"Ich hatte Platzangst vor jedem neuen Buch!"

Am 11. Mai wäre die Kinder- und Jugendschriftstellerin Alex Wedding 105 Jahre alt geworden

 

Berlin-Alexanderplatz und Berlin-Wedding: In den späten 1920er Jahren waren dies zwei Bezirke der deutschen Hauptstadt, in denen viele Arbeiter wohnten. Zufällig lag einer davon im späteren West-Berlin, der andere ebenso zufällig in Ost-Berlin. Als die jüdische Kinderbuchautorin Grete Weiskopf, geboren im Mai 1905 als Margarete Bernheim in Salzburg, 1931 das Pseudonym «Alex Wedding» wählte, war von Ost- und Westberlin noch keine Rede. Viele Leser glaubten auf Grund des gewählten Vornamens lange Zeit, Alex Wedding sei ein Mann. Ebenso wenig war zu ahnen, dass sie ihre letzten Lebensjahre in unmittelbarer Nähe des «Alex» verbringen sollte, in ihrer Wohnung am Straußberger Platz.

 

Die Literatin und ihr wichtigstes Buch: Alex Wedding (1905-1966) und ihr Erstlingswerk "Ede und Unku". Foto: Archiv
Als ich Alex Wedding Anfang der 1960er Jahre kennenlernen und für sie als Sekretärin arbeiten durfte, war der Krebs, dem sie sechs Jahre später erlag, noch nicht zu erkennen. Bis in ihre letzten Lebenstage wollte sie die Schwere ihrer Krankheit nicht wahrhaben. Nur so ist zu erklären, dass unzählige Manuskripte angefangen, aber nicht mehr vollendet werden konnten. Darunter ein Jugendroman, der ihre vielleicht größte literarische Arbeit hätte werden sollen: «Onkel Toms Enkel», der nur als Fragment vorliegt. Doch die Grundidee ist klar umrissen: Von der modernen Sklaverei in den USA wollte sie erzählen, eine sozialistisch-humanistische Antwort auf das weltberühmte christlich-humanistische Buch «Onkel Toms Hütte» von Harriet Beecher-Stowe sollte es werden. Wenn auch nur als kleine Papierstreifen erhalten, mit der Schreibmaschine getippt und dicht aneinander geklebt, dann mit der Hand immer und immer wieder korrigiert, sind erste Unverwechselbarkeiten der kindlichen Hauptfiguren Esther und Andy in ihren Auseinandersetzungen mit der realen Welt der US-amerikanischen Rassenpolitik zu erkennen.

 

Am Beginn der schriftstellerischen Tätigkeit von Alex Wedding stand schon einmal ein Kinderpaar: 1931 in Berlin schrieb sie «Edu und Unku», die Geschichte einer Kinderfreundschaft zwischen einer Ur-Berliner Göre und einem Zigeunermädchen. In dem Roman werden die authentischen Erlebnisse der zehnjährigen Erna Lauenburger und des zwölfjährigen Ede Sperling verarbeitet. Erna wurde Anfang 1943 als «Zigeunermischling» eingestuft, im März desselben Jahres nach Auschwitz deportiert und ermordet. Als Alex Wedding nach dem Krieg aus dem New Yorker Exil zurückkehrte, hatte von den elf in «Ede und Unku» namentlich erwähnten Sinti nur ein Kind überlebt, «Kaula» Ansin. Das Buch wurde 1933 von den Nazis auf dem Berliner Opernplatz verbrannt. In der DDR wurde der Stoff 1980 viel beachtet unter dem Titel «Als Ede Unkus Freundin war» verfilmt, gehörte zum Schulstoff und wurde ins Dänische, Englische, Tschechische und Amerikanische übersetzt.

 

Sogar in neun Sprachen, darunter ins Japanische und Chinesische, wurde ihr nächstes Kinderbuch übertragen: «Das Eismeer ruft», die «Abenteuer einer großen und einer kleinen Mannschaft», erschien erstmals 1936.

 

Doch vor ihren beiden wichtigsten Werken lag die Heirat mit dem tschechischen kommunistischen Schriftsteller Franz Carl, genannt «F. C.», Weiskopf, den sie 1927 in Berlin kennengelernt hatte und deren politische Überzeugung sie teilte. Wie beide später erfuhren, hatten schon Gretes Vater und Franzens Mutter einander gekannt - und geliebt. Alex Wedding schrieb über diesen unglaublichen Zufall in ihren Erinnerungen: «Es war, als habe die ungestillte Sehnsucht dieser beiden Menschen uns zusammengeführt. Ich war eine glückliche Frau.»

 

Glücklich war sie mit Sicherheit auch, weil F. C. Weiskopf seine Frau zeitlebens anhielt, selbst literarisch tätig zu sein: Schließlich hatte er sie als Journalistin und Reporterin sowie Film- und Theaterkritikerin, als Kollegin der Zeitung «Berlin am Morgen» kennengelernt, an der er selbst als Feuilletonredakteur beschäftigt war. Grete lernte von F.C. recherchieren, sogar die Zettelkastenmethode für das Aufbewahren von Detailbeobachtungen, Stimmungen oder Begegnungen hat sie von ihm gelernt und bis zu ihrem Tode beibehalten.

 

Nachdem die Nationalsozialisten das Ehepaar Weiskopf 1933 ausgewiesen hatten, siedelten sich beide in Prag an. 1938 mussten sie dann nach Paris emigrieren. Ein Jahr später folgten beide einer Einladung der «American Writers League» in die USA. In Europa brach der Krieg aus und an eine Rückkehr war nicht mehr zu denken, schon gar nicht für eine jüdisch-kommunistische Autorin.

 

Nach dem Krieg trat F. C. Weiskopf in den diplomatischen Dienst der Tschechoslowakei ein, wurde Botschaftsrat in Washington, später Gesandter in Stockholm und schließlich Botschafter in Peking. Vor allem ihre Zeit in China nutze Alex Wedding intensiv für eigene literarische Arbeiten, verfasste den Jugendroman «Das eiserne Büffelchen», sammelte und übertrug chinesische Volksmärchen. 1953 entschloss sich das Ehepaar, sich wieder in Berlin anzusiedeln.

 

Als ihr Mann zwei Jahre später starb, hinterließ er eine große Lücke im Leben der Alex Wedding. Seither widmete sie sich, neben Übersetzungen amerikanischer Schriftstellerkollegen, der Herausgabe der Werke ihres Mannes, schrieb das Drehbuch für den DEFA-Film «Lissy» nach dem gleichnamigen Roman Weiskopfs, verfasste Reportagen und Kinderbücher über ihre späteren Afrikareisen sowie Aufsätzen und Diskussionsbeiträgen zur Kinder- und Jugendliteratur. Auch rief sie am Beispiel von Antoine de Saint-Exupéry, dessen Kinderbuch «Der kleine Prinz» ihn weitaus berühmter gemacht hat, als seine Bücher für Erwachsene, Anfang der 1960er Jahre ihre Kollegen aus aller Welt auf, auch gute Kinderbücher zu schreiben und verwies auf deren große erzieherische Wirkung.

 

Alex Wedding hat verfügt, dass die Tagebücher von F. C. Weiskopf erst Jahrzehnte nach ihrem Tod veröffentlicht werden dürfen. Literaturwissenschaftler und Historiker vermuten in den Zeilen des Autors Beachtliches über dessen Zeitgenossen aus der Sowjetunion der Stalin-Ära, Kollegen aus dem gemeinsamen Exil in den USA, chinesische Politiker um Mao Tse-tung und die kulturpolitische und künstlerische Elite der DDR.

 

Gemeinsam mit ihrem Mann ist Alex Wedding auf dem Friedhof Berlin-Friedrichsfelde begraben.

 

 von Ingrid Lorenz

«Jüdische Zeitung», Mai 2010