Buchcover

«Der Nachfolger»

von Ismail Kadare

Im Jahr 2001 begann der Schweizer Ammann-Verlag eine Werkausgabe des großen albanischen Schriftstellers Ismael Kadare, der im Januar seinen 70. Geburtstag feierte. Kadare, letztes Jahr erster Preisträger des Man Booker International Prize, gelangte auch im Westen schon recht früh zu literarischem Ruhm. Sein bedeutender, mit Michel Piccoli und Marcello Mastroianni verfilmter Roman «Der General der toten Armee» (1963) beschreibt das Scheitern eines italienischen Generals an der Aufgabe, die sterblichen Überreste seiner im Zweiten Weltkrieg in Albanien gefallenen Landsleute zu bergen und in die Heimat zurückzuführen. Obwohl sich Kadare während der sozialistischen Diktatur in Albanien aufgrund seines internationalen Ruhms so frei wie kaum ein anderer äußern konnte, sieht er sich seit Anfang der 1990er Jahre vor allem im Westen immer wieder der Kritik zu großer Nähe zum stalinistischen Regime ausgesetzt. Diese aus literarischer Sicht ungerechtfertigten Vorwürfe könnten seine Ambitionen auf den Nobelpreis entscheidend gefährden, als dessen Kandidat er schon seit Jahren gilt. Mit seinem ebenso grandiosen wie erschütternden neuen Roman «Der Nachfolger» unterstreicht Ismail Kadare diese berechtigten Ambitionen allerdings nachdrücklich. Der namenlose Nachfolger des albanischen «Führers» wird nach einer stürmischen Gewitternacht tot in einem Zimmer seiner Prachtvilla gefunden. War es Mord oder Selbstmord? In den einzelnen Kapiteln des Buches wird der Vorfall aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet: zunächst mit dem vielstimmigen Gemurmel des Gerüchts, dann aus Sicht der Tochter, die mit einer unstandesgemäßen Verlobung ihren Vater ins politische Abseits manövriert hatte, oder aus der Sicht des fatalistischen Sohnes, des opportunistischen politischen Profiteurs und schließlich aus Sicht des erblindenden «Führers» selbst. Ist gar der Architekt schuld am Tod des Nachfolgers, weil er die neubezogene Villa prächtiger als die des «Führers» gestaltete? «Der Nachfolger» ist ein großartiger Roman von universeller Gültigkeit über die Unmenschlichkeit totalitärer Regime.

Florian Hunger

«Der Nachfolger»
aus dem Albanischen von Joachim Röhm,
Ammann-Verlag, 180 Seiten,
18,90 Euro

 

 

 

«Jüdische Zeitung», September 2006