Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() "Nach Yad Vashem kann man nicht nach Deutschland gehen"Der 86-jährige Vladimir Matskin hat im Zweiten Weltkrieg gegen die Deutschen gekämpft. Seit 16 Jahren lebt er nun in Berlin. Ein BesuchDer Kampf war noch nicht vorüber. Während am 9. Mai 1945 allgemein das Ende Zweiten Weltkriegs gefeiert wurde, bekam seine Einheit den Auftrag, auf der Ostsee Jagd auf deutsche Soldaten zu machen, die nicht aufgeben wollten. Viele Generäle und andere ranghohe Offiziere hatten sich hier versammelt und wollten sich Richtung Schweden absetzen. 52 deutsche Flugzeuge zerstörte seine Einheit damals.
Vladimir Matskin sitzt in seiner Wohnung in Berlin-Steglitz, auf dem großen Flachbildfernseher läuft im russischen Programm eine Tiersendung. Neben ihm sitzt seine Enkeltochter. Sie soll übersetzen, obwohl auch Matskin gut Deutsch spricht. Das hat er vor dem Krieg bei einer aus Deutschland stammenden Lehrerin gelernt. Im August wird Vladimir Matskin 86 Jahre alt, seine Enkelin Jacqueline ist 15. Sie wurde in Berlin geboren, er in Odessa. Sie schreibt ihren Namen «Mackin», «das klingt deutscher», sagt sie.
Die Tiersendung ist vorbei, ein Orchester bringt nun Antonin Dvoraks 9. Sinfonie zur Aufführung. «Aus der neuen Welt» heißt die mit Beinamen. Die Enkeltochter soll erzählen, was sie über ihren Großvater weiß. «Viel», sagt sie, dann erzählt Vladimir Matskin lieber selbst. Als er 17 Jahre alt war, ging er freiwillig zur Armee, das war 1941. Ab November 1942 besuchte er die Fliegerschule, wurde dort Ingenieur der Marineflieger und ins Baltikum verlegt. Er kam nach Kronstadt, das damals innerhalb des Blockaderings der deutschen Armee um Leningrad lag. Über den zugefrorenen Ladogasee, dem auf der anderen Seite Leningrads gelegenen größten See Europas, war es seiner Einheit gelungen, in die Zitadelle von Kronstadt vorzudringen. Kronstadt war das Tor zu Leningrad, das heute wieder Sankt Petersburg heißt.
Hier war Vladimir Matskin, als der Krieg eigentlich dann mit der deutschen Kapitulation in Berlin-Karlshorst endlich zu Ende war. Auf der Kurischen Nehrung lag der Flughafen, auf dem er stationiert war. Am 11. Mai 1945 war dann auch für ihn der Krieg endlich vorüber. «Radost», Freude, sagt Vladimir Matskin, hat er an diesem Tag verspürt. «Sie müssen wissen»¸ fügt er an, «ich wurde in Odessa geboren». Die Schwarzmeerstadt war zwar bereits 1944 befreit worden, für seinen Vater war dies jedoch bereits zu spät. Er war im Ghetto umgekommen. Nach dem Krieg hat man Vladimir Matskin nahegelegt, eine militärische Laufbahn einzuschlagen und Offizier zu werden. Doch er hatte genug von Krieg und Militär, es zog ihn an die Universität. Er träumte davon, wieder zurück nach Odessa zu kommen - um das Grab seines Vaters zu besuchen. Er hat es nie gefunden.
Sein Vater war beim Luftabwehr-Kommando, um seine Heimatstadt vor den Angriffen der deutschen und den mit ihnen verbündeten rumänischen Truppen zu schützen. Dann konnte er nicht mehr aus Odessa fliehen. Der Hausmeister des Hauses, in dem er wohnte, versteckte ihn. Als die Rumänen die Stadt besetzt hatten, wurde er festgenommen und ins Ghetto gebracht. Zuerst einmal war die Situation unter den Rumänen einfacher als unter den Deutschen, weil sie bestechlich waren. So konnte der Vater noch einige Zeit überleben. Das alles weiß Vladimir Matskin nur aus Erzählungen seiner Mutter. Bis 1942 konnte er das Schicksal seines Vaters nachvollziehen, dann verliert sich die Spur. Auch seine Großmutter, die Mutter seines Vaters, starb zusammen mit 25.000 anderen Juden, Kindern und Frauen vor allem. Man hat sie einfach verbrannt. Irgendwo im Haus beginnt ein Presslufthammer zu dröhnen, Dvoraks Sinfonie ist im vierten Satz angekommen.
Nach dem Krieg hat er ohne Probleme sein Studium aufnehmen können, erzählt Vladimir Matskin. Ohne Umschweife wurde er 1946 an der Universität aufgenommen, schließlich hatte er ein glänzendes Abitur vorzuweisen. In Odessa beendete er seine Ausbildung zum Ingenieur für Kältetechnik. Danach wurde er Direktor des größten Kühlhauses der Ukraine. 10.000 Tonnen Fleisch wurden hier gekühlt. Ab 1957 war er Laborleiter in einem wissenschaftlichen Institut für Kältetechnik.
Dann ging sein Sohn, Jacquelines Vater, nach Deutschland. Das war 1991. Ein Jahr später war auch Vladimir Matskin zum ersten Mal hier, zur Hochzeit seines Sohnes. 1994 kam dann Jacqueline auf die Welt. Den Stolz auf die Enkeltochter kann der alte Herr nicht verbergen. Immer wieder schaut er bewundernd zu ihr herüber, wenn sie seine Ausführungen mühelos ins Deutsche übersetzt. «Wir, meine Ehefrau und ich, wollten nie nach Deutschland», sagt er über seine neue Heimat. Sie hatten damals schon die Dokumente für die USA in der Hand. Dort wohnt seine Schwägerin. Aber sein Sohn wollte, dass er nach Deutschland kommt. Also beantragte er wieder neue Dokumente.
1990 war er zusammen mit seiner Frau zum ersten Mal in Israel. Auch in Yad Vashem. Dort suchte er im Archiv noch einmal nach seinem Vater. Aber auch nach seiner Großmutter und den zwei Brüdern seines Vaters. Über sie alle hat er bis heute keine Information. «Nach Yad Vashem kann man nicht nach Deutschland gehen», sagt Vladimir Matskin. Er ist der heutigen Regierung in Deutschland dankbar, wie sie mit Juden umgeht, sagt er nachdenklich, auch wenn das, was die Deutschen der Welt angetan haben, niemals entschuldbar oder wieder gutzumachen sein wird.
Seine Rente ist klein. Sie reicht, weil er und seine Frau inzwischen alt sind und ohnehin nicht mehr verreisen können. Wenn sie noch jünger und besser auf den Beinen wären, würden sie sicher gern noch einmal nach Israel oder Amerika fahren.
Seit dem ersten Tag in Deutschland ist Matskin Mitglied der Jüdischen Gemeinde. In den ersten Jahren besuchte er dort regelmäßig Veranstaltungen. Auch die Hochzeit seines Sohnes fand in der Synagoge Pestalozzistraße statt. «Alles war jüdisch», erinnert er sich daran. Fünf oder sechs Jahre lang ging er auch zum Schachspielen in die Gemeinde. Mehrmals war er mit der Gemeinde im fränkischen Bad Kissingen, um dort im von der Zentralwohlfahrtsstelle geführten Kurhotel «Eden-Park» das jüdische Leben kennen zulernen. Er sagt über sich, dass er nicht gläubig ist. «Aber seitdem ich lebe, habe ich Respekt vor der Religion.» In Bad Kissingen feierten sie auch Schabbat. «Mit allem, was dazugehört.» Auch er gehörte zum Minjan. «Ich bin nicht religiös», betont Vladimir Matskin noch einmal, «aber ich machte alles, was man machen musste». Heute geht er nicht mehr in die Gemeinde, aber noch immer liest er das «Jüdische Berlin», die Gemeindezeitung. Heute hat er eine neue Aufgabe, seine Frau, Brana, hat Alzheimer. «Ich muss 24 Stunden täglich bei ihr sein, ich kann hier nicht weg», sagt er ohne Bedauern. Seit 55 Jahren lebt er jetzt mit ihr zusammen.
Nun ist auch Dvoraks Sinfonie zu Ende, eine Nachrichtensendung beginnt. Für seine Verdienste im Zweiten Weltkrieg wurde Vladimir Matskin bis heute mit 22 Orden und Medallien ausgezeichnet. Die letzte erhielt er anlässlich des 60-jährigen Kriegsendes, davor zur 300-Jahr-Feier zur Gründung von Sankt Petersburg. Nun wurde er wieder eingeladen, am 9. Mai in die russische Botschaft in Berlin. Er hat angefragt, ob er seinen Sohn und seine Enkeltochter mitbringen darf.
Moritz Reininghaus
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