März 2010

von Stefan Daniel

 

4. März 1883

Julius Fromm

Julius Fromm. Foto: Archiv

«Fromm» - das kann als Adjektiv einen braven Menschen bezeichnen. Es kann allerdings auch, so meinen es zumindest die Brüder Grimm, tüchtig heißen. Bei Julius Fromm deutet der Nachname eindeutig auf Tüchtigkeit hin, und, so eine weitere Bedeutung von «fromm», auf das Nützliche. Mit Tüchtigkeit und einem ausgesprochenen Sinn für das Nützliche machte der aus einer nach Berlin ausgewanderten, armen ostjüdischen Familie stammende Julius (geboren als Israel Fromm) im Jahr 1916 eine Erfindung, die in ihrer Bedeutung schwer einzuschätzen ist: das Kondom. Natürlich gab es schon vorher Kondome, doch würden wir heute keinen Regenschirm in diesen unterbringen, geschweige denn daran denken, das primäre männliche Geschlechtsorgan in einen Beutel aus Fischblase, Tierdarm oder genähtem Gummi, das einem Fahrradschlauch ähnelt, zu stecken. Julius Fromm war der erste, der ein hauchdünnes, transparentes und nicht genähtes Kondom aus Naturkautschuk herstellte. Wie es sich für einen Erfinder gehört, tat er dies alleine, in einem Hinterhof. Zwar hatte Fromm neben seiner Tätigkeit als Zigarettenverkäufer Chemie studiert, doch musste er das Studium abbrechen, weil er sich seit dem frühen Tod seiner Eltern für seine acht jüngeren Geschwister verantwortlich zeigte und fortan Geld verdiente. Er machte sich mit dem «Fabrikations- und Verkaufsgeschäft für Parfümerie- und Gummiwaren» selbstständig und begann mit Gummi zu experimentieren. Ergebnis: 1916 tauchte er phallusförmige Glaszylinder in verflüssigten Naturkautschuk, vulkanisierte den hauchdünnen Überzug, rollte ihn ab. Das durch diesen Prozess entstandene Kondom vertrieb er seitdem über Drogerien. Dort wurden sie zu Beginn noch unter der Ladentheke verkauft - die Ansichten waren noch nicht so frei wie heute. Doch trotz der Geheimnishalterei war der Latexschutz ein Verkaufsschlager in Zeiten, in denen die Syphilis und andere Geschlechtskrankheiten keine seltenen Gäste waren. Fromm nannte sein Produkt «Fromms Act» und innerhalb kurzer Zeit waren «Fromms» ein geflügeltes Wort: «Fromms zieht der Edelmann beim Mädel an» oder «Wenn‘s euch packt, nehmt Fromms Act» waren nur zwei der Slogans, die weder von Fromm selbst noch von Werbefachmännern erfunden wurden, sondern von Wald-, Wiesen- und Kneipenkomikern. Weil es Fromm Ende der 1920er Jahre nicht mehr reichte, sich ständig neue Räume zur Produktion anzumieten, kaufte er ein 16.000 Quadratmeter großes Grundstück in Berlin-Köpenick. Er engagierte die avantgardistischen Architekten Artur Korn und Siegfried Weitzmann und ließ eine, wie er selbst meinte, «imposante», «einzigartige» und «nach den Grundsätzen der Zweckmäßigkeit und Hygiene» gestaltete Fabrik entstehen. Vergleicht man Fromms Unternehmerexistenz mit dem Geschlechtsakt, dessen Eigenart Fromm ja erfolgreich machte, dann war er zu dieser Zeit auf dem Höhepunkt. Dem folgte ein hasserfülltes Nachspiel: Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten musste er seine Firma 1938 durch eine sogenannte «Arisierung» weit unter Wert verkaufen. NS-Minister Hermann Göring schob die gewinnträchtige Fabrik seiner Patentante Elisabeth von Epenstein-Mauternburg zu. Julius Fromm emigrierte nach London, wo er wenige Tage nach Kriegsende 1945 an einem Herzversagen starb, angeblich vor Freude über seine mögliche Rückkehr nach Deutschland. So erlebte er nicht mehr mit, wie seine Fabrik in der sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR in Volkseigentum überführt wurde.

 

14. März 1854

Paul Ehrlich

Paul Ehrlich. Foto: Archiv

«Ehrlich färbt am längsten» war ein Spruch, der ausdrückte, dass Paul Ehrlich oft bis tief in die Nacht hinein im Labor zu Gange war. Begleitet von seinem Dackel, sich durch das Chaos auf seinem Schreibtisch kämpfend und im Mund stets eine qualmende Zigarre. Ein besseres Bild eines enthusiastischen Forschers ist schwer vorstellbar. Nur die Zigarre hätte Professor Ehrlich ehrlich bei Seite lassen sollen; vielleicht wäre er älter als 61 Jahre geworden. Wenigstens hatte Ehrlich die Ehre, dass sein Tod noch von Kaiser Wilhelm II. beklagt werden konnte: «Ich beklage mit der gesamten gebildeten Welt den Tod dieses um die medizinische Wissenschaft und die leidende Menschheit so hochverdienten Forschers, dessen Lebenswerk ihm bei der Mit- und Nachwelt unvergänglichen Ruhm und Dank sichert.» Das sagte der letzte deutsche Kaiser 1915 kurz nach Ehrlichs Tod. Hier zeigte der Kaiser mehr Verständnis und Weitsicht für die Medizin als er zu jener Zeit für die Politik aufbringen konnte. Denn die Worte Wilhelms II. über Paul Ehrlich waren keine überkandidelte Floskel, sondern eine faktische Darstellung, eine sachliche Beschreibung. Allein was heute noch unter seinem Namen in der medizinischen Welt bekannt ist, lässt Ehrlichs Bedeutung erahnen: Ehrlich-Bläschenkatheter, Ehrlich-Diazoreagens, Ehrlich-Fingerversuch, Ehrlich-Reagens, Ehrlich-Reaktion, Ehrlich-Seitenkettentheorie, Ehrlich-Tumor, Ehrlich-Zelle und das Salvarsan. Das Salvarsan, das als «Präparat 606» bezeichnet wurde, ist vielleicht die wichtigste Erfindung Ehrlichs. Der Name setzte sich aus «salvare» für «retten, heilen» sowie «sanus» für «gesund, heil» und einem Rest des Wortes Arsen zusammen. Ehrlich hatte es 1907 bei tausenden von Versuchen entdeckt. Salvarsan war das erste Chemotherapeutik um. 1909 wurde Salvarsan im Auftrag Ehrlichs von der Firma Hoechst erstmals fabriktechnisch hergestellt. Zusammen mit seinem Mitarbeiter, dem japanischen Bakteriologen Sahatschiro Hata, erprobte Ehrlich das Präparat an Tieren. Die Ergebnisse veröffentlichten Ehrlich und Hata 1910 in der Schrift «Die experimentelle Chemotherapie der Spirillosen (Syphilis, Rückfallfieber, Hühnerspirillose, Frambiöse)». Im gleichen Jahr begann Hoechst mit der Großproduktion des Mittels. Zwar war es zunächst als Mittel gegen die grassierende Syphilis gedacht, doch war es ebenso gegen Framboesie, Rückfallfieber und andere Spirochaeteninfektionen wirksam. Die Syphilis hatte man bis dahin mit hochgiftigem Quecksilber behandelt, mit dem man den Körper des Erkrankten großflächig bestrich, was gewöhnlich zu einem vollständigen Ausfall der Körperbehaarung und sämtlicher Zähne führte. Zudem kam es zu einem rapiden Verfall sämtlicher Körperfunktionen. Ehrlich, der «Magister mundi in der Wissenschaft der Medizin» (Emil Adolf von Behring), wurde für seine grundlegenden Arbeiten über die Immunität im Jahr 1908 zusammen mit Ilja Iljitsch Metschnikow mit dem Nobelpreis für Medizin und Physiologie ausgezeichnet.

 

14. März 1879

Albert Einstein

Albert Einstein. Foto: Archiv

Es braucht ein Genie, um zu erkennen, was das geniale an einem anderen Genie war. Im Fall von Albert Einstein war eines der erkennenden Genies Friedrich Dürrenmatt. Dürrenmatt fand in Einstein «nicht etwas Kompliziertes», sondern «etwas Komplexes, etwas unerhört Einheitliches». Einsteins Entdeckungen waren die Allgemeine Relativitätstheorie und die Spezielle Relativitätstheorie oder einfach gesagt: die Physikalische Relativitätstheorie. Nun weiß leider kaum einer, der kein Physiker ist, die Bedeutung dessen einzuschätzen, was Einstein mit seinen Entdeckungen geleistet hat. Und schlimmer noch: Auf das Leben des einzelnen Menschen hat dieses Unwissen kaum Einfluss. Ob man nun die Relativitätstheorie versteht oder nicht, für das Leben im täglichen Bedarf hat das keine Folgen. Dennoch kennt fast jeder Einstein und hat eine diffuse Ahnung davon, auf welchem Weg er sich befand, warum er eben bedeutend war. Dürrenmatt hat diesen Aspekt gesehen: Die Sehnsucht nach Einheit und Schönheit. Es war nicht die Relativitätstheorie, die Einstein zum bekanntesten Physiker des 20. Jahrhunderts machte, sondern seine Suche nach der allgemeinen Feldtheorie, die die Allgemeine Relativitätstheorie mit der Theorie des Elektromagnetismus vereinigen sollte. Einfacher gesagt: Einsteins Suche nach der Weltformel war der entscheidende Zug seines Wesens. In dieser Suche war Einsteins Gottesverständnis erkenntlich. In einem Brief von 1926 an den Mathematiker und Physiker Max Born drückte Einstein das wie folgt aus: «Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns doch nicht näher. Jedenfalls bin ich überzeugt davon, dass der nicht würfelt.» Mit dem «Alten» meinte Einstein natürlich Gott. Und ein würfelnder Gott hatte für den Juden Einstein in einer kontinuierlichen, deterministischen Welt keinen Platz. Dürrenmatt führte diesen Zug Einsteins auf seine Herkunft zurück: «Die Rebellion gegen das Chaos, einst verkörpert durch einen unberechenbaren, nur durch strenge Gesetzestreue zu besänftigenden Gott, ist eine eminent jüdische Rebellion.» Einsteins Rebellion scheiterte. Das Ergebnis seiner Forschung war nicht Einheitlichkeit und Schönheit, sondern die Erkenntnis eines Universums, das auseinanderdriftet, indem es Supernovae und Gravitationskollapse gibt, in dem Schwarze Löcher ihr Unwesen treiben und Weltuntergänge an der Tagesordnung sind. Dürrenmatt hat das faustische Element in Einstein erkannt und daraus seine Schlüsse für die kommenden Physiker gezogen: «Die heutige Physik arbeitet mit Mitteln und technischen Anlagen, die Einstein nie zur Verfügung standen. Man hofft, das endlich wirklich Unzusammengesetzte zu finden, das unteilbare Atom der Griechen, den physischen und metaphysischen Punkt in einem, von dem aus die Welt aufzubauen und gar umzubauen wäre. Scheitert dieses faustische Unternehmen, wäre dieses Scheitern jämmerlicher als das einsame Scheitern Einsteins. Denn sein Scheitern war grandios, er besaß nichts als seinen Schreibtisch. Aber er bewies vielleicht als erster, wenn auch gegen seine Vision, dass es keine einheitliche Methode geben kann.»

 

22. März 1923

Marcel Marceau

Marcel Marceau. Foto: Archiv

Das hier kann nicht klappen. Was soll man zu jemandem schreiben, das heißt: Wie soll man sich mit Sprache über jemanden äußern, dessen Wesentliches die Sprachlosigkeit war? Es muss ein absurder Versuch bleiben, mit Buchstaben einen Blick auf den Pantomimen Marcel Marceau zu werfen. Vergleichbar vielleicht mit einer Szene aus dem Film «Silent Movie», Mel Brooks' Hommage an den Stummfilm. Im ganzen Film herrscht Stille bis auf jenen Moment, in dem ein kleines «Non!» die Stummheit erschüttert; gesprochen wird dieses «Non!» von keinem anderen als: Marcel Marceau. Marceau war Pantomime, das heißt: einer, der alles nachahmt - nicht zwangsweise ohne Worte. Marceau besaß die Gabe, den Raum mit Imaginiertem zu füllen; eine Welt zu erfinden und zu erschaffen, die es nur in seinem eigenen Kopf gibt, um dann jenen, die ihm zuschauen, das Gefühl zu geben, dass diese Welt existiert. Als der jüdische Sohn eines Metzgers, der eigentlich nicht Marceau, sondern Mangel hieß, seine ersten Auftritte in Deutschland hatte, bemerkte der Kritiker Friedrich Luft kurz und bündig: «Marceau macht eine neue Kunst, das muss man gesehen haben.» Gesehen und geliebt wurde Marceau zunächst in Deutschland, dann in den Vereinigten Staaten und späterhin auf der ganzen Welt. Einzig im eigenen Land war ihm der Erfolg erst etwas später sicher. Seinen Ruhm hat Marceau «Monsieur Bip» zu verdanken; jener Figur, als die er 1947 zum ersten Mal in Paris auftrat. Seitdem war Marceau alias «Monsieur Bip» als weißgeschminkter Clown mit Ringelhemd zu Gast auf den Bühnen der Welt. Sein schauspielerisches Talent hatte ihn 1944 vor den Fängen der «Gestapo» bewahrt: Undurchschaubar spielte er die Rolle als harmloser Zivilist, obwohl er in Wirklichkeit dem französischen Widerstand angehörte. Später bekämpfte er als Teil der französischen Armee die nationalsozialistischen Besatzer. In den Zeiten der Not bewahrte Marceau Haltung, wie auch für ihn das Pantomimespiel «die Kunst der Haltung» war. Neben seinen Vorstellungen als «Monsieur Bip» auf der Bühne führte Marceau ein vielseitiges Leben. Er war als Maler und Zeichner erfolgreich; seine Werke wurden in Deutschland, Frankreich, Japan und den Vereinigten Staaten ausgestellt. Zudem beschäftigte er sich in schriftlicher Form mit seinen Figuren: «Pimporello» und «Die Geschichte von Bip» sind von ihm verfasste und illustrierte Bücher. Seine Hauptkunst gab er in seiner Schauspielschule «École Internationale de Mimodrame» weiter. Diese hatte er 1978 mit Hilfe des damaligen Pariser Bürgermeisters Jacques Chirac gegründet. Marcel Marceau gab bis ins hohe Alter Vorstellungen und unterrichtete selbst noch 2005 die Meisterklasse in seiner Schauspielschule.

 

22. März 1950

Hugo Egon Balder

Hugo Egon Balder. Foto: Archiv

Oft vergisst man, dass es einmal eine Zeit gab, in der der Fernseher mit der Hand bedient wurde; und das war nicht schlimm, weil es nur drei Programme gab, das «Zappen» demnach eh wenig spaßig gewesen wäre. Erst 1984 kamen in der Bundesrepublik die privaten Fernsehsender dazu - und genau so lange ist Hugo Egon Balder bei den Privaten. Das Privatfernsehen hat er zwar nicht erfunden, doch prägte er es mit seinen Erfindungen nachhaltig. Balder hatte, noch jung an Jahren, bereits mehrere «Karrieren» hinter sich: war Musiker, machte dabei Menschen Angst, dass Erna wirklich irgendwann kommt; war Komödiant im Düsseldorfer «Kom(m)mödchen» und moderierte im Rundfunk. Doch das alles versinkt in Bedeutungslosigkeit, wenn man im Zusammenhang mit Hugo Egon Balder an «Tutti Frutti» und «Alles nichts oder?!» denkt. Mit diesen Sendungen brachte Balder Knall auf Fall den Leichtsinn und die Anarchie in die spießbürgerliche deutsche Fernsehlandschaft. Das Format «Tutti Frutti» war aus Italien übernommen; «Alles nichts oder?!» hingegen wurde von Hugo Egon Balder, Jacky Dreksler und Jochen Filser erfunden. Zwischen 1988 und 1992 wehte, moderiert von der tortenschwingenden Hella von Sinnen und Balder selbst, ein fluffig buntes Gefühl von Dada (oder eher: Tschaka Tschaka) in die Wohnzimmer. Balder konterkarierte mit «Alles nichts oder?!» den öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag. Das allein hätte gereicht, ihn in die Riege der Fernsehshowerfinder einzureihen. Doch Mitte der neunziger Jahre platzierte er einen zweiten Meilenstein in der Geschichte des Privatfernsehens:  «RTL Samstag Nacht». Natürlich waren das Konzept und der Name recht offensichtlich vom US-amerikanischen «Saturday Night Live» abgeschaut, doch war die Etablierung der Show durch wiederum Jacky Dreksler und Balder der Beginn der Comedy-Welle, die seither zeitweise das Ausmaß eines Tsunamis annahm. Es gab auch Rückschläge für Balder: Sendungen, die gar nicht funktionierten. «Das muss man einfach mal probieren. Und wenn‘s nicht klappt, ist das nicht tragisch - weil Flops im Fernsehen die Regel sind», sagt der «Herr der Möpse» («Der Spiegel») selbst dazu. Mit «Genial daneben» ist ihm wieder ein Erfolg gelungen, der mittlerweile seit 2003 zur guten Fernsehunterhaltung gehört. Seine Art der Fernsehunterhaltung ist für Balder manchmal infantil, trashig und sinnbefreit - da macht er sich nichts vor. Doch was soll Unterhaltung denn sonst sein? «Wenn Leute den ganzen Tag hart gearbeitet haben, dann wollen sie sich abends auch einfach mal unterhalten lassen.» Vielleicht ist es bei Hugo Egon Balder auch ein gewisser Mechanismus des Verdrängens (oder des Verarbeitens?), dass er als Nachkriegskind, dessen jüdische Mutter das Konzentrationslager Theresienstadt überlebt hatte, kein Mensch sein wollte, der zum Ernst und zum Gedenken aufruft.

 

 

23. März 1883

Emmy Noether

Emmy Noether. Foto: Archiv

Man kann einen konventionellen Abriss von Emmy Noethers Leben geben; der hörte sich dann wahrscheinlich nicht viel anders an als derjenige von Hedwig Hintze oder anderer Frauen, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts unmissverständlich bewiesen haben, dass das weibliche Gehirn nicht schlechter funktioniert als das männliche - dass es manchmal eben genau andersherum ist. Man müsste anfangen mit der Herkunft: Emmy Noether stammte aus wohlhabender jüdischer Familie. Ihr Vater war Ordinarius für Mathematik; was ihre Mutter war oder konnte, das interessierte früher noch keinen. Dann müsste man auf Emmy selbst eingehen: Ein besonderes Talent ließ sich anfangs nicht ausmachen. Sie hatte Interesse an Tanz und Musik - aber wer hatte das in dem Alter nicht? Jetzt wäre der Boden bereitet, um zum Wesentlichen zu kommen - die Karriere und die Hindernisse: Emmy Noether gehörte im Wintersemester 1903/04 zu den ersten Frauen, die in Bayern studieren durften, denn der geisteskranke Bayernkönig Otto I. hatte es 1903 so gewollt - natürlich nicht er selbst, sondern an seiner Statt der Prinzregent Luitpold. 1907 promovierte Emmy und wurde anschließend von David Hilbert und Felix Klein nach Göttingen berufen. Fachlich war sie unumstritten, einzig habilitieren durfte sie sich nicht - weil sie eine Frau war. Geistesgrößen intervenierten zwar bei Staat und Fakultät für sie, doch der zuständige Minister meinte: «Die Zulassung von Frauen zur Habilitation als Privatdozent begegnet in akademischen Kreisen nach wie vor erheblichen Bedenken.» Ja, Bedenken haben nicht unbedingt etwas mit «Be-Denken» zu tun. Der Fall wurde hin- und hergeschoben. Noether blieb natürlich eine brillante Wissenschaftlerin, doch bis sie sich endlich «Frau Professor» nennen durfte, ohne vorher einen Professor geheiratet zu haben, war es 1922 geworden. Die Professur war natürlich «außerordentlich», das heißt: Geld gab es nicht dafür. Selbst als sie ein Jahr später eine bezahlte Professur erhielt, war ihr Auskommen alles andere als üppig. Als Lehrerin stand sie in großer humboldtscher Tradition, vereinte Lehre und Forschung, wobei die Frage, das offene Projekt ihr wichtiger war als das weitergeben reiner Informationen. 1933 entzogen ihr die Nationalsozialisten die Lehrerlaubnis und Noether emigrierte aufgrund ihres Jüdischseins und ihrer politischen Haltung in die USA. Dort starb sie zwei Jahre später an Komplikationen bei einer Unterleibsoperation. So weit, so konventionell, so austauschbar. Denn nicht der Lebensweg war besonders an Emmy Noether, sondern ihr Intellekt. Und: Sie hat Zählbares hinterlassen. Der Mathematiker Irving Kaplansky meinte, dass Noether eine Revolution der Algebra initiiert hatte, dass sie «die berühmteste Mathematikerin war, die je gelebt hat». In der Sache sind die «noetherschen Ringe» und der «noethersche Normalisierungssatz» nach ihr benannt. Noethers große mathematische Fähigkeit zeigte sich darin, dass bei ihr Begriffe nicht Objekte der Mathematik fixieren, sondern dass die Begriffe Konzeptionen beschreiben, die das Denken in Schwung bringen und Erkenntnis mit Forschung verbinden.

 

von Stefan Daniel

«Jüdische Zeitung», März 2010