Pionierin der Kriegsfotografie

Das Werk Gerda Taros erhält eine späte Würdigung

 

Revolutionäre Milizionärin beim Training am Strand, in der Nähe von Barcelona, August 1936. Gelatinesilberabzug. Foto: Gerda Taro/Internatioonal Center of Photography

Als Fotoreporterin im Spanischen Bürgerkrieg schrieb sie Geschichte. Gerda Taro starb am 26. Juli 1937 an den Folgen einer Verletzung, die sie bei Rückzugsgefechten der Republikanischen Armee in der Schlacht von Brunete erlitten hatte. Taros Beisetzung in Paris wurde zur politischen Demonstration gegen den Faschismus, ihr Tod machte die gerade 27-Jährige unsterblich, als Märtyrerin und «Jeanne d´Arc der Volksfront». Das fotografische Werk Gerda Taros stand jedoch lange Jahre im Schatten ihres Kollegen und Lebensgefährten Robert Capa, dem späteren Mitbegründer der Fotoagentur Magnum. Die Entdeckung tausender bislang unveröffentlichter Negative von Capa, Taro und David Seymour aus der Zeit des Spanischen Bürgerkrieges entreißen Taros Lebenswerk nun dem Vergessen. Zum 100. Geburtstag der Fotografin hat das International Center of Photography New York zusammen mit der Taro-Biografin Irme Schaber eine 85 Exponate umfassende Retrospektive zusammengestellt. Die Ausstellung ist noch bis zum 16. Mai im Kunstmuseum Stuttgart zu sehen. In Kürze wird eine bearbeitete Neuauflage der von Schaber und dem Capa-Biografen Richard Whelan 2007 im Steidl-Verlag herausgegebenen englischsprachigen Monographie des fotografischen Werkes Gerda Taros erscheinen.

 

1910 als Gerta Pohorylles in Stuttgart geboren, wuchs Taro in einer Zeit auf, die von Weltkrieg, Revolution und einem stetig anwachsenden Antisemitismus geprägt war. Dank finanzieller Unterstützung durch eine Tante erhielt die Tochter eines aus Ostgalizien eingewanderten jüdischen Kaufmannes eine moderne Erziehung. Die Familie ging 1929 nach Leipzig, dort fand Taro Kontakt zur politischen Linken. Sie beteiligte sich an Flugblattaktionen gegen die Nationalsozialisten, wurde im März 1933 kurzzeitig verhaftet und ging anschließend ins Exil nach Paris. Dort lernte sie den ebenfalls vor den Nazis geflohenen André Friedmann kennen. In Paris gründeten sie gemeinsam eine Bildagentur. Aus Pohoryl und Friedmann wurden Gerda Taro und Robert Capa, aus einer privaten Beziehung das Fotografenteam Taro-Capa.

 

Im August 1936 gingen Capa und Taro nach Spanien, um als Fotoreporter über den Kampf der Republikaner gegen Francos Faschisten zu berichten. Die ersten Aufnahmen Taros in Barcelona zeigen die Bewohner der katalanischen Hauptstadt in der Milizuniform, dem «Mono Azul», Frauen beim Waffentraining oder spielende Kinder in Milizkleidung. Anfang September 1936 begeben sich Taro und Capa an die Front im Süden. Dort schießt Capa sein berühmtestes Foto: «Der fallende Milizionär» wurde zur Ikone der Kriegsfotografie. In der Folge setzte sich auch das Autorenprinzip in der journalistischen Fotografie durch - waren bislang nur Texte vom Urheber gezeichnet, galt dies fortan auch für Fotos.

 

Der Bürgerkrieg in Spanien wurde zum ersten wirklichen Medienkrieg der Geschichte. Beide Seiten nutzten von Beginn an die parteinahe Presse sowie Kontakte zu internationalen Illustriertenmagazinen, um der Weltöffentlichkeit ihre Version des «gerechten Krieges» zu präsentieren. Gezielt brachten die Kriegsfotografen das dokumentarische Foto als publizistische Waffe zum Einsatz. Die Nähe zum kämpfenden Soldaten wurde als parteiische Anteilnahme verstanden, und so nahmen Taro und Capa am Geschehen in vorderster Front teil. Es war die Geburtsstunde der sogenannten «Combat-Fotografie». Robert Capas «Wenn dein Bild nicht gut genug ist, warst du nicht nahe genug dran» wurde zum Maßstab für alle folgenden Generationen von Kriegsberichterstattern.

 

Gerda Taro war nahe genug dran. In ein Schützenloch gekauert, fotografierte sie am 25. Juli 1937 die Flugzeuge der deutschen Legion Condor, wie diese die republikanischen Truppen an der Brunete-Front bombardierten. Gerda Taro gelangen atemberaubende Bilder - die kurz zuvor begonnene Serie über die Schlacht um Brunete war bereits weltweit publiziert worden.

 

Stunden später wurde «la pequeña rubita» - der kleine Blondschopf, wie sie ihre spanischen Kameraden liebevoll nannten, versehentlich von einem republikanischen Panzer überrollt und erlag am darauffolgenden Tag in einem Hospital in der Nähe von Madrid ihren Verletzungen. Zehntausende gaben Gerda Taro das letzte Geleit, als sie am 1. August 1937 auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris beigesetzt wurde. Ihre Ruhestätte, mit dem von Alberto Giacometti gestalteten Grabmal, wurde zu einem Wallfahrtsort für die sozialistische Bewegung und zum Symbol für den Kampf gegen den Faschismus.

 

von Michael Berger

«Jüdische Zeitung», Mai 2010