Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Sexueller MissbrauchRabbiner Mordechai Elon, Symbolfigur der nationalreligösen Bewegung in Israel, steht im Verdacht, seine Talmudstudenten sexuell missbraucht zu haben
Sexualität ist der Schlüssel zum Leben mit Lust und Liebe, zur Entdeckung des Ich und Du und Es. Kein Wunder, dass gerade die Wahrer der monotheistischen Religionen im Namen des alleinigen Gottes den Anspruch erheben, diese Kraft zu normieren und zu kontrollieren. Wer über das Tun und Lassen in der Sexualität verfügt, verfügt über den Menschen, kann ihn ins Leben führen und von Kindheit an zerstören.
Mordechai Elon zählt zu den hochangesehenen Rabbinern aus dem Kreis der religiösen Zionisten in Israel. Sein Vater war Richter am Obersten Gerichtshof, ein Bruder war Tourismusminister und Abgeordneter in der Knesset. Der heute 50-jährige Rabbiner war von 2002 bis 2007 Leiter der «Jeshivat Ha-Kotel», einer nationalreligiösen Hochschule, die Talmud-Studien mit dem Militärdienst in der israelischen Armee (IDF) verbindet. Öffentlich wahrgenommen wird sie an jedem Schabbat, wenn die Lehrenden und Studierenden weißgekleidet zur Klagemauer herabsteigen, um dort zu beten und zu tanzen. Der charismatische Elon wurde mit seinen Bibelvorträgen und seiner wöchentlichen Fernsehsendung von Juden unterschiedlicher Strömungen und selbst von säkularen Israelis wahrgenommen.
Mitte Februar hat das orthodoxe Forum «Tanaka» eine Mitteilung veröffentlicht, nach der sich Elon nicht an Auflagen gehalten hat, die 2006 mit ihm vereinbart wurden. «Tanaka» widmet sich einer brisanten Aufgabe. Das Gremium hat es sich zum Ziel gesetzt, sexuelle Übergriffe von religiösen Autoritäten zu verhindern. Dabei wird, wie jetzt im Fall Elon offengelegt wird, äußerst vorsichtig vorgegangen. Nach Darstellung von «Tanaka» wurde mit dem Rabbiner schon 2006 diskret vereinbart, dass er seine Lehrtätigkeit reduzieren solle und sich als Lehrer und Jugendleiter nicht mit anderen männlichen Personen allein in einem Raum aufzuhalten habe. Jetzt hat «Tanaka» der Öffentlichkeit mitgeteilt, dass sich Elon nicht an entsprechende Auflagen gehalten hat. Ihm wird eine länger dauernde sexuelle Beziehung zu einem Studierenden angelastet. Ein junger Mann sagte als Zeuge aus, der Rabbiner habe ihn gebeten, sich auszuziehen, dann habe ihn Elon sexuell belästigt.
Elon, der inzwischen in einem nordisraelischen Dorf lebt, hat die Vorwürfe, die in Kreisen der nationalreligiösen Juden Entsetzen auslösten, strikt zurückgewiesen und sie als Verleumdung und Rufmord bezeichnet. Auf der anderen Seite mehren sich nun auch außerhalb des Forums «Tanaka» Aussagen von ehemaligen Studenten, in denen von sexuellen Belästigungen die Rede ist. Blogs, in denen religiöse und nichtreligiöse junge Leute die Vorwürfe gegen Elon diskutieren, machen deutlich, dass sie vor allem das Auseinanderklaffen von moralischem Anspruch und dem für die Opfer katastrophalen Verhalten vor Augen haben. In Deutschland drängen sich ob dieser Diskussionen Parallelen auf zu den sexuellen Übergriffen katholischer Priester und Ordensleute.
In der israelischen Presse wird der Fall Elon jetzt breit und emotional diskutiert. Die den Nationalreligiösen nahestehende Tel Aviver Zeitung «Makor Rischon» hob gleich nach Bekanntwerden der Vorwürfe hervor, dass die Angelegenheit von «Tanaka» diskret behandelt worden sei und ebenso behandelt werden müsse. Nicht alles, was gegen den spirituellen Anführer vorgebracht werde, gehöre in die Akten der Polizei. Andere, wie die liberale «Haaretz», fordern dagegen, dass es im Interesse der Opfer keine Vertuschung der Tatsachen geben darf. Unterdessen soll die Regierung polizeiliche Ermittlungen angeordnet haben.
Nach Angaben der Zeitung «Jediot Acharonot» hat Generalstaatsanwalt Mazuz schon den Maßnahmen von «Tanaka» im Jahr 2006 zugestimmt, um Mordechai Elon von Jugendlichen fernzuhalten. Damals wurden aber keine öffentlichen Untersuchungen aufgenommen, weil keiner der jungen Leute, deren Aussagen die ersten Maßnahmen von «Tanaka» ausgelöst hatten, offiziell Anzeige erstattet hat. Nahmen die Opfer Rücksicht auf den Täter? Oder hatten Sie Angst vor internen Konsequenzen. Sexueller Missbrauch in orthodoxen Schulen ist keine neue Erscheinung. In der Regel werden diese Straffälligkeiten aber nicht aus den religiösen Kreisen an die allgemeine Öffentlichkeit und zivile Gerichtsbarkeit getragen. Viele Missbrauchsfälle werden von Rabbinergerichten geahndet oder aber vertuscht. Auch hier finden sich wieder Parallelen zum Fall des katholischen Canisius-Kollegs in Berlin.
Dass Mordechai Elon Anspruch auf eine faire und sachliche Klärung der Vorwürfe hat, versteht sich genauso wie die Tatsache, dass ihm seine Prominenz keinen besonderen Schutz gewährt. Zu untersuchen ist, ob und wie weit er mit homosexuellen Übergriffen in das Leben von Heranwachsenden eingedrungen ist, die sich in ihrer sexuellen Identität selbst noch finden und definieren müssen.
Der Staat Israel billigt seinen Angehörigen im Bereich der Sexualität große Entscheidungsfreiheit zu. Eben erst hat der Oberste Gerichtshof bestimmt, dass die Behörden auch gleichgeschlechtliche Ehen, die im Ausland geschlossen wurden, zu respektieren haben. Die «Gay Pride Parade» in Tel Aviv hat Kultstatus, ihr Ableger im religiösen Jerusalem ist zwar heftig umstritten, musste aber vom Bürgermeister zugelassen und sogar mitfinanziert werden. Orthodoxe Juden allerdings, die den Worten der Bibel und der talmudischen Überlieferung unmittelbare Weisungen Gottes entnehmen, finden vor allem im 3. Buch Moses das klare Gebot, homosexuelle Praktiken zu unterlassen, weil diese «Gott ein Gräuel» seien. |