Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Ich, wir, esDie Psychologin und Begründerin der Themenzentrierten Interaktion, Ruth Chon, ist gestorben. Ihre Form der Therapie auch?
Ruth Charlotte Cohn wurde 1912 in eine großbürgerliche Berliner Familie geboren; ihr Vater Arthur Hirschfeld (1873- 1930) war Bankier, die Mutter Elisabeth (1883 - 1956) Pianistin. Obwohl sie sich zunächst vorgenommen hatte, Lyrikerin zu werden, nahm Cohn nach dem Abitur 1931 in Heidelberg das Studium von Nationalökonomie und Psychologie auf. Ende März 1933 floh sie, erschreckt von anschwellendem Antisemitismus und der offen zu Tage tretenden Gewaltandrohung gegenüber Juden, von Berlin aus nach Zürich, wo sie zwar weiterhin hauptsächlich Psychologie studierte, ihre Studien aber auf vorklinische Medizin und Psychiatrie ausweitete, daneben beschäftigte sie sich mit Theologie, Literatur und Philosophie.
In den Jahren 1934 bis 1939 absolvierte Ruth Cohn eine klassische Lehranalyse, entwickelte aber zugleich die ersten Vorstellungen davon, dass die individuelle Psychoanalyse im Sinne Sigmund Freuds abgelöst werden müsse von einer «Gesellschaftstherapie», was allgemein damit in Verbindung gebracht wird, dass sie von der Schweiz aus die zunehmenden Gräuel im Nazi-Deutschland beobachtete und sich selbst durch Gerüchte bedroht fühlte, nach denen auch die Schweiz von den Deutschen überfallen werden sollte. Obwohl sich dies nicht als richtig herausstellte, begleitete das Motiv, die Gesellschaft so zu verändern, dass sich die politischen Ereignisse nach 1933 in Deutschland auf Grund breitenwirksamer therapeutischer Eingriffe nicht wiederholen können, Cohn auch nach ihrer Übersiedlung in die USA im April 1941.
Das folgende Jahrzehnt im Leben Cohns ist nicht nur dadurch bestimmt, dass sie ihre Studien auch formal erfolgreich zu Ende brachte und an verschiedenen Stellen therapeutisch arbeitete, sondern sich vor allem fast vollständig von der Freudschen Linie der Psychoanalyse trennte, um sich gruppen-, gestalt- und erlebnistherapeutischen Ansätzen zuzuwenden.
Psychologischer Paradigmenwechsel
Auf diesem Weg gelang es ihr, das Modell der Themenzentrierten Interaktion (TZI) zu entwickeln, das sie weltberühmt und sehr erfolgreich werden lassen sollte, da es nicht mehr ein eingeschränktes therapeutisches Konzept darstellt, sondern eine universelle Methode, mit der alle möglichen Gruppenprozesse, bis hin zum product placement, steuerbar erscheinen. Folgerichtig betrieb Cohn zu Beginn der 1960er Jahre neben ihrer therapeutischen Tätigkeit auch allgemeine psychologische Trainingsprogramme auf den Feldern der Unternehmensberatung, Medizin, Pädagogik, Sozialarbeit, Politik und nicht zuletzt auch im kirchlichen Bereich. Die zunehmende Distanzierung von den psychoanalytischen Klassikern, die nach der ihr eigenen Sichtweise zugleich eine Entfernung aus einem von Männern dominierten wissenschaftlichen Umfeld bedeutete, führte zur Hinwendung zu leichter praktikablen psychologischen Modellen, deren allgemeine Wurzeln auf Christian von Ehrenfels' Untersuchungen zur Gestalttheorie und zum Niedergang der bürgerlichen Familie als Lebensform zurückgehen, aber auch Merkmale der feldtheoretisch bestimmte Psychologie Kurt Lewins aufweisen, von dem Cohn zugleich die Methode übernahm, ihre allgemeinen Ansichten im konkreten, experimentell ausgerichteten Umfeld zu demonstrieren, wofür ihre Mitarbeit an der Ecole d'Humanité in Hasliberg-Geldern in der Schweiz ab 1974 zeugt. Zugleich organisierte diese bewundernswert praktisch denkende und handelnde Frau das Workshop Institute for Living-Learning (WILL, dann WILL Europe, ab 1986: WILL-International und ab 2003 dann Ruth-Cohn-Institut), durch das die Cohnsche Methode verbreitet wird.
Es schmälert Cohns Bedeutung nicht, wenn ihr psychologischer Paradigmenwechsel einerseits einer allgemeineren wissenschaftstheoretischen Entwicklung zugeordnet wird, die zum Beipiel in den frühen sechziger Jahren Ergebnisse wie Thomas J. Kuhns «The Structure of Scientific Revolutions» zeitigte, wo herausgearbeitet wird, dass sich auf bestimmten Stufen der Wissenschaftsgeschichte «Höfe» von Vorstellungen bilden, die zwar mittels empirischer Beobachtungen entstehen, ihre Ausformungen aber aufgrund ideologischer, linguistischer oder fachwissenschaftlicher Vorgaben unterschiedliche, ja selbst widersprüchliche Interpretationen erfahren, die nicht nur in systematische Konkurrenz zueinander treten, sondern auch historisch so abfolgen, dass sich die unorthodoxen Vorstellungen gegenüber den konventionellen je durchsetzten.
Gerade vor einem solchen Hintergrund erscheint aber aufschlussreich, was Cohn von ihren psychoanalytischen Vätern übernommen hat, wenn die Triade von Ich, Gruppe und Es die Grundbestandteile der methodisch geführten Themenzentrierten Interaktion (TZI) darstellen. Formal benutzt auch Freud eine solche Triade, aber dort sind deren Elemente Ich, Über-Ich und das - durch Freud von Georg Groddeck übernommene - Es, im Sinne einer unbewusst bleibenden Triebstruktur des Menschen. Ob dabei einer (auch therapeutischen) Gruppe die Eigenschaften des von Freud postulierten Über-Ichs zukommen, mag gegenüber dem Umstand nachrangig sein, nach dem das ursprünglich der Triebsphäre zugeordnete Es zum explizit Ausgesprochenen, nach Cohn dem Thema wird. Zugleich erscheint die von der klassischen Analyse geforderte - wenn auch nicht immer eingehaltene - Distanz zwischen Psychologen und Probanden deutlich verkürzt: Bewusst wird hier nicht nur körperlicher Kontakt gesucht und selbst im Verwandten- und Freundeskreis therapiert, sondern zentral das mit großen psychologischen Risiken behaftete Moment von Übertragung und Gegenübertragung zur Steuerung von Gruppenprozessen ebenso genutzt wie in einzeltherapeutischen Gesprächen.
Wenn diese beiden Momente zusammen gesehen werden, kann schon nachvollzogen werden, dass je kritische Stimmen laut wurden, die gegen Cohns Methode polemisiert haben, weil eben durch die Ersetzung der unbewusst vorhandenen libidinösen und destruktiven Faktoren durch ein gesetztes Thema eine Einsicht in deren Wirkungsmacht verstellt bleibt und zugleich trotz der postulierten Gleichberechtigung der am therapeutischen oder Gruppenerlebnis Beteiligten die Überlegenheit des psychologisch Geschulten sofern nicht ausgebaut wird, so doch erhalten bleibt. Dieser Verdacht ist der beobachteten Verbreitung von TZI nach zu erhärten, denn diese meist freundliche, aber stets vorhandene Hierarchien stabilisierende Methode war nicht nur über lange Jahre hinweg in der Privatwirtschaft sehr beliebt, sondern auch in den wenig demokratisch ausgebildeten Schulverwaltungen, wo TZI sich als fester Bestandteil des Fortbildungswesens etablieren konnte - und schließlich im Bereich der Ausbildung von Theologen beider großer christlicher Religionen, wobei sich auf diesem Feld vor allem auch der Orden der Jesuiten hervorgetan hat.
Für politisch alternative Gruppenarbeit kaum eignet
Demgegenüber finden sich keine Hinweise dafür, dass TZI in gesellschaftlichen Kreisen verwendet wird, die alternative Ziele verfolgen (Bürgerinitiativen, NGOs etc.). Dies muss nicht nur daran liegen, dass Ausbildung und Einsatz der entsprechenden Fachleute ziemlich teuer sind, sondern kann seine Ursache auch darin haben, dass TZI den gegebenen gesellschaftlichen Rahmen als Wirklichkeit, d.h. nach Cohn: als umschließender Globe stets akzeptiert, weshalb sie sich für politisch-alternative Gruppenarbeit kaum eignet.
Ihr bürgerlich-konservativer Wirklichkeitssinn führte nicht zuletzt dazu, dass sich Ruth Cohn keiner Religion zugehörig fühlte und auch dem Judentum eher fremd gegenüberstand. Sie akzeptierte nämlich, dass sie - aus liberalem Elternhaus stammend - nichts davon wusste und deshalb allenfalls ein schwach ausgebildetes, emotionales, aber nicht auf Wissen beruhendes Verhältnis zu ihrer jüdischen Herkunft hatte. Dies wirft zwar ein einigermaßen schillerndes Licht auf die eingangs erwähnte zeitgeschichtliche Motivation, sich der humanistischen Psychologie zuzuwenden, was aber im Rahmen der Vorstellung keine Rolle spielen mag, nach der die menschliche Erfahrung nur dort wesentlich wirkt, wo sie aufs unmittelbar erlebte Hier und Jetzt verdichtet erscheint. Auf diesen Ansatz hatte Cohn sich aber bereits in der Auseinandersetzung mit der freudschen Psychoanalyse festgelegt.
Der überragenden Akzeptanz Ruth Cohns, die am 30. Januar siebenundneunzigjährig - häufig und hoch dekoriert - in Düsseldorf gestorben ist, haben solche inhaltlichen Unebenheiten innerhalb des Bereichs der praktischen Psychologie keinen Abbruch getan. Zweifellos ist dieses Gebiet aber durch ihren Tod sowohl um ihre originellste Vordenkerin als auch eine emotional hochintelligente Frau ärmer geworden. |