Männer brauchen mehr Platz zum Beten

An der Klagemauer in Jerusalem kämpfen Frauen mühsam um gleiche Rechte

 

Die Presseerklärung mit einer kräftigen Gerichtsschelte war schon vorbereitet. Da wurden Haviva Ner-David und Anat Hoffmann vom Spruch des Obersten Gerichtshofes im Mai 2005 überrascht. Es lehnte die Klage der insgesamt elf «Frauen an der Mauer» nicht wie gewohnt ab. Es gestattete den konservativ-liberalen Jüdinnen, an der Westmauer des Tempelbergs laut aus der Tora zu lesen. Genau daran waren sie immer wieder mit Schimpfen und Wegschubsen gehindert worden, seit sie gegen Ende der 1980er Jahre ihren Kampf um gleiche Rechte für Frauen und Männer an der 48 Meter breiten und 18 Meter hohen «Klagemauer» begonnen hatten. Viereinhalb Jahre später, im November 2009, wird Nofrat Frenkel an der Mauer festgenommen, weil sie im Bereich für nichtorthodoxe Jüdinnen einen Gebetsschal trug und laut aus einer Tora-Rolle vorlas.

 

Das Urteil von 2005 hatte die World Union for Progressive Judaism noch hocherfreut kommentiert: «Diese couragierte Entscheidung ist ein Meilenstein im Kampf um Jüdischen Pluralismus. Sie stellt sicher, dass die Mauer und ganz Israel das gemeinsame Erbe des gesamten jüdischen Volkes sind und nicht das einer kleinen, fundamentalistischen und autoritären Minderheit allein.» Dass Israel nach seiner Unabhängigkeitserklärung die Heimat aller Juden sein und bleiben muss, unterstrich nach der polizeilichen Festnahme von der Beterin Frenkel jetzt Jan Mühlstein, Vorsitzender der liberalen Juden Deutschlands, in einem Protestbrief an den israelischen Botschafter Yoram Ben-Zeev.

 

Das öffentliche Leben in Jerusalem hat sich gewandelt. Ultrareligiöse Juden haben spürbar an Einfluss gewonnen. Schätzungsweise 60.000 nichtreligiöse Juden haben die Stadt verlassen. Viele Ultraorthodoxe prägen das Stadtbild, viele beschäftigen sich mit frommer Lektüre und arbeiten nicht. Nach Zeitungsberichten lebt in Jerusalem jeder Dritte an der Armutsgrenze, in Tel Aviv dagegen nur jeder Fünfte.

 

Zwei Drittel für Männer

 

Beten erlaubt, lautes Tora-Vorlesen nicht: Jüdinnen an der Klagemauer in Jerusalem. Foto: Reuters
Die Haredim haben im öffentlichen Leben der «Heiligen Stadt» durchgesetzt, dass die Schabbat-Gebote in weiten Bereichen eingehalten werden. Entsprechend ihren Vorstellungen von Sitte und Anstand haben sie die öffentliche Busgesellschaft Egged unter Druck gesetzt, auf mehreren Linien die hinteren Sitzplätze für Frauen zu reservieren. Da dies indes nur einer Empfehlung gleichkommt, die von den säkularen Juden gern missachtet wird, hat das «Rabbiner-Komitee für Transportfragen» jetzt Privatbusse angemietet, die kostenlos von den ultraorthodoxen Wohnvierteln zur Westmauer pendeln und strikte Regeln einhalten: Frauen haben hinten einzusteigen.

 

So ist die Separierung schon durchgesetzt, bevor die frommen Juden am weiten Platz vor der Mauer ankommen. Gut zwei drittel der eingezäunten Fläche vor der Wand ist den Männern freigehalten, im knappen Rest-Areal stauen sich die Frauen. Freiwillige Selbstbeschränkung der Frauen oder sanfte bis nachdrückliche Hinweise der betenden Männer: Die Geschlechtertrennung wird an diesem millionenfach besuchten Platz auch von liberalen Juden und von christlichen Pilgergruppen beachtet. Erst vor kurzer Zeit wurde ein kleines Stück  neben dem öffentlich zugänglichen Hauptplatz für egalitäre Gebetshandlungen freigegeben.

 

Die Klagemauer, die keineswegs eine Außenwand des im Jahr 70 u.Z. von den Römern zerstörten Zweiten Tempels ist, ist die an das jüdische Viertel der Altstadt grenzende Einfriedung des Tempelberges, der heute mit dem Felsendom und der Al-Aksa-Moschee als drittwichtigstes Heiligtum des Islam gilt. Gleichwohl: Als die israelische Armee im Sechstagekrieg von 1967 bis an die Westmauer vordrang und die Soldaten dort ihre Gebete sprachen, gehörte dies zu den für viele ergreifendsten Momenten in der damals 19-jährigen Geschichte des jüdischen Staates. Der Platz ist nun als Synagoge unter freiem Himmel der religiöse Mittelpunkt der Stadt und des Judentums in aller Welt. Viele Synagogen in der Diaspora sind baulich auf diesen Platz ausgerichtet.

 

Die Freiluft-Synagoge an der Westmauer steht theoretisch allen Menschen offen, die die separaten Bereiche für Männer und Frauen aufsuchen, ihren Kopf bedecken, sich würdig benehmen und die Betenden nicht stören. Dies entspricht der jüdischen Tradition, dass es in der Religion keine einheitliche religiöse Richtung gibt, die die anderen dominieren darf. Da man eine Synagoge allerdings nicht zugleich gemeinsam und getrennt benutzen kann, gilt an der Klagemauer das Prinzip der Separierung, die keine religiösen Strömungen ausschließt, allerdings die Wünsche der Liberalen nach mehr Gleichheit nicht erfüllt.

 

Im Talmud finden sich nur spärliche Hinweise auf eine Aufteilung des Synagogenraumes durch Krüge und Schilfstäbe. Ein separater Raum entstand beispielsweise in Worms, als die Anfang des 11. Jahrhunderts gebaute Synagoge 200 Jahre später wegen Platzmangels erweitert wurde. Männer und Frauen teilten sich auf. Bis ins späte 16. Jahrhundert wurden nun vermehrt Nebenräume für Frauen genutzt, dann tauchen in der Baugeschichte Emporen auf, auf denen die Frauen hinter Gittern und Sichtschutz Platz nahmen.

 

Orthodoxes Verständnis

 

In weiten Teilen des orthodoxen Judentums sah man in dieser Ausgrenzung keine Benachteiligung der Frauen. Frauen wird im orthodoxen Verständnis keine gleichberechtigte gesellschaftliche Rolle beigemessen. Sie haben ihre Aufgaben im Haus, in der Familie und in der Kindererziehung zu erfüllen. Der Besuch und die Gestaltung des Gottesdienstes war und ist in der Orthodoxie Männersache. Nur zehn religionsmündige Männer zählen als Minjan, der Mindestzahl von Anwesenden für einen Gottesdienst. Anders als die Frauen sollen Männer die hebräische Sprache beherrschen, sie allein hatten das Recht, aus der Tora zu lesen, Rabbiner oder Kantor zu werden.

 

Seit der Aufklärung und dem Entstehen des liberalen Judentums sind diese religiösen Vorrechte der Männer und familiären Rollenzuweisungen für Frauen nicht mehr unumstritten. 1930 stellte die Berlinerin Regina Jonas in ihrer Examensarbeit die These auf, dass keine Vorschrift der Bibel oder der Tradition die Übernahme des Rabbineramtes durch Frauen verbietet. Fünf Jahre später und neun Jahre vor ihrem Tod in Auschwitz wurde sie die erste Rabbinerin im Judentum, heute gibt es in den liberalen und konservativen Gemeinden rund 200 Frauen im Rabbineramt, davon 40 in Europa.

 

In ihren Gemeinden dürfen Frauen auch zur Toralesung aufgerufen werden. Und dazu müssen sie nicht von der Empore steigen oder aus dem Nebenraum kommen. Diese Vorstellungen von Geschlechtergleichheit im religiösen Ritus sind an der ultraorthodox dominierten «Klagemauer» derzeit unrealisierbar. Und daran wird sich dort sobald nichts ändern.

von Lukas Andel

«Jüdische Zeitung», Mai 2010