"Weiße haben Uhren, aber keine Zeit."

Eine Reise durch Senegal

 

In der Ecke liegt ein riesiger Kofferberg, ab und an versucht ein hoffnungsfroher Reisender, ihn zu erklimmen. Es ist Silvester 2008, ich stehe in der Ankunftshalle des internationalen Flughafens in Dakar und überlege ernsthaft, ob ich mein Glück auch einmal bei dem Taschengebirge versuchen soll. Da springt das Gepäckband an und ich sehe meinen Reiserucksack endlich um die Kurve biegen.

 

Kaum trete ich aus dem Flughafengebäude hinaus, werde ich auch schon bestürmt von einer Hundertschaft an Taxifahrern, die mir anbietet, mich mit ihren schwarzgelben - nicht immer ganz vertrauenerweckend aussehenden - Wagen für wenig Geld überall hinzufahren. Ich aber bin mit Mustafa verabredet, einem senegalesischen Lehrer und Jurastudenten, der mich in den nächsten Tagen bei sich aufnehmen und geduldig herumführen wird.

 

Dakar ist weitläufig, ein Moloch aus Industrie und Arbeitersiedlungen. Das innere Stadtbild ist geprägt von seiner französischen Kolonialvergangenheit. Französische Banken wechseln sich hier ab mit Monumenten der überwundenen Sklaverei, kleine Erdnuss- und Obststände mit edlen Schmuckboutiquen, schmale Gassen mit breiten Boulevards. Zwischen schwarzen Regierungsbeamten und weißen Touristen versuchen fliegende Händler auf mal mehr, mal minder zudringliche Weise ihre Ware an den Mann zu bringen, libanesische Kaufleute und Restaurantbesitzer - Libanesen bilden die größte außerafrikanische Minderheit im Land - parlieren wahlweise auf Französisch, Arabisch oder Wolof mit ihren Kunden. Allerorten steigt dem Besucher der Geruch von «Tiboudienne» (Reis und Fisch), dem senegalesischen Nationalgericht, in die Nase und vermischt sich dort auf unangenehmste Weise mit dem Gestank verkohlten Kunststoffmülls. Auch wenn es in der 3-Millionen-Stadt Dakar eine funktionierende Stadtreinigung gibt, gehören brennende Müllhaufen zum alltäglichen Bild.

 

Einer, der dagegen ankämpft, ist Haïdar El Ali. Der libanesischstämmige Tauchlehrer gilt als der erste (und bislang einzige) Umweltaktivist in Senegal. Sein «Océanium», eine Mischung aus Bootswerft, Aufenthaltsraum und Museum, liegt keine fünf Gehminuten vom Zentrum Dakars entfernt und doch so weit weg, dass es kaum in das Bewusstsein der Öffentlichkeit dringt. Der Autodidakt El Ali erzählt von seinem Kampf gegen die stetig wachsende Zerstörung der Unterwasserwelt vor den Küsten Westafrikas - größtenteils hervorgerufen durch die teils widerrechtliche Überfischung durch Fischfangflotten aus Europa, Korea und China -, von seinem Bemühen, die senegalesische Bevölkerung für die verheerenden Folgen der illegalen Rodung einheimischer Hölzer und der allgegenwärtigen Vermüllung zu sensibilisieren und von seinem Einsatz für die Aufforstung der ehemals zahlreichen Mangrovenwälder.

 

Seine Unternehmungen finanziert El Ali durch Spenden, umweltschonende Tauchausflüge für die vorwiegend aus Frankreich stammenden Touristen und durch die Einnahmen eines auf das Nötigste beschränkten Minihotels, das dem «Océanium» angeschlossen ist. Von dort hat man bei schönem Wetter, also von Dezember bis Mai, einen ungetrübten Blick auf die «Ile de Gorée».

 

Aus fünf mach' sieben

 

Eine etwa halbstündige Fährfahrt verbindet das Festland mit der idyllischen Insel, von der bis Mitte des 19. Jahrhunderts Sklaven aus ganz Westafrika nach Nord- und Lateinamerika verschifft wurden. Ein kleines Museum, das im ehemaligen Festungsgebäude untergebracht ist, und das Sklavenhaus mit dem «Tor ohne Wiederkehr» - das damals wie heute einen schaurig-schönen Blick aufs Meer gen Amerika preisgibt - erinnern an Zeiten, in denen etwa zwölf Millionen Afrikaner allein von diesem Ort aus in Ketten auf Sklavenschiffe verbracht wurden.

 

Heute ist die als UNESCO-Weltkulturerbe unter Denkmalschutz stehende «Ile de Gorée» Heimat von Malern und bildenden Künstlern, von Straßenhändlern und Galeristen, die Touristen ihre Kunstwerke feilbieten. Wie in ganz Senegal üblich, muss ordentlich gefeilscht werden. Erst recht als «Toubab» (Weißer), wie man hier von den Erwachsenen hinter vorgehaltener Hand genannt wird. Die Kinder geben weniger große Stücke auf vornehme Zurückhaltung und so ist «Toubab» das Wort, das ein Weißer während seiner Reise durch das Land am häufigsten zu hören bekommt - von der Frage nach einem «cadeau» (französisch für Geschenk) einmal abgesehen.

 

Mit dem (wie ich glaube) in der Zwischenzeit erworbenen Gespür für Taxipreise mache ich mich selbstbewusst auf den Weg zur «Gare Routière», dem großen Busbahnhof von Dakar, um von dort in den Norden des Landes, nach St. Louis zu reisen. Der «Sept Places», ein alter, klappriger Renault Kombi, der in Deutschland ein Leben ohne TÜV-Plakette fristen müsste, ist das übliche Fortbewegungsmittel für längere Strecken innerhalb Senegals. Und «Sept Places» (Sieben Plätze) heißt er deshalb, weil dieser französische Fünfsitzer tatsächlich sieben, für alle Passagiere sehr beengende, senegalesische Plätze bietet, den Fahrer nicht mitgerechnet. Wie? Indem im Kofferraum eine letzte Bankreihe ausgeklappt wird.

 

Die Reise in einem «Sept Places» beginnt, sobald alle Plätze besetzt sind - was ab und an auch schon mal zwei, drei Stündchen dauern kann. Nicht dieses Mal, in Dakar füllen sich die Renault Kombis immer schnell. Mustafa führt ein kurzes, klärendes Gespräch mit dem Fahrer. Ich werde nun für die Hälfte des von mir so stolz heruntergehandelten Preises befördert. Auf der zweispurigen Straße ins nördliche St. Louis kommen wir an kleinen, oft prachtvollen Moscheen, Lehmhüttendörfern und einer Unmenge an freilaufenden Ziegen, Hühnern und Eseln vorbei. (Wer auf exotischere Tiere wie Elefanten spekuliert hat, muss in den Nationalpark Niokolo-Koba im Südosten Senegals fahren, um einen der letzten acht senegalesischen Dickhäuter zu sehen.) Der rote Wüstensand, der während der Fahrt im «Sept Places» vor den notdürftig geflickten Fensterscheiben des Autos nicht halt macht, setzt sich langsam und hartnäckig in jeder Kleiderfalte fest. Er wird von nun ab ein ständiger Reisebegleiter sein.

 

Eine löchrige Eisen-Stahl-Brücke aus dem 19. Jahrhundert, die von Gustave Eiffels Arbeiten inspiriert sein soll, führt schließlich auf die Insel St. Louis, der ehemaligen Hauptstadt des französischen Kolonialreichs in Westafrika, das sich einst von der Atlantikküste bis zum Sudan erstreckte. Das heute circa 170.000 Einwohner zählende St. Louis liegt an der Mündung des Senegalflusses. Auf einer nahegelegenen, schmalen Landzunge zwischen Fluss und Atlantik, liegt das Fischerdorf Sor.

 

Fisch für Westafrika

 

Bei einem Spaziergang am Strand von Sor treffe ich John, einen Ghanaer, der vor Jahrzehnten auf der Suche nach Arbeit hierherkam, eine Fischertochter heiratete und blieb. John bietet mir an, mich durch die verwirrenden, von Fischschuppen gepflasterten Pfade seines Dorfes zu führen und ermöglicht mir so Einblicke in eine geschlossene, muslimisch traditionelle und Fremden nicht freundlich gewogene Gesellschaft, die ausschließlich vom Fischfang und dessen Verarbeitung lebt. Während ich beim Anblick Hunderter toter Fische - die teils auf rohen Holzplanken in der Sonne vor sich hintrocknen, teils zum Ausnehmen zwischen älteren Fischresten auf dem Boden liegen - versuche, meine sehr mitteleuropäischen Gedanken bezüglich Lebensmittelhygiene, Kühlketten und angemessenen Arbeitsbedingungen beiseitezuschieben und weiterhin auf keinen Fall durch die Nase zu atmen, erklärt John, dass von hier aus ganz Westafrika mit Fisch beliefert wird. In Plastikwannen verpackt und auf die hunderte LKWs verfrachtet, die in einer ohrenbetäubenden Verladestation die Ladung aufnehmen, treten die - sämtlich von Hand auf dem verdreckten Boden verarbeiteten - Fische ihre oft mehrtägige Reise in die Hotelküchen Malis, Burkina Fasos und der Elfenbeinküste an.

 

Nach einem rein vegetarischen Abendessen soll es am nächsten Tag weiter in die Stadt Touba gehen, in der die größte Moschee südlich der Sahara steht.

 

Auf der Suche nach einem «Alhamdulillah» (arabisch für «Gott sei gepriesen»), einem alten, quietschbunt bemalten Mercedesbus, der auf seiner Route immer und überall hält, sobald jemand am Straßenrand winkt oder ein Fahrgast mit der flachen Hand gegen das Wagenblech schlägt, entdecke ich ein Denkmal. Es erinnert an die gefallenen senegalesischen Soldaten des Ersten Weltkriegs, die auf Seiten der Franzosen gekämpft hatten. Bis heute zahle Frankreich seinen senegalesischen Veteranen nur einen Bruchteil dessen, was ein französischer Kriegsteilnehmer an Rente erhalte, wie mir später ein Sitznachbar im «Alhamdulillah» erklärt. Das Gespräch wendet sich der aktuellen Einwanderungspolitik Europas und seinem Umgang mit den «Boatpeople», den afrikanischen Flüchtlingen im Mittelmeer, zu. Jeder Senegalese kennt jemanden, der sein Glück auf diesem Weg versucht hat, die meisten sind nie in der «Ersten Welt» angekommen. Ich denke über Fremdschämen nach.

 

Die Republik Senegal wurde 1960, nachdem die Region mehrere Jahrhunderte unter portugiesischer, britischer und französischer Fremdherrschaft gestanden hatte, als unabhängiger Staat gegründet. Mit den französischen Kolonialherren verließ auch das Christentum das westafrikanische Land - nur ein kleiner Prozentsatz der Senegalesen ist dem Katholizismus bis heute treu geblieben. An die Stelle der Kolonialherrenreligion ist ein größtenteils liberaler und vielschichtiger Islam getreten, der in dieser Gegend als Befreiungstheologie verstanden wird und der heute friedlich neben den Überresten animistischer Bewegungen besteht. Die Mouriden, Anhänger der einflussreichsten und zugleich konservativsten muslimischen Strömung im Senegal, haben sich mit Touba eine eigene Stadt, etwa 150 Kilometer von Dakar entfernt, errichtet. Hier gelten erst ihre eigenen Gesetze, dann die des Staates.

 

Senegal:

Staatsform: Präsidialrepublik (unabhängig seit 1960)

Staatsoberhaupt: Präsident Abdoulaye Wade

Fläche: 196.722 km2

Einwohnerzahl: 12.171.265

Hauptstadt: Dakar (1.729.823 Einwohner)

Amtssprache: Französisch

Nationalsprachen: Wolof, Sérère, Pular, Malinké, Diola, Soninké u.a.

Religion: 94% Muslime, 5% Christen (römisch-katholisch), 1%Animisten

Währung: Franc CFA, 1 Euro = 655,957 FCFA

Anreise: Direktflüge Frankfurt/Main - Dakar bietet u.a. Condor; Air france fliegt die Strecke Frankfurt/Main - Paris - Dakar, Iberia Frankfurt/Main - Madrid - Dakar. Vor der Anreise wird vom Auswärtigen Amt zu folgenden Impfungen geraten: Gelbfieber, Tetanus, Diphtherie, Poliomyelitis (Kinderlähmung) und Hepatitis A, bei Langzeitaufenthalt über 4 Wochen oder besonderer Exposition zusätzlich Hepatitis B, Tollwut, Typhus und Meningokokken-Krankheit; außerdem Malariaprophylaxe. Ein Visum wird bei einem Aufenthalt bis zu 3 Monaten nicht benötigt.

Reisen im Land: per Mietwagen oder für wenig Geld mit einem der vielen «Alhamdulillahs»oder «Sept Places»; zwischen Dakar und Thiès besteht eine Zugverbindung; von Dakar nach Ziguinchor besteht zweimal wöchentlich eine Fährverbindung.

Frauen ist es nur in knöchellangen Röcken und mit einem Kopftuch bedeckt erlaubt, die Hochburg der Mouriden zu betreten. Mangels eines Rocks versuche ich es mit einer langen Hose und einem um die Hüften geschlungenen, wadenlangen Tuch. Nicht ganz perfekt, dafür sitzt das Kopftuch umso fester. Kaum bin ich aus dem Wagen auf die Straße gestiegen, werde ich schon von einem der Sittenwächter der Moschee angehalten. Er erklärt, dass ich ohne Rock nicht weiter dürfe, er mir aber einen besorgen könne, außerdem säße mein Kopftuch falsch. Wenig später bin ich von mehreren Sittenwächtern umgeben, die mir auf offener Straße in einen sehr langen, sehr engen Wickelrock helfen und ein Tuch locker um meinen Kopf drapieren. Die kommenden Stunden bringe ich damit zu, dem Sittenwächter, der sich in der Zwischenzeit auf eigene Faust zum Moscheeführer ernannt hat, in winzigen Trippelschritten (mehr gibt der Rock nicht her) durch das beeindruckende Gebäude zu folgen und meinen Kopf ab und an einmal zu heben, wobei das Kopftuch verrutscht, was wiederholt zu bösen Blicken der umstehenden Sittenwächter führt. Schluss mit dem Fremdschämen, denkt sich die da Mitteleuropäerin.

 

Vermessene Herzensgröße

 

Neben Lobeshymnen auf Amadou Bamba, den Unabhängigkeitskämpfer und spirituellen Begründer der senegalesischen Mouridenbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, erhält der Zuhörer ganz ungewollt unzählige Details zu Preisen und Herkunft der beim Moscheebau verarbeiteten Materialien und am Ende der Tour die Frage nach einer kleinen Spende für die große Gemeinde. Wagt es der Reisende an dieser Stelle, nach Wechselgeld für seinen großen Schein zu fragen, bekommt er statt der Münzen einen Spruch zugeraunt, mit dem der Sittenwächter wahrscheinlich nicht zum ersten Mal die Portemonnaies der üblicherweise muslimischen Pilger weit geöffnet hat: «An der Höhe der Spende misst sich die Herzensgröße des Spenders.»

 

Nach diesem Erlebnis kommt der Wunsch nach einer weniger religiös geprägten Umgebung auf und so führt mich der Weg in die Reiskammer Senegals, in die südlich von Gambia gelegene Casamance (sprich «Kasamass»). Aufgrund seiner Lage und der starken Eigenidentität der Casamance-Bewohner - die vorwiegend vom Volk der Diola stammen - kommt es dort bis heute immer wieder zu Aufständen bewaffneter Separatisten, die die Unabhängigkeit des fruchtbaren Landstrichs fordern.

 

Eine Gambiafluss-Überquerung auf einer alten russischen Fähre, zwei zusammengefaltete Tage in einem «Sept Places» und mehrere skurrile Grenzpassagen mit unzähligen Stempeln später, erreichen wir Abéné. Unter Kennern gilt das kleine Dorf an der Atlantikküste als das «Jamaika Westafrikas» - hier beherrschen Reggae, Joints und Dreadlocks die Alltagskulisse.

 

Während die Frauen die Felder bestellen, sich um die Kinder kümmern, die Tiere füttern und den Haushalt besorgen, sind die Männer im Wesentlichen mit ihren Handys - die aus dem senegalesischen Alltag nicht mehr wegzudenken sind und tatsächlich überall zu funktionieren scheinen - und dem leidenschaftlichen Damespiel beschäftigt.

 

Nach einem typisch senegalesischen Frühstück - frisches Baguette und Nescafé mit gesüßter Dosenmilch - begegne ich an einem der Damebretter Abénés Eran, einem Musiker und jüdischen Israeli. Er hat die vergangenen Monate in Gambia und dem Senegal verbracht, um die Kora, einer westafrikanische Stegharfe, die einem großen Kürbis mit Gitarrenhals ähnelt, zu erlernen. Doch beschäftigt ihn in den letzten Tagen vor seiner Heimreise etwas ganz anderes. Er erzählt, freudig und ehrlich erstaunt, dass er in diesem muslimischen Land als Jude gar nicht grundsätzlich gehasst würde und dass er sogar - zum ersten Mal in seinem Leben - «echte muslimische Freunde» gewonnen habe. Eine gänzlich neue Erfahrung für ihn.

 

Wir beschließen, die Rückreise von der Casamance nach Dakar gemeinsam per Hochseefähre anzutreten. In der Nacht vor der Abreise werde ich unsanft aus dem Schlaf gerissen. Und das, obwohl ich glaubte, mich mittlerweile an das Blöken der Schafe und die Rufe der Muezzin zu nachtschlafender Zeit gewöhnt zu haben. Ein schrilles und scheinbar endlos monotones «Allahallahallah» ertönt über die Lautsprecher des dorfeigenen Minaretts und beschwört in mir Bilder einer gesprungenen Schallplatte herauf. Verschlafen erkundige ich mich am nächsten Morgen bei meinem Wirt, was denn da in der letzten Nacht losgewesen sei. «Oh, du meinst sicher den Imam?», fragt er und versucht dabei erst gar nicht, sich ein breites Grinsen zu verkneifen. «Der ist manchmal ein bisschen verrückt, aber harmlos.» Mein seit Touba etwas verzerrtes Islambild glättet sich schlagartig.

 

Den Weg auf der mit Schlaglöchern gepflasterten Straße von Abéné nach Ziguinchor, von wo aus die Fähre in See stechen wird, vertreibt uns der Taxifahrer mit einer Geschichte überein Schiffsunglück, das vor acht Jahren über 2.000 Senegalesen das Leben gekostet und sich tief ins nationale Gedächtnis gegraben hat. Es stellt sich heraus, dass das gesunkene Schiff, die «MS Joola», die Vorgängerfähre auf der Strecke von Ziguinchor nach Dakar gewesen ist und mir wird mulmig zumute.

 

Beim Anblick der mehrstöckigen, modernen Fähre, erst recht aber nach den peniblen Sicherheits- und Gewichtskontrollen (die «MS Joola» war damals völlig überladen bei einem Unwetter gekentert) schwindet die Unruhe. Während der mehrstündigen Fahrt auf dem Casamance-Fluss versinkt die Sonne langsam am Horizont. Afrikanische Romantik wie aus dem Urlaubsprospekt. Auf dem Weg in die Schlafkabinen stellt sich mir die Frage, wozu wohl die ganzen Plastiktüten dienen sollen, die alle 50 Zentimeter an den Handläufen der Decks festgeknotet sind. Nachdem die Fähre den ruhigen Fluss verlassen hat und auf den ungleich wilderen Atlantik zusteuert, findet sich die Antwort ganz von allein. Am Ende der sechzehnstündigen Überfahrt sind die Tüten allesamt verschwunden, und die wenigen weißen Passagiere der Fähre sehen im Morgenlicht Dakars noch blasser aus als sonst.

 

Auch Eran, der Israeli, ist froh, endlich dem Schwanken des Schiffes zu entkommen. Trotzdem bleibt er auch an Land äußerst schweigsam. Ich frage ihn, was los ist und verstehe alsbald. Während die anderen Reisenden ihre Rucksäcke schultern und zurück ins wintergraue Europa fliegen, kehrt er nicht nur als Kora spielender Musiker, sondern auch als Armeereservist zurück nach Israel. Es ist der 24. Tag des Gaza-Kriegs.

*senegalesisches Sprichwort

 Frauke Stobbe

«Jüdische Zeitung», März 2010