Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Der Papst und die JudenEin Essay von Philipp GesslerHätte man den Wanderrabbiner Jesus von Nazareth gefragt, wie es der Papst denn so mit den Juden halte, hätte der die Frage noch nicht einmal verstanden. Nicht nur natürlich, weil es noch keinen Papst gab und keine Kirche. Doch selbst gesetzt den Fall, Jesus hätte eine Kirche und einen Papst nach dem heutigen Bild im Sinn gehabt, so wäre ihm die Frage weiter seltsam vorgekommen. Denn Jesus hat sich ja eindeutig als frommer Jude verstanden, der das Gesetz erfüllen wollte, wie er mehrmals betonte, und noch am Kreuz das jüdische Todesgebet sprach. Und auch sein Apostel Simon Petrus, der Fels, war und blieb Zeit seines Lebens Jude, ja wandte sich den ersten, im Kern wohl historisch zutreffenden Schriften des Neuen Testaments gemäß zunächst gegen das Ansinnen von Paulus, auch Nichtjuden als Anhänger der neuen jüdischen Sekte der Christus-Anhänger oder Christen zu akzeptieren. Der Völkerapostel Paulus, keiner der ursprünglich zwölf Apostel, musste sich in dieser Frage auf dem ersten Apostelkonzil um das Jahr 47 nach der Zeitenwende wohl gegen Petrus und andere Vertreter der Tradition durchsetzen. So gesehen ist es mehr als erstaunlich, dass überhaupt so etwas wie Antijudaismus, Juden-Hass, in der Kirche entstehen konnte.
Dennoch gab es über Jahrhunderte diesen mörderischen Antijudaismus in der Kirche - und an der ein oder anderen Stelle, eher am Rande dieser Gemeinschaft von 1,1 Milliarden Menschen gibt es ihn noch immer.
Insofern ist die Frage nach dem Verhältnis des gegenwärtigen Papstes zu den Juden nicht so absurd, wie sie Jesus von Nazareth vielleicht vorgekommen wäre. Ja, sie hat angesichts der blutigen christlich-jüdischen Geschichte eine besondere Brisanz.
Joseph Ratzinger wurde vor 83 Jahren in eine einigermaßen intakte bayerisch-katholische Welt hineingeboren, die er als Junge geradezu innig liebte. Ratzingers Lieblingslektüre als Bub war der «Schott», das katholische Messbuch, ja das Nachspielen einzelner Messen war schon dem Dreikäsehoch eine Freude - der «Schott» war damals natürlich in Latein, clever war er ja immer der Ratzinger Sepp.
Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass zu diesem katholisch-vorkonziliaren Umfeld des späteren Benedikt XVI. der uralte Antijudaismus, oder besser: die folkloristisch angehauchte Distanz zum Judentum so selbstverständlich gehörte wie das Amen in der Kirche. Insofern wäre es eher ein Wunder, wenn Joseph Ratzinger von dieser antijüdischen Tradition nicht in irgendeiner Weise beeinflusst oder berührt gewesen wäre, auch wenn Wunder in der Kirche ja immer wieder vorkommen sollen. Ratzingers Vater soll nach allem, was man weiß, zu den Nazis ein ziemlich distanziertes Verhältnis gehabt haben, ja er darf wohl als stiller Nazifeind durchgehen.
Andererseits: Es ist sicherlich nicht leicht, den Prägungen der frühen Jahre zu entfliehen. Das Milieu, in dem Ratzinger in seinen frühen Jahren aufwuchs, kann wohl mit dessen Großonkel Georg Ratzinger (1844-1899) beschrieben werden. Der katholische Priester, Reichstagsabgeordnete und Publizist schrieb unter Pseudonym etwa um die Jahrhundertwende, katholisch-antijudaistisch, die Emanzipation der Juden «konnte nicht anders als zerstörend und zersetzend auf die ganze christliche Gesellschaft wirken». Ein unverkrampftes, gar positives Judenbild wäre für Joseph Ratzinger angesichts dieser frühen Sozialisation - seine Eltern waren übrigens für die damalige Zeit ungewöhnlich alt - eine eher erstaunliche Leistung. War er zu ihr fähig?
Die Deutschen als erste Opfer der Nazis?
Joseph Ratzinger gehörte als junger Theologe zu den führenden Beratern des Zweiten Vatikanischen Konzils (1965-68), das mit dem Schreiben «Nostra Aetate» aus dem Jahr 1965 einen Schlusspunkt hinter die jahrhundertealte Judenfeindschaft in der Kirche setzen wollte. Das Papier stellte fest, dass die Juden nicht mehr bekehrt werden müssen, weil sie bereits durch den Alten Bund seit Abraham das volle Heil haben - sie sind die «älteren Brüder» der Christen, wie es Papst Johannes Paul II., Benedikts Vorgänger als Papst, einmal gesagt hat. Seit dem Konzil hat die katholische Kirche immer wieder betont, sie werde angesichts des Holocaust und des früheren christlichen Antijudaismus keine Judenmission mehr betreiben. Und den Juden ist dies sehr wichtig.
Antijüdische Aussagen sind von Ratzinger aus diesen frühen Jahren nicht bekannt. Aufhorchen aber ließ 1980 auch seine Reaktion auf Proteste jüdischer Organisationen gegen judenfeindliche Passagen der stark antijudaistisch geprägten Oberammergauer Passionsfestspiele. Damals war Ratzinger als Erzbischof von München und Freising am Ende verantwortlich für die Festspiele. In seiner Predigt zur Eröffnung der Festspiele kanzelte er die Juden mit ihrer Forderung öffentlich ab, wie der Publizist Alan Posener in seinem Buch «Benedikts Kreuzzug» schildert.
Damals sagte Ratzinger mit Blick auf die Kritik an den Festspielen und den jüdischen Forderungen: «Man kann Antisemitismus auch herbeireden; auch das sollte bedacht werden; deshalb möchte ich alle, insbesondere unsere jüdischen Freunde, bitten, mit dem Vorwurf des Antisemitismus aufzuhören.»
Etwas irritierend war stellenweise Ratzingers Rede in Auschwitz Ende Mai 2006. Neben viel Bedenkenswertem sagte er damals auch, eine «Schar von Verbrechern» habe mit «lügnerischen Versprechungen» Macht über die Deutschen gewonnen, «so dass unser Volk zum Instrument ihrer Wut des Zerstörens und des Herrschens gebraucht und missbraucht werden konnte».
Die Deutschen als erste Opfer der Nazis also? Der Holocaust nur getragen von einer verbrecherischen Führungsclique, nicht von Tausenden oder Zehntausenden Deutschen, die dieses Horrorwerk erst in Gang setzten?
Solche Sätze ausgerechnet in Auschwitz lassen zumindest Sensibilität gegenüber den jüdischen Opfern des Holocaust und ihren Nachkommen vermissen.
Typisch auch, dass Ratzinger in Auschwitz nicht den christlichen Antijudaismus thematisierte, der durchaus als einer der Wurzeln des modernen Rassenantisemitismus gelten kann, jenes Wahns, der in Auschwitz endete. Vielmehr deutete Benedikt XVI. selbst die Schoa am Ende christlich. Er sagte in Auschwitz: «Mit dem Zerstören Israels, mit der Schoa sollte im Letzten auch die Wurzel ausgerissen werden, auf der der christliche Glaube beruht, und endgültig durch den neuen, selbstgemachten Glauben an die Herrschaft des Menschen, des Starken ersetzt werden.» Auch hier erscheinen in der Logik Ratzingers die Christen irgendwie als Mitopfer - wo doch auch über ihre Mitschuld hätte gesprochen werden können.
Dazu passt, dass der Papst Anfang Juli 2007 ein sogenanntes Motu proprio, eine Anordnung «aus eigenem Willen» unterschrieb. Damit ließ er mit geringen Einschränkungen die uralte tridentinische Messe, gesprochen in Latein, wieder zu. Zwischen 1970 und 1984 war dieser Messritus für die rund eine Milliarde katholischer Christen weltweit ganz verboten, seitdem ist er nur in Ausnahmefällen geduldet. Das heißt, wer ihn feiern wollte, brauchte bisher eine Extraerlaubnis («Indult») von seinem Bischof. Der Papst erlass Motu proprio stellte die fast 450 Jahre alte Messe in Latein den bisherigen Gottesdiensten in der Landessprache, eine der großen Errungenschaften des Zweiten Vaticanums, de facto gleich.
Antijüdische Schlagseite der tridentinischen Messe
Ratzinger war, erinnert sei an seine «Schott»-Liebe, stets ein Fan dieser tridentinischen Messe. Schon 1996, vor seiner Zeit als Pontifexmaximus, sagte Joseph Kardinal Ratzinger als Chef der Glaubenskongregation über die lateinische Messe: «Eine Gemeinschaft, die das, was ihr bisher das Heiligste und Höchste war, plötzlich als strikt verboten erklärt und das Verlangen danach geradezu als unanständig erscheinen lässt, stellt sich selbst in Frage. Denn was soll man ihr eigentlich noch glauben?» Deshalb feierte der heutige Papst auch immer wieder die alte Messe - etwa 1999 in Weimar. Mit dieser Entscheidung für die alte Messe versuchte Papst Benedikt zugleich, die Ultratraditionalisten der «Priesterbruderschaft St. Pius X.» wieder ins Boot zu holen - wir kommen darauf zurück.
Das Problem ist: Die tridentinische Messe hat eine antijüdische Schlagseite. In einer Fürbitte, die im alten Karfreitagsgottesdienst dieser Form der Messe vorgeschrieben ist, müssen Priester und Gemeinde «für die Bekehrung der Juden» (Pro conversione Iudaeorum) beten, die in «Verblendung» (obcaecatio) und in «Finsternis» (tenebrae) leben. Der Reformpapst Johannes XXIII. (1958-63) strich zwar schon vor dem Konzil 1959 bei dieser Fürbitte die ursprüngliche antijüdische Bezeichnung der Juden als «treulos» (perfidus). In dem von Papst Benedikt XVI. offiziell wieder akzeptierten tridentinischen Ritus nach dem Messbuch von 1962 wurde aber weiter für die Bekehrung der Juden gebetet. Angesichts dieser Lage erklärten die deutschen Bischöfe wohl nicht ganz zufällig bei ihrer Herbstversammlung im Jahr 2006, eigentlich gebe es keinen Bedarf, die «Indult»-Lösung aufzugeben. Auch der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschlands, Stephan Kramer, warnte vor der Wiedereinführung der lateinischen Messe. Er sah eine «nachhaltige Störung des katholisch-jüdischen Dialogs» voraus.
Immerhin: Diese Sorgen aufnehmend, formulierte der Papst dann Anfang 2008 für die alte tridentinische Messe eine neue Karfreitagsfürbitte: Die in Latein gehaltene Fürbitte machte jedoch das Ganze nicht besser, im Gegenteil. Die neue Fassung der Karfreitagsfürbitte von Papst Benedikt XVI. lautet in deutscher Übersetzung: «Wir wollen beten für die Juden. Dass unser Gott und Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Heiland aller Menschen.» In diesem Duktus geht es noch ein paar Sätze weiter. Was anderes ist dies, als eine Aufforderung zur Bekehrung der Juden, ja zur Judenmission?
Der Papst hätte auch problemlos die harmlose, moderne Karfreitagsfürbitte aus dem Jahr 1970 in lateinischer Übersetzung für die neu-alte tridentinische Messe festlegen können. Wer sich in der Kirche zum Teil seit Jahrzehnten für eine christlich-jüdische Verständigung einsetzte, war entsetzt. Aus der Deckung wagte sich der «Gesprächskreis „Juden und Christen" beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken» (ZdK). Man zeigte sich «enttäuscht und bestürzt». Das neue Gebet «beschädigt das gewachsene Vertrauen zwischen Katholiken und Juden schwer». Als «reaktionär» bezeichnete die Fürbitte der Vorsitzende der Allgemeinen Rabbinerkonferenz in Deutschland, Henry G. Brandt.
Kurienkardinal Walter Kasper, der im Vatikan für den interreligiösen Dialog zuständig ist, verteidigte damals den Papst. Es handle sich dabei um Missverständnisse. Er stellte dann aber klar: «Der Papst lässt das Gebet. Es ist ja auch aus unserer Sicht theologisch vollkommen in Ordnung. Es ist nur schwierig für die Juden, das zu akzeptieren.»
Der Tiefpunkt der Beziehungen zwischen jüdischen Organisationen und dem Papst war Anfang 2009 erreicht, als die bis dahin exkommunizierten Bischöfe der Pius-Bruderschaft wieder in den Schoss der Kirche aufgenommen wurden - darunter der notorische Antisemit und Holocaust-Leugner Richard Williamson. Treue Theologen protestierten gegen Rom und befürchten einen «Wendepunkt in der nachkonziliaren Kirchengeschichte». Jüdische Gemeinschaften weltweit waren entsetzt, manche verweigerten jegliche weitere Kommunikation mit der Kirche.
Britische Parlamentarier diskutierten die Entscheidung des Vatikans. Israels Regierung erwog den Abbruch der Beziehungen zum Heiligen Stuhl.
«Zwischen der fortdauernden Ablehnung der Ergebnisse des II. Vatikanischen Konzils durch die Traditionalisten und ihrer tief reaktionären und freiheitsfeindlichen Haltung besteht ein enger Zusammenhang», sagte selbst der damalige Präsident des ZdK, Hans Joachim Meyer, ungewöhnlich deutlich. Immerhin, es gab auch etwas Widerstand in der Kirche gegen diese päpstliche Entscheidung: Die katholischen Theologie-Fakultäten von Freiburg, Tübingen und Münster verurteilten aus Angst um den Kurs der Kirche fast geschlossen die Entscheidung zur Rehabilitation der Pius-Bischöfe und schrieben Protestbriefe an den Papst.
Der nächste Affront: die Heiligsprechung Papst Pius' XII.
Nach dieser Aufregung versuchte Papst Benedikt bei seiner Israelreise im Mai 2009 das Verhältnis zu Israel und den jüdischen Gemeinschaften wieder zu verbessern. Das aber klappte nur halb. Nach Benedikts Rede in Jad Vashem am 12. Mai 2009 kritisierte der Zentralrat der Juden in Deutschland den dortigen Auftritt von Benedikt. Die Präsidentin des Zentralrats, Charlotte Knobloch, sagte, der Papst habe mit seinem Aufruf zum Kampf gegen Antisemitismus zwar «ein positives Signal in Richtung Judentum ausgesandt». Die Geste erscheine jedoch halbherzig «angesichts der noch ausstehenden klaren Distanzierung des Vatikans von der antisemitischen Piusbruderschaft, die jüdische Menschen als Gottesmörder bezeichnet». Knobloch sagte, sie habe sich in Jad Vashem «deutliche Worte vom Papst im Fall Williamson erwartet, der den Holocaust in Frage gestellt hat». Weitere offene Themen «wie die Karfreitagsfürbitte, die zur Judenmissionierung auffordert», seien «bislang ausgespart», fügte die Präsidentin des Zentralrats hinzu. Auch ein Besuch in der römischen Synagoge am 17. Januar 2010 beruhigte die Gemüter kaum, Papst Benedikt XVI. hatte bereits unmittelbar vor dem Besuch in der Synagoge ein «Klima des großen Respekts und des Dialogs» zwischen Katholiken und Juden bekräftigt. Der Papst hat in seiner Amtszeit bereits zwei Synagogen einen offiziellen Besuch abgestattet: 2005 kam er am Rande des Weltjugendtags in die Kölner Synagoge, auch in New York besuchte er ein jüdisches Gotteshaus. Die römische Hauptsynagoge nahe dem Tiber-Ufer empfing bereits 1986 Benedikts Vorgänger, Papst Johannes Paul II. Johannes Paul besuchte damals als erster Papst überhaupt offiziell eine Synagoge.
Beim Besuch nahm der Papst jedoch ausgerechnet in dem jüdischen Gotteshaus seinen Vorgänger Papst Pius XII., der während seines Pontifikats zum gerade geschehenden Holocaust öffentlich de facto schwieg, gegen die Kritik jüdischer Organisationen in Schutz - ohne ihn jedoch namentlich zu nennen. Der Vatikan habe während des Zweiten Weltkriegs im Stillen gewirkt, um Juden vor den Nationalsozialisten zu retten, sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche. Der Vorsitzende der italienischen Rabbiner-Versammlung, Giuseppe Laras, und ein Holocaust-Überlebender boykottierten das Treffen mit Benedikt. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Riccardo Pacifici, der vor Benedikt gesprochen hatte, würdigte die Hilfe italienischer Katholiken bei der Rettung von Juden. Das Schweigen Pius'XII. sei aber ein Fehler gewesen.
Seine Großeltern seien im NS-Todeslager Auschwitz umgebracht worden, sagte Pacifici. Dagegen sei sein Vater von italienischen Nonnen in einem Kloster in Florenz gerettet worden.
Der nächste Affront Benedikts gegen die Juden dürfte wohl recht bald die Heiligsprechung von Papst Pius XII. werden. Im Dezember vergangenen Jahres hat Papst Benedikt ein Dekret gebilligt, mit dem Pius der «heroische Tugendgrad» zuerkannt wurde - ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Heiligsprechung. Als nächstes kämen die Seligsprechung und dann die Heiligsprechung. Das Entsetzen der Juden scheint Benedikt wenig zu kümmern.
Philipp Gessler ist Reporter der «taz - die tageszeitung» und beschäftigt sich seit Jahren mit den Kirchen und jüdischen Themen. Im Jahr 2004 erschien von ihm das Buch «Der neue Antisemitismus. Hinter den Kulissen der Normalität».
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