Geschichte von unten

Der Historiker Howard Zinn hinterlässt seiner Wissenschaft den wichtigsten Ansatz: die Moral

 

Für Howard Zinn gibt es keinen «gerechten Krieg», es gibt nur «die große Herausforderung, mit dem Bösen, der Tyrannei und der Unterdrückung zurecht zu kommen, ohne eine große Anzahl von Menschen zu töten». Zu diesem Schluss kam Zinn nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Zinn war ein B17-Bombenschütze der US-Luftwaffe und nahm im April 1945 an der Bombardierung des fanzösischen Royan teil. Der Ort war noch von deutschen Truppen besetzt. Neun Jahre später kehrte Zinn, als diplomierter Historiker, nach Royan zurück, schrieb einen Bericht. Der wurde später in seinem Buch «The Politics of History» veröffentlicht und hat die Botschaft: Geschichtsschreibung ist Politik. Mit Howard Zinn starb am 27. Januar einer der großen Linksintellektuellen der USA und wissenschaftlicher Weggefährte Noam Chomskys.

 

Zinn war ein scharfer Kritiker der US-Außenpolitik, der Rassentrennung und ideologisch motivierter Geschichtsschreibung. Der 1922 in Brooklyn geborene Arbeitersohn einer jüdischen Immigrantenfamilie war als Professor an der Boston University auch einer der Ersten, die sein von Eliten- und Nationalgeschichtsschreibung geprägtes Universitätsfach revolutionierten. Zinn schrieb nicht aus der Perspektive der Gewinner der Besiedlung und Industrialisierung Amerikas, sondern aus der der Verlierer und der Opfer. Er verfasste «Geschichte von unten». In seinem Jahrhundertwerk «Eine Geschichte des amerikanischen Volkes» (1980) erinnert Zinn an all die doppelten Opfer: die des Genozids, der Sklaverei und der frühkapitalistischen Ausbeutung, deren Schicksale später, in den Geschichtsbüchern, vergessen und verdrängt wurden.

 

Zinn formuliert in dem Buch ein Credo, das nicht in allen Kreisen der Historikerzunft Gehör findet: «Die Haltung, Gräueltaten einfach als einen bedauerlichen, aber notwendigen Preis, den man für Fortschritt zahlen muss, hinzunehmen - diese Haltung steckt immer noch in uns. Ein Grund, warum diese Gräuel immer noch unter uns sind, ist, dass wir gelernt haben, sie unter Massen von anderen Fakten zu begraben, so wie radioaktiver Müll in Containern in die Erde vergraben wird. Dieses erlernte Gefühl für moralische Größenverhältnisse, das der scheinbaren Objektivität des Gelehrten entspringt, nehmen wir leichter an, als wenn es von Politikern auf Pressekonferenzen stammt. Aus diesem Grund ist es auch tödlicher.»

 Eik Dödtmann

«Jüdische Zeitung», März 2010