"Strand der Ertunkenen"
von Domingo Villar
 |
"Strand der Ertrunkenen", aus dem Spanischen von Carsten Regling, erschienen im Unionsverlag, 477 Seiten, 19,90 Euro.
|
Wenn ein deutscher Polizeikommissar abwegiger Weise neben seinem Hauptberuf auch noch regelmäßig in einer vergleichbaren Rolle im Fernseh-Tatort aufträte und aufgrund der dort gewonnenen Popularität während seiner realen Ermittlungen ständig von Zuschauern erkannt, angesprochen und in seiner tatsächlichen kriminalistischen Arbeit behindert würde, entspräche das in etwa der außergewöhnlichen, dauerhaft nervenaufreibenden Lage, in der sich Leo Caldas befindet, liebenswürdig-besonnener Inspektor der Mordkommission der galicischen Stadt Vigo und Moderator der in der ganzen Region beliebten nachmittäglichen Radiosendung «Die Hörfunkstreife», einem verschroben-unbeholfenen Vehikel der Polizeiverwaltung, das Bürgernähe und ein allseits offenes Ohr für die alltäglichen Sorgen der Bevölkerung demonstrieren soll und von Anrufern gerne genutzt wird, um sich über nächtliche Ruhestörer, vermeintlich unberechtigte Strafzettel und andere Lappalien zu beschweren. Leo Caldas ist der neue heimliche Star des Kriminalromans, ein Geheimtipp noch in seinem gerade erst auf Deutsch erschienenen zweiten Fall, ein höchst origineller, sympathischer Ermittler, mit dem man sich als Leser ganz unwillkürlich sofort identifiziert, weil ihm die Gerechtigkeit wichtiger ist als das Recht, ein feinsinniger Genießer der guten regionalen Küche, ein verletzlicher Mann, der seine langjährige Freundin wortlos hat gehen lassen und selbst ein halbes Jahr danach noch keine Worte findet, um wieder Kontakt mit ihr aufzunehmen, obwohl er sich danach sehnt. Geduldig führt er während jeder Sendung stillschweigend eine Erfolgsstatistik, die meist deutlich zu seinen Ungunsten ausfällt: «Städtische Polizei gegen Leo: elf zu null.» Aber auch sein verwitweter Vater, ein erfolgreicher Weinbauer, führt seit seiner Jugend eine ebenso kauzige wie nützliche Statistik: ein «Idiotenbuch», in das er alle Menschen einträgt, die ihm mit ihrem misanthropischem Verhalten das Leben schwer machen. Der dritte in höchstem Maße überzeugende Charakter unter vielen in Domingo Villars wunderbar-mitreißendem, leichtfüßigem kriminalistischen Reigen ist Caldas' leicht reizbarer aragonesischer Assistent Rafael Estévez, dem die galicische Mentalität auch Jahre nach seiner Versetzung nach Vigo ein solches Rätsel geblieben ist, dass er sich von der ausweichenden Art von Zeugen und Verdächtigen gleichermaßen leicht zu körperlicher Gewalt provozieren lässt. Zusammen allerdings bilden die beiden ungleichen Temperamente ein nahezu unschlagbares Team. Ihr zweiter gemeinsamer Fall «Strand der Ertrunkenen» führt sie in die geschlossene Gesellschaft eines kleinen Fischerdorfes, an dessen Strand die Leiche eines in der Gemeinde allseits beliebten, unauffällig lebenden Fischers angespült wird. Der zunächst von allen Seiten vermutete und von verschiedenen Indizien scheinbar gestützte Selbstmord wird vom Gerichtsmediziner jedoch kategorisch ausgeschlossen. Die lange Zeit aufgrund des nachhaltigen, aber beredten Schweigens der Mitglieder der hermetischen Dorfgemeinschaft ohne vielversprechende Ermittlungsansätze bleibenden Befragungen und Recherchen verschaffen dem Leser den überaus kostbaren literarischen Genuss eines tiefen Eindringens in die Mentalität und Kultur Galiciens, wunderbar-humorvolle philosophische Einsichten zu verschiedensten Fragen des praktischen Lebens sowie tief greifende Einblicke in die unterschiedlichsten menschlichen Affekte und Motive, die zu einer Mordtat wie der im Buch beschriebenen führen können. Inspektor Leo Caldas ist die größte und originellste Entdeckung der klassischen Kriminalliteratur seit Jahren.