"Kaiserhofstraße 12"

von Valentin Senger

 

"Kaiserhofstraße 12", erschienen bei Schöffling, 320 Seiten, 19,90 Euro, sowie als Hörbuch bei Eichborn, 4 Cds, 19,95 Euro.
Seit dem 21. April wird in Frankfurt am Main unter großem Medienecho und mit zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen die feierliche Wiederentdeckung eines großartigen, seit langem vergriffenen deutschsprachigen Werkes der Erinnerungsliteratur begangen: des internationalen Bestsellers «Kaiserhofstraße 12» des 1918 in der hessischen Metropole geborenen und 1997 eben dort gestorbenen Journalisten Valentin Senger. Unter dem Motto «Frankfurt liest ein Buch» sind dessen einnehmenden Erinnerungen an das wundersame Überleben seiner jüdisch-kommunistischen Familie in einer Hinterhofwohnung mitten im Zentrum Frankfurts während der Nazizeit 32 Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung endlich wieder in einer neuen Buchausgabe erschienen, um vor allem von den Bewohnern der Stadt gemeinsam gelesen und in öffentlichen Veranstaltungen miteinander gehört und erfahren werden zu können - nach dem Willen des als Veranstalter fungierenden, eigens zu diesem Zweck gegründeten Trägervereins, der diese bereits in anderen deutschen Städten erfolgreich umgesetzte Idee aus Chicago importiert hat, soll dies lediglich der Beginn einer ganzen Reihe von gemeinschaftlichen Leseerfahrungen sein. Nach der Lektüre des erstmals 1978 erschienenen Buches kann man sich nicht nur für die am 9. Mai endende Veranstaltungsreihe kaum ein geeigneteres Werk für die Stadt Frankfurt vorstellen, sondern muss dessen Wiederentdeckung auch für alle übrigen Leser als ausgesprochenen literarischen Glücksfall und als verlegerische Großtat loben. Denn Valentin Sengers hochpoetischen Erinnerungen sind nicht nur in einem angesichts des Themas ungewöhnlich entspannten, zuweilen humorvollen, zugleich ungläubigen und auch den Leser staunen machenden Tonfall vorgetragen, sondern sie vollbringen auch das kleine Wunder, die dunklen Zeiten für uns solcherart zu erhellen und mit Leben zu füllen, dass wir nicht nur die ständige Angst vor dem Entdecktwerden und der drohenden Deportation, sondern auch die darunter verschüttete Lebenslust, die stille Freude an wenigen Momenten des Glücks im Geheimen und die Hoffnung auf Erlösung der Familie Senger ermessen können. Valentin Sengers Buch ist voller magischer, unmittelbar berührender Momente: etwa die liebevolle Beschreibung der Eltern - sein Vater, der russische Berufsrevolutionär, den er immer nur als Großvater wahrgenommen hat, die energische, tatkräftige Mutter, die mit ihrer Umsicht und politischen Weitsicht schon in der Weimarer Republik Spuren der russisch-kommunistischen Herkunft mithilfe kleiner Kunstgriffe zu vertuschen begann, der Familie bereits vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten falsche Pässe beschaffte und ein Netz hochwirksamer Lügen zu weben begann, was wesentlich zur Rettung aller Familienmitglieder beitrug. Oder die lebensnahe, treffende Charakterisierung der anderen, zum Teil schillernden Bewohner der Kaiserhofstraße: einem stadtbekannten, später von den Nazis ermordeten liebenswürdigen Transvestiten, zwei Prostituierten oder der Mutter eines Schulfreunds, die der heranwachsende Valentin, wahrscheinlich mit deren Wissen, regelmäßig heimlich durchs Hoffenster nackt beim Baden beobachtete. Das nahezu unbehelligte, mit unserem Wissen vom unfassbaren Ausmaß der Schoa in der Tat nicht anders als wundersam zu bezeichnende Überleben der Familie Senger gelang letztlich auch mit tatkräftiger Unterstützung von mutigen Behördenmitarbeitern, Freunden und Nachbarn. Eine besonders empfehlenswerte Art sich Valentin Sengers fesselnden Erinnerungen anzunähern, ist mittels der parallel zur Buchausgabe erschienenen Hörbuch-Lesung, da diese durch die gleichsam doppelte Wirkung des Erzählens den abenteuerlichen Charakter des Buches und die Zeitzeugenschaft des Autors zusätzlich betont.

«Jüdische Zeitung», Mai 2010