Wer fährt nach Dortmund zum Beten?

Die junge liberale Gemeinde hat in Unna ein eigenes Zentrum eingeweiht

 

Das frühere Durchgangslager liegt in Sichtweite. Die «Landesstelle Unna-Massen» war ab 1951 erste Station für Menschen, die als Aussiedler und Heimatlose nach dem Krieg eine neue Bleibe brauchten. Zehn Jahre später waren es vor allem die großen Flüchtlingsströme aus der DDR, die von hier aus in alle Regionen von Nordrhein-Westfalen verteilt wurden. Die letzte große Aufgabe hatte die Transit-Unterkunft zu bewältigen, als nach 1990 viele tausend jüdische Zuwanderer ins Land kamen.

 

2008 wurde das Durchgangslager geschlossen. In unmittelbarer Nachbarschaft haben die Juden, die in Unna geblieben sind, eine neue liberale Gemeinde gegründet. Am 2. Mai hat sie vis-a-vis der abgenutzten Landesstelle mit einem festlichen Gottesdienst ihr Gemeindezentrum eröffnet, bereitgestellt von der evangelischen Kirche. Überrascht und glücklich war Alexandra Khariakova, als die Kirchenleitung das Bodelschwinghhaus an der Buderusstr. 11 im Dezember 2008 der jungen jüdischen Gemeinde anbot - ohne Mietzins, gegen Zahlung der künftigen Betriebskosten.

 

Alexandra Khariakova wirkt im Gespräch offenherzig und optimistisch. 1995 war die Jüdin mit ihrem Ehemann selbst aus der Ukraine im Durchgangslager Unna Massen angekommen. Sie hielt Verbindung zu denen, die nach der Ankunft dort nicht in entfernte Landesteile reisten, sondern in Unna und Umgebung blieben. Erste Anknüpfungspunkte, erste auch materielle Hilfe bot damals vor Ort in Unna oft der katholische Wohlfahrtsverband Caritas. Wer sich als religiöser, halachisch lebender Jude einer Gemeinde anschließen wollte, fand sie in der Jüdischen Kultusgemeinde von Groß-Dortmund.

 

Stern im Bananenkreis

 

In Unna gilt "Du verstehst, was du sagst". Gemeindevorsitzende Alexandra Khariakova im neuen Zentrum. Foto: JG Unna

«Wer fährt nach Dortmund zu Feier von Rosch Haschana?» Das war nach Alexandra Khariakovskas Erinnerung eines Tages die Schlüsselfrage. Fünf Personen meldeten sich. Aber zu einem dann in Unna organisierten Fest kamen 65 Personen. Dazu muss man wissen, dass Dortmund eine Großstadt ist, der benachbarte, ländlich geprägte Kreis Unna legt sich wie eine Banane halb um Dortmund herum, aber die Busse enden in Unna. Christen nennen das Kirchturmspolitik. 2002 beschlossen die Juden in Unna als dem Mittelpunkt des «Bananenkreises» auch eigenes jüdisches Leben zu entfalten. Khariakova initiierte den «kulturell-integrativen Verein Stern» - noch keine Gemeinde, sondern ein Zusammenschluss, der ohne Reise in die große Nachbarstadt jüdische Tradition, kulturelle Perspektive neu entwickeln wollte.

 

«Alphabetisierung» nennt Khariakova diese Phase. «Wir haben neu entdeckt, was es heißt jüdisch zu sein. Aber wir haben auch Christen, auch Deutsche eingeladen. Ein Zehntel der Vereinsmitglieder waren Nichtjuden.» Der damalige Dortmunder Landesrabbiner Henry Brandt hat, wie sich die Vereinsvorsitzende erinnert, die doppelten Integrationsbemühungen des «Sterns» gefördert. Die zugewanderten Osteuropäer sollten in Westdeutschland heimisch werden und zugleich ihre jüdischen Wurzeln wieder finden. Brandt, der heute in Augsburg und Bielefeld wirkt, hat dem Unnaer Kultur-Verein manchen Impuls für ein liberales Judentum vermittelt. Damals schickte die Dortmunder Gemeinde einmal monatlich einen Bus, um die Gemeindemitglieder aus Unna zur Synagoge abzuholen. «Aber man begrüßte uns dort als „unsere Gäste aus Unna"», erinnert sich Khariakova noch heute an Distanzen zur Gemeinde.

 

Es gab, das hört man in Unna wie in Dortmund, kein Zerwürfnis. Auch der heutige orthodoxe Rabbiner in Dortmund, Avichai Apel, genießt in Unna Ansehen. Er fuhr regelmäßig über die Stadtgrenze, um in Unna Religionsunterricht zu erteilen. Zweifel gab es, ob und ab wann sich der auf lokale Integration bedachte Verein zu einer eigenen religiösen Gemeinde entwickeln würde. Dieser Schritt wurde im Mai 2007 rechtswirksam. Zum ersten Vorstand zählten neun Personen, nicht einmal eine Minjan. Aber heute umfasst die Gemeinde schon 70 halachische Juden. Das soeben eingeweihte Gemeindezentrum dürfte dazu beitragen, dass die Zahl weiter steigt. Dass die Gemeinde ein eigenes jüdisches Selbstverständnis gewonnen hat, zeigt sich darin, dass sie den Namen des Vereins «Stern» in die hebräische Sprache übertragen hat: Jüdische Gemeinde «haKochaw» Unna.

 

Ohne Geld vom Zentralrat

 

Das Haus, von dem die evangelischen Christen mit einer eigenen Feier Abschied genommen haben, dient jetzt vor allem den jüdischen Gottesdiensten, zu denen einmal monatlich der Vorbeter Didij Juval Podszus aus Bad Segeberg in Schleswig-Holstein anreist. Jetzt ist mit Moshe Navon sogar ein eigener Rabbiner gewonnen, der früher in Bochum den Gottesdienst leitete.

 

Zur Einweihungsfeier und anschließendem Gottesdienst mit Toralesung samt entliehener Torarolle wurde am 2. Mai der schleswig-holsteinische Landesrabbiner Walter Rothschild erwartet. Damit wird deutlich, dass die neue Gemeinde nun doch eine Trennung von Dortmund vollzogen hat. Sie versteht sich nicht als Einheitsgemeinde und hat sich der Union liberaler Juden angeschlossen. Mit Konsequenzen: Frauen und Männer beten nebeneinander und miteinander. Frauen, die ein Amt wahrnehmen, tragen auch eine Kippa. Im Gottesdienst sind hebräische, deutsche und russische Texte zu hören, die Bücher bieten Übersetzungen und Lautschriften. In Unna soll der liberale Grundsatz gelten: «Du verstehst, was du sagst.»

 

Alexandra Khariakova unterstreicht, dass diese Regel zu einer guten Atmosphäre im Gottesdienst beiträgt. Möglicherweise muss eines Tages Englisch hinzukommen. Im August kam eine Familie mit 14 Angehörigen aus den USA zu Besuch, deren Eltern aus Unna in die Staaten ausgewandert waren. «Wir überlegen, ob wir zurückkehren», erklärten sie, «wenn es hier wieder ein jüdisches Gemeindeleben gibt.»

 

«Nach dem Kiddusch sitzt ein guter Teil der Gemeindemitglieder noch beim koscheren Essen beisammen», berichtet die jetzige Gemeinde-Vorsitzende Khariakova, «auch wenn die meisten sich während der Woche zu Hause nicht koscher ernähren.»

 

Im Gespräch hat sie die Frage nach der finanziellen Ausstattung der Gemeinde zurückgestellt. Auf Nachfrage räumt sie ein, das die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, zur Einweihungsfeier einen freundlichen Brief geschickt hat, aber kein Geld: «Wir haben ausschließlich unsere Mitgliedsbeiträge und Spenden.» Die Kultussteuern, die der Mitarbeiterin der Stadt Unna vom Gehalt abgezogen werden, landen in der Jüdischen Kultusgemeinde Groß-Dortmund, der sich die Unnaer Vorsitzende noch als Mitglied verbunden weiß. «Ich möchte mein Geld lieber für Unna haben», erklärt sie resolut. «Aber die Verteilung der finanziellen Mittel zwischen den Einheitsgemeinden und den liberalen Gemeinden wird hoffentlich bald auf Landesebene geklärt werden», fügt sie geduldig an.

von Lukas Andel

«Jüdische Zeitung», Mai 2010