OCD: Eine jüdische Krankheit?

Psychotherapeuten in den USA untersuchen den Zusammenhang zwischen Religionsausübung und Zwangsstörung bei Orthodoxen

 

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Ein jüdisch-orthodoxer Mann fragt sich, ob er seine Gebetsriemen (Tefillin) richtig angelegt hat. Er beginnt mit dem Handteil (Tefillin Schel Jad), das er 18 Mal hintereinander um seinen Arm wickelt. Danach wendet er sich dem Kopfteil (Tefillin Schel Rosch) zu. Immer wieder kontrolliert und richtet er das Kopfteil, um sich ganz sicher zu sein, dass es exakt in der Mitte zwischen seinen Augen sitzt. Auch ein Lineal nimmt er zu Hilfe, um den Abstand zwischen seinen Augen genau auszumessen. Seine größte Sorge besteht darin, dass er beim Anlegen der Gebetsriemen etwas falsch macht und sich dadurch Gottes Zorn zuzieht. Also wiederholt er die Handgriffe immer und immer wieder. Das nimmt so viel Zeit in Anspruch, dass der junge Mann schließlich den öffentlichen Gottesdienst (Tefilah Be-Tzibur) verpasst.

 

Ist das noch ein «normales» Verhalten einer religiösen Person oder schon ein Hinweis auf eine Zwangsstörung? Mit diesen und anderen Fragen beschäftigten sich im Februar dieses Jahres die Teilnehmer einer dreitägigen Konferenz von Psychotherapeuten im SUNY Downstate Medical Center in New York. Die Konferenz richtete sich insbesondere an jüdisch-orthodoxe Verhaltenstherapeuten, die mit religiösen Patientenarbeiten, die an einer Zwangsstörung (Obsessive Compulsive Disorder, OCD) leiden. Die US-amerikanische OCD-Stiftung veranstaltet jedes Jahr drei große Tagungen, doch da jüdisch-orthodoxe Therapeuten an den Samstagsveranstaltungen nicht teilnehmen können, wurde nun zum ersten Mal eine zusätzliche Tagung organisiert. Der Plan ging auf, und so waren unter den 30 teilnehmenden Therapeuten schließlich mindestens 20 orthodoxe Juden.

 

Was sind eigentlich Zwangsstörungen? Darunter versteht man psychische Störungen, die sich in Form von Zwangsgedanken und/oder Zwangshandlungen äußern. Häufige Themen bei Zwangsgedanken sind Ängste vor Schmutz, vor Kontrollverlust, vor Gewalt und Aggression sowie religiöse Ängste. Zu den Zwangshandlungen gehören unter anderem der Reinlichkeitszwang (wie das wiederholte Händewaschen), Kontrollzwang (wie das Kontrollieren von Türen), Ordnungszwang, Berührzwang, Zählzwang und verbaler Zwang (stetiges Wiederholen bestimmt Sätze). Die Zwangsstörung beeinträchtigt das alltägliche Leben des Betroffenen stark, was unter Umständen dazu führen kann, dass er sich völlig zurückzieht. Oft leiden Menschen mit zwanghaftem Verhalten auch an schweren Depressionen. Die Entstehung von Zwangsstörungen ist noch nicht endgültig erforscht. Vermutlich sind sie Folge von erblicher Veranlagung und akuter psychischer Überforderung.

 

Psychische Erkrankungen tabuisiert

 

Die religiösen Zwänge, auch Skrupulosität (Übergewissenhaftigkeit) genannt, stellen eine Sonderform der OCD dar. Dabei dreht sich das zwanghafte Verhalten des Betroffenen im Wesentlichen um die Religion oder um moralische Ängste. Er hat große Angst davor, Gott zu beleidigen oder gegen moralische Grundregeln bzw. Rituale zu verstoßen, die von der Religion vorgegeben sind. Die Themen Sünde und göttliche Strafe sind allgegenwärtig. Vor allem in den USA gibt es zahlreiche Studien zu religiösen Zwängen. Die überwiegende Mehrheit der Forscher ist sich darin einig, dass die Ausübung einer bestimmten Religion zwar keine Zwangsstörung auslöst, aber dass die Praktizierung der Religion einen wichtigen Einfluss darauf hat, wie sich die OCD bei einem Betroffenen auswirkt. Das erscheint umso einleuchtender, wenn man bedenkt, dass die Zwangsstörung in den meisten Fällen den wichtigsten Lebensbereich des Patienten betrifft. Für ultraorthodoxe Juden ist das ohne Zweifel der religiöse Bereich.

 

Verstärkt das Anlegen der Gebetsriemen Zwangsstörungen? Englischsprachige Anleitung zum richtigen Tefillin-Binden. Foto: Hasofer.com

 

Auf der Konferenz in New York befassten sich die Redner mit den verschiedenen Erscheinungsformen von OCD und mit therapeutischen Behandlungsmöglichkeiten. Dabei bildeten die religiösen Zwangsstörungen einen besonderen Schwerpunkt. Steven Friedman, Professor für Klinische Psychiatrie in New York, stellte in seinem Vortrag nicht nur verschiedene Verhaltensweisen und Behandlungsansätze dar, sondern wies auch darauf hin, dass viele ultraorthodoxe Juden eine Behandlung gar nicht erst in Betracht zögen.

 

In der ultraorthodoxen jüdischen Gemeinschaft sind psychische Erkrankungen mehr oder weniger tabuisiert, die Betroffenen haben Angst vor einer Stigmatisierung. Da diese Gruppe in den USA so überschaubar ist und jeder jeden kennt, macht das die Hemmschwelle umso größer. Die Betroffenen hätten große Angst davor, dass es sich rasch herumspräche, sobald sie sich in psychologische Behandlung begeben, und fürchten negative Konsequenzen. Doch das ist nicht das einzige Problem. Die ultraorthodoxe Gemeinschaft ist so etwas wie eine «geschlossene Gesellschaft», die nur begrenzten Kontakt zu ihrer säkularen Umgebung pflegt, um dadurch ihre Traditionen vor äußeren Einflüssen zu schützen. Viele ultraorthodoxe Juden misstrauen der Außenwelt, insbesondere der Psychologie. Anstatt mit psychischen Problemen zu einem Therapeuten zu gehen, wenden sie sich lieber an den Rabbiner. Doch inzwischen gibt es erste Anzeichen dafür, dass sich diese Gemeinschaft, zumindest in den USA, nicht mehr völlig den verhaltenstherapeutischen Ansätzen verschließt.

 

Zwangsgedanken um Reinheit und Kontrolle

 

Die Behandlung von ultraorthodoxen Patienten ist für jeden Therapeuten eine besondere Herausforderung und verlangt ihm nicht nur ein großes Einfühlungsvermögen ab, sondern auch ein gewisses Hintergrundwissen über die jüdische Religion. Nur so kann er einschätzen, was Teil eines religiösen Rituals ist und welche Verhaltensweisen weit darüber hinausgehen und somit auf eine Zwangsstörung hindeuten. Bei ultraorthodoxen Betroffenen drehen sich Zwangsgedanken vor allem um Reinheit im Hinblick auf die Speisegesetze, um die Reinheit der Familie und um das richtige Beten und Studieren. Typisch sind zudem Waschzwänge, Kontrollzwänge, stetiges Konsultieren des Rabbiners und das wiederholte Überprüfen von Blutrückständen am Fleisch.

 

Zu den bewährtesten Behandlungsmethoden bei Zwangsstörungen zählt die Technik der «Exposition und Reaktionsverhinderung», die der Kognitiven Verhaltenstherapie zuzuordnen ist. Die Patienten werden wiederholt Situationen oder Gegenständen ausgesetzt, die ihnen Angst machen und bei ihnen bestimmte zwanghafte Verhaltensweisen auslösen, doch sollen diese nun unterlassen werden. Die Patienten sollen lernen, ihre Angst anzunehmen und sie sollen merken, dass diese Angst nachlässt, wenn bestimmte zwanghafte Rituale nicht ausgeführt werden. Nach und nach können auf diese Weise Ängste abgebaut werden. Bei ultraorthodoxen Patienten gilt es dabei aber stets, den religiösen Rahmen im Auge zu behalten. Oft ist es auch ratsam, mit dem Rabbiner des Patienten zusammenzuarbeiten, zum Beispiel, wenn es darum geht, welche Behandlungsmethode angewandet werden soll und ob diese mit den religiösen Gesetzen vereinbar ist. Denn im Zweifelsfall ist es der Rabbiner, der für einen orthodoxen Juden - ob mit oder ohne Zwangsstörung - die höchste Autorität darstellt, und nicht der Therapeut.

 von Stefanie Neumeister

 

«Jüdische Zeitung», Mai 2010