Herzls Vermächtnis

 

Am 2. Mai vor 150 Jahren wurde Theodor (Benjamin Seev) Herzl geboren - der Don Quijote der Weltpolitik, der selbsterwählte Auserwählte, der Gründer des Staates Israel, der überall Präsente und doch Vergessene, das Sexsymbol. Wie steht es heute um den Begründer des politischen Zionismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts? Der Name Herzl ist bekannter als der Mensch Herzl, selbst als der Zionist Herzl. Es gibt keine Stadt in Israel ohne eine Straße, die nach ihm benannt wäre, aber kaum einer, der sich auf ihn beruft, kann behaupten, das literarische Werk des begabten Journalisten und weniger begabten Schriftstellers zu kennen. Dennoch finden Kämpfe um die Inanspruchnahme seines Namens statt. Sowohl Zionisten alter Schule als auch religiöse Zionisten neuer Prägung und sogar Postzionisten setzen auf Herzl als Markenzeichen: Herzl ist zum Symbol des Guten geworden.

 

Ein Beispiel für den neuen Umgang mit Herzl ist die israelische Studentenvereinigung «Im Tirtzu» («Wenn ihr wollt»). Sie träumt von einer zweiten, neo-zionistischen Revolution, will den Zionismus wieder in den öffentlichen Diskurs einbringen. Ihr Name bezieht sich direkt auf Herzls berühmten Satz aus dessen utopischen Roman «Altneuland» von 1902: «Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen». Gemeint ist der jüdische Staat. Den Studenten anno 2010 geht es um die Stärkung der zionistischen Werte. Öffentlichkeitswirksam bekommt man im Merchandising-Shop von «Im Tirtzu» auch T-Shirts mit dem rabbinisch-majestätischen Konterfei Theodor Herzls. Dass Herzls Gedanken keine Unikate waren, schon gar nicht überaus originär, ist den Gründern und Mitgliedern von «Im Tirtzu» egal. Von Leon Pinsker, Moses Hess und Nathan Birnbaum, zionistischen Vordenkern Herzls, gibt es keine Bilder, die sich als T-Shirt-Aufdruck eignen.

 

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am 18. April 2010 vor Tafeln, die israelische Briefmarken mit Theodor Herzel, dem Gründer des politischen Zionismus abbilden. Die Briefmarken sind Teil einer Sonderausgabe anlässlich des 150. Geburtstages Herzls. Foto: Reuters /Sebasitian Schreiner/Pool

Die Haltung der Studenten von «Im Tirtzu» ist auch eine Reaktion auf den Umgang mit Herzl in Israel und der Diaspora, der aus Sicht von überzeugten Zionisten der Blasphemie gleichkommt. Vor sieben Jahren stellte etwa die israelische HipHop-Band «HaDag Nahash» im Musikvideo ihres Liedes «Gabby & Debby» Herzl als bekifften Träumer dar, der mit verquollenen Augen esoterisch lallte: «Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen». Weit entfernt scheinen besonders in Israel die Zeiten, in denen die Entertainerin Rivka Michaeli in ihrem Lied «Benjamin Seev» sang: «Ich nehme einen Hunderter-Schein und blicke auf das Bild, ich schaue Dich gut an, Visionär des Staates, so ein teurer Jude mit einem Bart bis zur Brust, so ein dünner Jude, woher hast Du die Kraft, ein Prophet zu sein?» Auf dem «Hunderter-Schein» der israelischen Währung, Schekel, ist Herzl nicht mehr zu finden, und ein Prophet war er nie. Manche meinen, er glich mehr dem falschen jüdischen Messias Schabbtai Zvi (1626-1676) als Moses.

 

Dennoch haben sich auch viele orthodoxe Juden, die der zionistischen Bewegung lange Zeit ablehnend gegenüber standen, mit Herzl arrangiert. Spätestens seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 und der Interpretation, dass der damalige Sieg Israels gegen Ägypten, Syrien und Jordanien nicht zuletzt Gott zu verdanken gewesen sei, umweht Herzl der Hauch des Göttlichen. Vieles hängt dabei davon ab, wie Herzls Werk «Der Judenstaat» (1896) übersetzt wird: Ist es ein Staat für Juden oder ein jüdischer Staat? Wenn Herzl, wie dieser Tage, als «Gründer» oder «Prophet des Staates» gefeiert wird, dann ist die Deutungshoheit in dieser Frage durchaus von Belang. In den letzten Jahren zeigt sich eine Verschiebung: Aus dem «Judenstaat» wird immer öfter der «Staat der Juden».

 

Unter dieser Bezeichnung findet Herzl sogar Zustimmung bei sogenannten jüdischen Postzionisten, die das zionistische Aufbauwerk für abgeschlossen begreifen. Für sie sind Herzls Entwürfe einer strikten Trennung von Staat und Religion sowie die Vision eines friedlichen Zusammenlebens von Juden, Arabern und allen anderen, die dazugehören wollen, Gründe, sich auf den Mann des Fin de Siècle zu berufen. Analysen kritischer Historiker, die Herzls Ideen mit denen europäisch-romantischer Nationalismen des 19. Jahrhunderts vergleichen, sind dieser Tage eher die Ausnahme und so richtig wie historisch ungerecht. Wer mag schon die Besserwisserei der Spätergeborenen?

 

Von offizieller Seite wurde Mitte April dieses Jahres zum Gedenken an 62 Jahre Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel mit der Herzl-Verklärung begonnen. Die Feierlichkeiten der nächsten Wochen und Monate stehen, wenig einfallsreich, Herzl zu Ehren unter dem Motto «Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen», was gern in der englischen Übersetzung «If you will it, it is no dream» («Mit Verlaub, es ist kein Traum») auftaucht. Kurz vor dem diesjährigen Unabhängigkeitstag verglich der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu während einer Rede vor dem Kabinett Herzl mit den biblischen Propheten und meinte: «Ohne ihn würden wir heute nicht an diesem Tisch sitzen.» Der stellvertretende Außenminister Danny Ayalon «Jisrael Bej-tenu» schrieb in einem Beitrag der «Jerusalem Post»: «Wir haben selbst nach der Unabhängigkeit Herzls Vision fortgeführt und träumen davon, dass alles größer und besser wird. Deshalb haben wir eine strahlende Zukunft vor uns und können diese noch strahlender machen, nicht nur für Israel, sondern für alle Menschen, die von Israel inspiriert sind und unterstützt werden.»

 

Bei seiner Rede am Unabhängigkeitstag, der dieses Jahr auf den 20. April fällt, auf dem Herzl-Berg bei Jerusalem schlug Netanjahu in die gleiche Bresche: «Israel wird schnell zu einer regionalen, wirtschaftlichen Supermacht und zu einer weltweiten technologischen Supermacht. In dieser Welt des Wissens im 21. Jahrhundert sind unsere Möglichkeiten unbegrenzt: in Wissenschaft, Medizin, Technologie und Kunst.» Solche Visionen vom Staat Israel stehen unzweifelhaft in der Tradition des fortschritts- und wissenschaftsgläubigen Herzl, dem die Lampen in den Straßen wichtiger waren als das, was in der Synagoge gesprochen wird.

«Jüdische Zeitung», Mai 2010