"Atmosphärische Störungen"

von Rivka Galchen

 

"Atmosphärische Störungen", aus dem Amerikanischen von Grete Oswald, erschienen bei Rowohlt, 317 Seiten, 19,95 Euro.
Nachdem die klassische Psychoanalyse in den vergangenen Jahrzehnten in der öffentlichen Wahrnehmung den paradoxen Status einer wissenschaftlichen Disziplin erreicht hat, die zwar einerseits als unantastbar im Sinne eines von ihr unzweifelhaft erbrachten fundamentalen Entwicklungsschritts für das Verständnis der menschlichen Psyche gilt, aber dennoch mit ihrem geschlossenen System von kurios anmutenden professionellen Begriffen von niemandem mehr ernst genommen wird, sind gerade in letzter Zeit wieder einige hochinteressante Werke der schöngeistigen Literatur von jungen Autoren erschienen, die beinahe so ernsthaft-naiv im Geiste dieser «neuen Wissenschaft»verfasst sind wie die in dieser Hinsicht stilbildenden ersten großen experimentellen psychologischen Romane des frühen Zwanzigsten Jahrhunderts. Der Münchener Schriftsteller und Literaturorganisator Benjamin Stein hat Anfang des Jahres mit «Die Leinwand» den möglicherweise faszinierendsten deutschsprachigen Roman des Jahres veröffentlicht, in dem er auf psychologisch wie formal ausgefeilteste Art und Weise die Identitätsstörung eines jüdischen Intellektuellen aufrollt, ein überaus kunstvolles Buch, das man ohne weiteres mit den besten Werken eines Leo Perutz vergleichen kann. Ähnliches lässt sich auch vom hochgelobten Debütroman der New Yorker psychiatrischen Ärztin und Literaturdozentin der Columbia-Universität Rivka Galchen (geboren 1976) sagen, in dem die Tochter eines israelischen Meteorologen und Wirbelsturmforschers ein ebenso imponierendes wie verwirrendes Szenario wissenschaftlicher Weltverschwörung auf nahezu unlösbare Weise mit einer massiven Manifestation von Paranoia in der Person ihres Protagonisten verquickt, die uns bis zum Schluss im Unklaren lässt über den Wahrheitsgestalt der mitreißend und stilistisch brillant vorgetragenen sowie äußerst klug komponierten Handlung, uns aber auch mit ihren große innere Ruhe ausstrahlenden poetischen Bildern geradezu verzückt. Welcher langjährige Ehemann kennt es nicht, das schlagartige Gefühl nach Jahren der partnerschaftlichen Gewöhnung und eines zunehmend uninspirierten Zusammenlebens: mit einer Fremden verheiratet zu sein? Als der New Yorker Psychiater Dr. Leo Lobenstein eines Tages unerklärliche Veränderungen im Verhalten seiner Ehefrau bemerkt - sie, die nie etwas für Haustiere übrig hatte, schleppt plötzlich einen Hundewelpen an -, mutmaßt er, seine geliebte Rema sei aus unbekannten, dringend zu entschlüsselnden Gründen durch eine nahezu perfekte Doppelgängerin ersetzt worden. Einer seiner Patienten behauptet, regelmäßig über die Seite 6 der New York Post verschlüsselte Nachrichten einer Weltverschwörung der Königlichen Meteorologischen Gesellschaft zur Manipulation des Wetters übermittelt zu bekommen. Als der Patient verschwindet, nimmt Lobenstein selbst Kontakt zu einem prominenten Mitglied dieser Gesellschaft auf: dem realen Vater der Autorin, Tzvi Gal-Chen. Die verzweifelte Suche nach seiner wahren Ehefrau führt den Psychiater bis nach Argentinien, und nur wir Leser wagen zu konstatieren - was von der Autorin bewusst zu keinem Zeitpunkt offen bestätigt wird -, dass Lobenstein die ganze Zeit über nur unfähig ist, in der Frau an seiner Seite auch weiterhin das Objekt seiner anhaltenden Liebe zu sehen. «Atmosphärische Störungen» ist gerade in seiner absichtlichen Verweigerung einer eindeutigen Auflösung eine großartige philosophische Recherche zum ewig jungen Thema der Identität des Liebenden und dem möglicherweise vergeblichen Streben nach Unvergänglichkeit romantischer Gefühle.

«Jüdische Zeitung», Mai 2010