenheit eindeutig zukunftsorientiert und legten den Grundstein für die politische Annäherung beider Staaten sowie die Intensivierung der Zusammenarbeit der staatlichen Institutionen. Das Vertrauen, das beide Politiker zueinander fanden, war grundlegend für die weitere Ausgestaltung der deutsch-israelischen Beziehungen.

 

Mit den geheimen Gesprächen zwischen dem damaligen Staatssekretär Schimon Peres und dem westdeutschen Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß Ende der fünfziger Jahre entstand auch die sicherheitspolitische Zusammenarbeit, die seitdem stetig ausgebaut und verbessert wurde. Im Jahre 1965 erfolgte die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern. Am 18. bzw. 24. August 1965 übergaben die beiden Botschafter Rolf Pauls und Ascher Ben Natan ihre Beglaubigungsschreiben an die amtierenden Präsidenten.

 

Adenauer und Ben Gurion trafen sich ein zweites Mal im Mai 1966, als der Deutsche auf Einladung der israelischen Regierung als Privatmann nach Israel reiste. Der Besuch hinterließ bei Adenauer einen tiefen Eindruck. «Ich habe hier tiefere seelische Erschütterungen empfunden als in vielen Phasen meines früheren Lebens», schrieb er nach seiner Rückkehr in dem Beitrag «Bilanz einer Reise - Deutschlands Verhältnis zu Israel». Adenauer starb am 19. April 1967 im Alter von 91 Jahren in seinem Haus in Rhöndorf. Ben Gurion erwies ihm zusammen mit Außenminister Abba Eban beim Staatsakt im Bundestag die letzte Ehre. Der 80-jährige Ben Gurion hatte am Schabbat den Weg von der Botschaft in Bad Godesberg zum Bundestag zu Fuß zurückgelegt. Sein Wunsch war: «Hoffentlich werden Dr. Adenauers Nachfolger seine Bemühungen um die Sicherung von Gerechtigkeit und Frieden für alle Völker weiterführen».

 

Im Jahre 1973 folgte Bundeskanzler Willy Brandt der Einladung von Premierministerin Golda Meir nach Israel. Dies war der erste offizielle Staatsbesuch eines deutschen Regierungschefs. Vor dem Bundestag erklärte er später zu seiner Reise: «Ich zögere nicht, hier zu wiederholen, dass ich diese Reise zu den entscheidenden Erfahrungen meines politischen Lebens zähle». Richard von Weizsäcker folgte im Oktober 1985 als erster deutscher Bundespräsident und im Jahr 2000 sprach Johannes Rau als erstes deutsches Staatsoberhaupt in deutscher Sprache vor dem israelischen Parlament. Unvergessen geblieben ist seine Versöhnungsgeste, als er um Vergebung für dieVerbrechen der Schoa bat.

 

Von UNIFIL bis zum «Strategischen Dialog»

 

Ziel vorgegeben: Seit über zehn Jahren existieren zwischen deutschem und israelischem Militär gemeinsame Ausbildungsvorhaben.

Foto: Bundeswehr/Mediendatenbank

Der Zivilisationsbruch der Schoa verpflichtet Deutschland zu einer besonderen Verantwortung gegenüber Israel. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hatte hierauf anlässlich des 60. Jubiläums der Gründung des Staates Israels im Jahr 2008 hingewiesen: «Für die Existenz Israels eintreten, die bilateralen Beziehungen ausbauen und für den Frieden im Nahen Osten arbeiten. Das sind die drei Kernaufgaben deutscher Außenpolitik, die sich aus den für immer besonderen Beziehungen Deutschlands zu Israel ergeben. Die tätige Erinnerung, die tägliche Auseinandersetzung mit der Schoa, mit Rassismus und Antisemitismus ist Teil unserer Gegenwart und Zukunft. Die Beziehungen zu Israel sind keine normalen Beziehungen, sie werden immer besondere Beziehungen bleiben.»

 

So sind die deutsch-israelischen Beziehungen auf politischer und militärischer Ebene vertrauensvoll, langfristig angelegt und im Allgemeinen unabhängig von aktuellen politischen Konstellationen in beiden Ländern. Beweis für das über Jahrzehnte gewachsene Vertrauen war die Bitte der israelischen Regierung an Deutschland, im Rahmen der UNIFIL-Mission ab 2006 an friedenssichernden Aktionen vor der Küste Libanons teilzunehmen. Die Entsendung deutscher Marineeinheiten ins östliche Mittelmeer leitete eine neue Phase der deutsch-israelischen Beziehungen ein.

 

Im März 2008 reisten Bundeskanzlerin Angela Merkel und der damalige Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung zu den ersten offiziellen Regierungskonsultationen nach Israel und der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Wolfgang Schneiderhan, traf den israelischen Generalstabschef zu Gesprächen. Darüber hinaus findet einmal jährlich ein «Strategischer Dialog» auf Ebene der Staatssekretäre statt, bei dem militär- und rüstungspolitische Themen im Mittelpunkt der Gespräche stehen. Deutschland und Israel haben mit den deutsch-israelischen Regierungskonsultationen eine bilaterale Grundlage gelegt für eine Ausweitung der Zusammenarbeit vor allem im Bereich der technischen Kooperation und der Ausbildungsvorhaben.

 

Deutliches Zeichen dafür, in welcher Vielfalt sich die deutsch-israelische Zusammenarbeit institutionalisiert hat, sind die 1998 vom damaligen Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Helmut Willmann, initiierten regelmäßigen Austauschprogramme für Ausbildungsvorhaben wie auch Treffen auf Generalstabsebene. Seitdem nehmen deutsche Offiziersanwärter an gemeinsamen Übungen mit ihren israelischen Kollegen teil. Ein dreiwöchiger Lehrgang bei Eliteverbänden für jeweils 20 Offizieranwärter wurde zum festen Bestandteil der militärischen Kooperation zwischen den israelischen Streitkräften und der Bundeswehr. Aufgrund des hohen Leistungsstandes der israelischen Streitkräfte, deren Einsatzerfahrung sowie Erfahrung im Kampf gegen den Terrorismus ist die Kooperation mit Israel für die Bundeswehr von besonderem Interesse.

 

Seit 2001 senden die israelischen Verteidigungsstreitkräfte Soldatinnen und Soldaten im Rahmen des Ausbildungs- und Erziehungsprogramms «Witnesses in Uniform» («Zeugen in Uniform») nach Europa, seit nun mehr zwei Jahren auch nach Deutschland. Als Teil des Programms fanden Gedenkveranstaltungen unter Beteiligung deutscher Soldaten am Ehrenmal der im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee und auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen statt.

 

Existenzrecht Israels wird deutsche Staatsräson

 

Israel und Deutschland sind heute - gerade vor dem Hintergrund der jüngsten Vergangenheit - auf besondere Weise miteinander verbunden. Seit Jahren zählt Israel die Bundesrepublik zum Kreis seiner engsten Partner. Diese positive Entwicklung ist nicht nur auf die intensive Zusammenarbeit zwischen den staatlichen Institutionen, sondern auch auf die Annäherung zwischen Teilen der Bevölkerung beider Länder zurückzuführen. Die politische Führung Deutschlands hat das Existenzrecht Israels zur Staatsräson erklärt. Sowohl Kanzlerin Merkel als auch zuletzt Außenminister Guido Westerwelle bezogen dazu eindeutig Stellung: «Die Sicherheit Israels ist für uns nicht verhandelbar.»

 

Im Jahre 1949 hatte der Leiter des Referats Westeuropa im israelischen Außenministerium, Gerschon Avner, die Haltung Israels gegenüber Deutschland wie folgt beschrieben: «Die israelische Regierung definiert derzeit den genauen rechtlichen Rahmen ihres Verhältnisses zu Deutschland, oder vielmehr von dessen Nichtvorhandensein.» Wegbereiter dafür, dass sich dieses Verhältnis bis heute auf derart spektakuläre Weise zum Positiven verändern konnte, waren die Gründungsväter und Regierungschefs der beiden Staaten, David Ben Gurion und Konrad Adenauer.

 

Michael Berger ist Hauptmann der Bundeswehrund Vorsitzender des Bundes jüdischer Soldaten (RjF).

Michael Berger

«Jüdische Zeitung», März 2010