"Ich war tot - jetzt lebe ich"

Der Film "Du sollst nicht lieben" zeigt die unmögliche Liebesgeschichte zweier jüdisch-ultraorthodoxer Männer

Haim Tabakman ist noch ein unbeschriebenes Blatt im Filmgeschäft, doch das könnte sich bald ändern. Immerhin hat er mit «Du sollst nicht lieben» einen packenden Debütfilm gedreht, der 2009 beim Cannes Film Festival erstmals einem internationalen Publikum vorgestellt wurde und offenbar so erfolgreich war, dass er im Mai auch in den deutschen Kinos anlaufen wird. Tabakman greift in seinem Film ein in orthodoxen Kreisen als Tabu behandeltes Thema auf. Erzählt wird eine außergewöhnliche Liebesgeschichte, in deren Mittelpunkt zwei jüdisch-orthodoxe Männer in Israel stehen.

 

Aaron, gespielt von Zohar Strauss, ist verheiratet, Vater von drei Kindern und in seiner ultraorthodoxen Gemeinde in Jerusalem ein geschätztes Mitglied. Gerade erst hat er seinen Vater verloren und dessen Fleischerei übernommen, als ein junger Mann auftaucht. Der 22-jährige Ezri, der von dem in Israel bekannten Sänger und Modell Ran Danker dargestellt wird, ist auf der Suche nach einer Jeschiwa, in der er sein Torastudium fortsetzen will. Doch zunächst braucht er Arbeit und einen Platz zum Schlafen. Aaron stellt ihn als Aushilfe in seinem Laden ein und lässt ihn in dem kleinen Zimmer über der Fleischerei übernachten.

 

"Sünder in der Nachbarschaft": Ezri (Ran Danker, links) und Aaron (Zohar Strauss). Foto: Verleih
Vom ersten Augenblick an fühlt sich Aaron von diesem jungen Mann wie magisch angezogen. Es sind diese kurzen, verstohlenen Blicke, die ihn verraten. Auch Ezri entgeht das nicht. Er versucht, sich Aaron vorsichtig zu nähern, doch der weist ihn zurück. Aaron ist fest davon überzeugt, dass Gott ihn durch die Anwesenheit Ezris auf die Probe stellt. Er fühlt sich der Herausforderung gewachsen, schließlich würde Gott ihm nichts zumuten, dem er nicht standhalten kann. Als der Rabbiner ihn auf Ezri anspricht, der Gerüchten zufolge aus der letzten Jeschiwa herausgeworfen wurde, beharrt Aaron auf seinem Standpunkt. «Ezri festigt meinen Glauben», sagt er, und allein deswegen soll er bleiben. Bei einem Tauchbad am Rande von Jerusalem wird jedoch deutlich, dass Aarons Faszination für Ezri viel weiter geht. Die erotische Spannung zwischen den beiden ist fast greifbar. Zu Beginn traut sich der schüchterne Aaron kaum, Ezri anzusehen, als dieser sich entkleidet. Doch als sie im Wasser sind, verliert er nach und nach seine Hemmungen. Aaron wirkt unbeschwert, ausgelassen, ja geradezu glücklich in Ezris Gegenwart. Schließlich können sich die beiden Männer nicht mehr zurückhalten und fallen in der Kühlkammer der Fleischerei das erste Mal übereinander her. Die Kamera bleibt in diesen intimen Momenten stets auf Distanz, die Berührungen und Zärtlichkeiten, die die beiden Männer austauschen, wirken nie obszön. Immer häufiger kommt Aaron nun spät nach Hause. Seine Ehefrau Rivka, hervorragend dargestellt von Ravit Rozen, bemerkt die Veränderung an ihrem Mann - und schweigt. Sie scheint die Situation zu akzeptieren, doch ihre Blicke offenbaren Verzweiflung und tiefe Kränkung.

 

Unterdessen mehren sich die Gerüchte um Ezri und Aaron. Die «Sittenwächter»des religiösen Viertels, eine kleine Gruppe von jungen Tora-Studenten, tauchen in Aarons Laden auf und fordern ihn auf, Ezri fortzuschicken. Aaron will davon nichts wissen. Er ignoriert alle Vorwarnungen und auch die an den Hauswänden angebrachten Plakate, auf denen darauf hingewiesen wird, dass ein «Sünderin der Nachbarschaft» lebt. Wie viel Aaron tatsächlich für Ezri empfindet, wird schließlich deutlich, als er dem Rabbiner zu erklären versucht, weshalb er Ezri nicht fortschicken kann: «Ich brauche ihn. Ich war tot - jetzt lebe ich.» Der Zuschauer gewinnt immer mehr den Eindruck, als würde Aaron mit offenen Augen ins Verderben laufen, was im Originaltitel des Filmes, «Eynayim Pkuhot» («Mit offenen Augen»), bereits angedeutet wird.

 

«Du sollst nicht lieben» ist ein eindringlicher Film über die Unvereinbarkeit von homosexueller Liebe und orthodoxem Judentum. Was Haim Tabakman seinen Zuschauern jedoch nicht bietet, sind Antworten. Antworten darauf, wie sich der Widerspruch lösen lässt, dass Homosexualität in der Tora einerseits als Todsünde gilt, andererseits für religiöse Juden nicht als Teil des menschlichen Wesens begriffen wird. Durch diese Tabuisierung ist jegliche Auseinandersetzung mit der Thematik praktisch ausgeschlossen. Welche dramatischen Folgen das nach sich ziehen kann, zeigt die Geschichte von Aaron und Ezri sehr eindrucksvoll. Vor allem durch das einfühlsame Spiel der beiden Protagonisten - Zohan Strauss wurde auf dem Jerusalemer Filmfest dafür mit dem Preis für den besten Hauptdarsteller ausgezeichnet - entsteht so ein mitreißender Film.

 

«Du sollst nicht lieben»

(Eynayim Pkuhot/ Eyes Wide Open)

Israel/Frankreich/Deutschland 2009,

90 Minuten, DF und OmU

Regie: Haim Tabakman

Buch: Merav Doster mit Zohar Strauss, Ran Danker, Ravit Rozen u.a.

Der Film startet am 20. Mai in den deutschen Kinos.

 

von Stefanie Neumeister

«Jüdische Zeitung», Mai 2010