Foto: Klaus Fröhlich

Nazijäger Jaccuse kontra Massenmörder Brunner

In Osnabrück uraufgeführte «Bestmannoper» thematisiert nationalsozialistischen Kindermord

Vor etwa vier Jahren war zum ersten Mal deutschlandweit in der Presse von einer im Entstehen begriffenen Oper über den NS-Schergen Alois Brunner zu lesen: «Die Bestmannoper». Zugleich wurden aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Richtungen, vor allem aus Politik und etablierter Musikwissenschaft, Zweifel daran laut, ob man über einen Massenmörder überhaupt eine Oper schreiben dürfe.

Beinahe zeitgleich erfuhr die Öffentlichkeit verstärkt von einem Ausstellungsprojekt auf französischen Bahnhöfen, das die Deportationen von Kindern ins Gedächtnis ruft und den unermüdlichen Versuchen der Initiatoren, die Exposition auch in Deutschland zu zeigen. Zuerst komplett erfolglos, dann schließlich mit dem Kompromissvorschlag der Deutschen Bahn, dafür das DB-Museum in Nürnberg zu öffnen. Die Diskussion darüber, auch von der «Jüdischen Zeitung» begleitet, hält noch an. Immerhin: Die Oper gibt es inzwischen, die genau diese Transporte in Erinnerung ruft.

Der Potsdamer Komponist Alex Nowitz und der Berliner Schriftsteller und Journalist Ralph Hammerthaler sagten: «Ja, man kann!» - vielleicht sogar: man muss! Gesagt und getan im Sommer 2002, als Siegfried Matthus, Initiator und Künstlerischer Leiter der Kammeroper Schloss Rheinsberg, eine Opernwerkstatt im Nordosten Brandenburgs ins Leben rief. Nowitz und Hammerthaler reichten entsprechend der Vorgabe eine Szene ihrer gerade werdenden Oper ein. Das Werk wurde aus der Fülle der eingereichten Ideen zusammen mit sieben anderen Themen für eine Aufführung im Rheinsberger Schlosstheater ausgewählt.

Der Mörder
«Die Bestmannoper» portraitiert den 1912 im niederdeutschen Westungarn im Burgenland geborenen Österreicher Alois Brunner. Ihn bezeichnete der berüchtigte Adolf Eichmann als «besten Mann» im «Judenreferat» des Berliner Reichssicherheitshauptamtes. Während des Dritten Reiches treibt Brunner in verschiedenen Funktionen des nazideutschen Vernichtungsapparates aus Berlin 56.000, aus dem griechischen Saloniki 50.000, aus ganz Frankreich 23.500 sowie aus der Slowakei 12.000 Jüdinnen und Juden in die Vernichtungslager. Besonders pervers: Obwohl sich die Wehrmacht bereits auf dem Rückzug befand, ließ Brunner in nur einer Woche noch 1.327 jüdische Kinder in Paris verhaften und deportieren, Schicksale, die in der «Bestmannoper» nur zu erahnen sind.

Nach dem Krieg taucht Brunner zuerst in Westdeutschland unter, als Militärkraftfahrer bei der US-amerikanischen Armee halten sich die Staatsanwälte mit Nachforschungen zurück. Dafür bedienen sich Geheimdienste seiner, so die «Organisation Gehlen», Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes, aber auch der amerikanische Geheimdienst CIA. Mit gefälschten Papieren und der Hilfe alter Freunde, so dem NS-Propagandachef aus der Zeit in Saloniki und späterem CDU-Bundestagsabgeordneten Rudolf Vogel, gelangt Brunner über Ägypten nach Syrien, wo er von arabischen Machthabern gedeckt wird. Der syrische Geheimdienst beschäftigte ihn sogar als «Berater für Judenfragen». 1985 gab Brunner der Illustrierten «Bunte» ein Interview in dessen Verlauf er derartig antisemitische Hasstiraden von sich gab, dass das Magazin nur eine zensierte Fassung veröffentlicht hat. Jahre später erklärte der ihn damals befragende Kollege, Brunner sei noch immer stolz darauf gewesen, dass er, wie er sich wörtlich ausdrückte, geholfen habe, «dieses Dreckszeug (die Juden - Anm. der Redaktion) wegzuschaffen». Er sei mit seinem Leben zufrieden und würde, bestünde die Möglichkeit, alles noch einmal so machen. Nur eines ärgere ihn: Dass noch immer Juden in Europa leben.

1961 und 1980 wurden Anschläge auf sein Leben verübt, bei denen er ein Auge verlor und seine rechte Hand zerfetzt wurde. Mehrere Auslieferungsanträge Deutschlands und anderer Staaten, ein Interpol-Haftbefehl, die Bemühungen des Mossad, seiner habhaft zu werden und Aktivitäten des Simon Wiesenthal-Zentrums blieben erfolglos. 1995 setzen deutsche Staatsanwaltschaften eine Belohnung in Höhe von über 300.000 US-Dollar für Hinweise zu Ergreifung des 2001 schließlich von einem französischen Gericht in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilten Mörders aus. 1996 verliert sich seine Spur im Nahen Osten, drei Jahre später kamen Gerüchte von seinem Tod auf.

Spektrum des Horrors
Das ganze Spektrum seiner Verbrechen belegt das Musiktheaterwerk umfassend. Dennoch es ist nicht das Anliegen der Autoren, die Verbrechen Brunners zu dokumentieren. Vielmehr wollen sie mit einer Operngroteske, mit Comic-Ästhetik und Operettenanklängen aufrütteln - und haben das zweifelsohne in den dreizehn Szenen der dreiaktigen Oper auch erreicht.

Komponist Nowitz und sein Librettist Hammerthaler verarbeiten das dokumentarische Material auf eine sehr eigenständige und eigenwillige Weise. Sie bringen es in die hochdramatische Kunstform der Oper, die das Skandalöse und Absurde dieses authentischen Falles, der exemplarisch den Umgang mit vielen großen Naziverbrechern zeigt, besonders krass hervortreten lässt. Ihr künstlerisches Vorgehen ist makaber, grotesk, voller Zuspitzungen und zuweilen irrwitziger Übersteigerungen, die das Lachen im Halse stecken bleiben lässt.

Alex Nowitz ist in seiner Komposition, ebenso wie Librettist Hammerthaler, davon ausgegangen, dass nur knappe, präzise Szenen und eine ebenso knappe, rhythmische Sprache sowie eine sprunghafte Zeitstruktur für die Handlungsabläufe dem «Komplex Brunner» auf der Bühne beizukommen vermögen. Zudem wählte Nowitz eine gehärtete, griffige Musiksprache, die den brutalen Effekt ebenso beherrscht wie die ironisch-zynische Verfremdung. Er hat dafür nicht nur moderne, sondern auch konventionelle Töne gefunden und jeden Charakter mit einer ihm eigenen Musikfarbe erkennbar, ja unverwechselbar, gemacht. So finden sich in der Partitur Brunner auch Zitate aus der alpenländischen Musik.

Die Opern-«Geschichte» des Massenmörders beginnt in einem bayerischen Bierkeller mit Gläserklirren, Rülpsen und schier unerträglichen Geräuschen von hin- und hergeschobenen Stühlen. Es folgen groteske Szenen mit Brunner, der in der «Zentralstelle für jüdische Auswanderer» in Wien auftaucht, deren Leiter er 1941/42 war, und dort die Sekretärin Anni für die neue Erfassungsmaschine von «Holerith» zu begeistern versucht. Ein nur scheinbar unwichtiges Detail eines normalen Büroalltages - doch an dieser Maschine hängen Schicksale, hängt Leben oder Tod. Wer hier erfasst wird, ist verloren. Brunner schickte in den zwei Jahren seiner Tätigkeit 180.000 Wiener Juden in den Tod und meldete Eichmann am 9. Oktober 1942 die Hauptstadt des angeschlossenen Österreich «judenfrei». Klanglich begleitet Nowitz die Szene mit dem widerlichen Geklapper der Maschine, auf die Anni eindrischt.

Authentizität des Opfers
Brunner stellt Nowitz musikalisch den französischen Rechtsanwalt und Holocaust-Überlebenden Serge Klarsfeld gegenüber, der in der Oper den Namen «Jaccuse» - «Ich klage an» trägt, unverkennbar in der Linie des Judenhasses, die sich mit diesem Namen schon von der «Affäre Dreyfuss» herleitet. Auf poetische Weise charakterisiert ihn der Komponist mit deutlich modernerer Musik. Die Verhaftungsszene des jüdischen Vaters, der seinen Sohn in einem Kleiderschrank vor den Nazischergen versteckt, eine Begebenheit aus dem Leben des jungen Serge Klarsfeld, geht nicht nur zu Herzen, sie geht an die Nieren. Packend ebenso jene Szene, in der Jaccuse nach der Shoa und dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Damaskus auf Bestmann trifft, der sich im Schutz des syrischen Machthabers al-Sydaad sicher fühlen kann.

Der Atem stockt
Nowitz und Hammerthaler ist es gelungen, auf packende musikalische Weise zu erzählen. Das trifft sowohl auf die bewegenden Kindertransport-Szenen zu, denen der Komponist ein französisches Kinderlied unterlegte. Ebenso auf die Szene «Der gelbe Stern geht in Serie», in der drei jüdische Frauen aus gelbem Stoff Davidsterne schneiden, wissend, dass dieser Davidstern kein gutes Zeichen sein wird. Da stockt der Atem, wenn dieses Bild mit schaurigen Geräuschen schneidender Scheren aus dem Orchestergraben und auf der Bühne endet...

So fasziniert musikalisch wie szenisch die Osnabrücker Aufführung, wenn auch Faszination das wohl falscheste Wort an dieser Stelle sein mag. Diese Wirkung ist dem deutsch-türkischen Regisseur Immo Karaman, den für Bühnentechnik und Ausstattung verantwortlichen Timo Dentler und Okarina Peter und nicht zuletzt den musikalischen wie darstellerischen Leistungen der Sängerinnen und Sänger, des Chores in der Einstudierung von Peter Sommerer und des Orchesters mit Hermann Bäumer am Pult zu danken. Eine Leistung, die nur durch enge Zusammenarbeit aller Beteiligten erreicht werden konnte. In den Hauptrollen seien Mark Bowman-Hester als Bestmann, Genadijus Bergorulko als Doppler, Christoph Nagler als Jaccuse und Yosemeh Adjei als al-Sydaad hervorgehoben.

Keine «Bühne frei»?
Zurück zur Entstehungsgeschichte. Zunächst fand sich kein Theater, das für die «Bestmannoper» einen Kompositionsauftrag, verbunden mit der Zusicherung einer Uraufführung, erteilen wollte. War es Angst vor dem brisanten Thema oder Zweifel an einem Erfolg? Fragen, die sich nicht nur für die Autoren stellten, zumal einige Theaterleitungen auf Anfragen nicht einmal antworteten.

Aber es gab nach der Rheinsberger Opernwerkstatt Verbündete, die sich für das Projekt unermüdlich einsetzten. Dazu gehörte auch Carin Marquardt, jetzige Operndirektorin am Theater Osnabrück, die im Intendanten des Hauses einen Partner und Verbündeten fand. Mit seiner Hilfe kam nicht nur der Kompositionsauftrag zustande. Alle Mitarbeiter und Ensemblemitglieder engagierten sich einfallsreich und mit unermüdlicher Energie für dieses Opernprojekt, begleitet durch eine Fotoausstellung im Theaterfoyer über die Transporte jüdischer Kinder nach Auschwitz ebenso wie durch eine Diskussionsrunde mit Überlebenden des Holocaust, Foyergespräche mit den Machern der Oper und schließlich dem organisierten Besuch im «Nussbaum-Haus», das heute eine Heimstatt für die Werke des gebürtigen Osnabrücker jüdischen Malers Felix Nussbaum ist. Sein Leben endete in Auschwitz.

In diesem wohldurchdachten Umfeld fand die Uraufführung der «Bestmannoper» am 8. April 2006 statt. Ihr folgten noch weitere acht Vorstellungen, auf die das Publikum überwiegend nach betroffenem Schweigen mit nicht enden wollendem Beifall reagierte.

Der Junge aus dem Schrank
Von Oper und Inszenierung zeigten sich Beate Klarsfeld und ihr Ehemann Serge, als unmittelbarer und schicksalhafter Betroffener mit seiner Frau Initiator der oben angerissenen Wanderausstellung zu Kinderdeportationen auf dem Schienenweg, tief bewegt. Dies sowohl nach der Uraufführung als auch zur letzten Vorstellung, zu der sie aus Paris mit einer Gruppe französischer Freunde nach Osnabrück gekommen waren, deren Eltern ebenso Opfer des Holocaust wurden.

Bleibt zu wünschen, dass sich nach dieser imposanten erfolgreichen Uraufführung und ersten Aufführungsstaffel in Osnabrück auch andere Operhäuser entschließen, diese aktuelle Zeitoper aufzuführen. Bemühungen in Österreich seitens Carin Marquardts und der Autoren fanden im Geburtsland des Massenmörders bislang keine Resonanz, hingegen Gespräche an polnischen Opernhäusern und in Chemnitz auf positive Signale schließen lassen.

Ruth Eberhardt

«Jüdische Zeitung», September 2006