Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Nichts dem Zufall überlassenDie Suche nach der Liebe in den Zeiten des Internets ähnelt der Spielsucht. Noch dazu, wenn man es nach dem Prinzip "Jews only" auf einen jüdischen Partner abgesehen hat
Live-Talk mit Prince_on_a_white_horse, 16.09 Uhr: Der Prinz auf dem weißen Pferd fährt mit einem blauen Opel Vectra vor. Er ist extra aus Münster gekommen, um mir zu erklären, warum er seine zukünftige Ehepartnerin am liebsten im Internet kennenlernen möchte. Wir begrüßen uns, dann setzt er sich mir gegenüber und blinzelt in die Sonne. Weil es ihm ein wenig peinlich ist, «dass ich auf normalem Wege keine Frau finde», wie er verlegen lächelnd sagt, werden wir ihn bei seinem Internet-Pseudonym nennen: Prince_on_a_white_horse.
«Fisch sucht Fahrrad»-Annoncen waren gestern: heute wird Amor mit virtuellen Steckbriefen und Live-Kamera-Chats nachgeholfen. Schon mehr als 50 Prozent der deutschen Singles suchen ihr privates Glück über Internet-Partnerbörsen - Schüler, Anwälte, Arbeitslose, Rentner. Der Haken an der Sache ist das Überangebot. Die großen Anbieter versammeln so viele Mitglieder, so dass sie immer unübersichtlicher werden.
Einige Portale begegnen den Schwierigkeiten, in dem sie eine detaillierte Filterung aller Profile anbieten: Am Ende wird dann beispielsweise eine Liste aller registrierten 32-jährigen Free-Jazzer aus Mainz mit asiatischen Kochkenntnissen ausgespuckt. Andere setzen auf teure Exklusivität und bewerben den hohen Besserverdieneranteil unter ihren Usern bei gleichzeitiger Übersichtlichkeit des Profilangebots.
Die Beschränkung auf User mit einer bestimmten Religionszugehörigkeit, auch ein mögliches Differenzierungsmerkmal für Kontaktbörsen, setzt sich allerdings nur zögerlich durch. Und das, obwohl sogar ein orthodoxer Rabbiner als Erfinder des «Speed Dating» gilt: Jaakov Deyo erfand den effizienten Partnerscan, der sich in Großstädten fast ebenso großer Beliebtheit erfreut wie der Online-Flirt, im Jahr 1998. Der Rabbi wollte jungen Singles in seiner Gemeinde eine Plattform zum gegenseitigen Beschnuppern bieten. Allerdings scheint der Trend zur religionsspezifischen Partnersuche nicht weit über die Grenzen seiner Heimat hinausgekommen zu sein: Während in den USA viele jüdische Singles auf spezialisierten Dating-Websites angemeldet sind, interessieren sich im deutschsprachigen Raum nur wenige Juden für koschere Kuppelportale. Dennoch lohnt es sich, die Beweggründe von Usern von Jewish-dating.de, Frumster.com und Co. genauer zu betrachten. Live-Talk mit Prince_on_a_white_horse, 16.47 Uhr: Als ich Prince_on_a_white_horse frage, weshalb er das Glaubensbekenntnis seiner Liebsten für besonders wichtig hält, schaut er mich stirnrunzelnd an. «Natürlich passt eine Jüdin am besten zu mir. Ihr muss ich nichts erklären, was meine Feste und Gebete angeht. Bei ihr muss ich nicht die Frage stellen, auf welcher Seite des Gewehrlaufs ihre Verwandten im Zweiten Weltkrieg standen. Und außerdem...», Prince_on_a_white_horse setzt sich aufrecht hin, «...meine Eltern wünschen sich, dass das jüdische Volk auch durch unsere Familie weiter besteht. Wir werden sonst noch, hm, so was wie eine aussterbende Art, oder?»
Auch Partnervermittlungen, die nicht auf eine credo-definierte Zielgruppe festgelegt sind, schmücken sich gern mit jener Aura von Seriosität, die ein religiöser Bezug auf der Startseite ihrer Meinung nach verleiht. Eine «christliche Partnervermittlung» wird dann zum Beispiel versprochen, direkt neben dem Lockruf «60 % Akademiker!» und einem Hinweis auf den schnöden Mammon: «Nur 129 Euro für den Premium-Account». Der Hinweis auf die ethischen Grundlagen von Betreibern und Usern soll in diesem Fall glaubhaft machen, dass die Portal-Inhaber ihre Zielgruppe sorgfältig bestimmen und wissen, was sie tun. Wer abendmahlerfahrene Doktoren vermittelt, kann kein schlechter Anbieter sein, so die Werbebotschaft.
Bei explizit «jüdischen» Dating-Portalen liegt der Fall ein wenig anders. Hier geht es den Betreibern nicht darum, moralische Einwandfreiheit mit einer wie auch immer gearteten religiösen Orientierung gleichzusetzen. Stattdessen wird in erster Linie um fortpflanzungsbereite Ethnozentriker gebuhlt - wer kein Jude ist, fliegt raus. Einige Profile lesen sich sogar derart nüchtern bestimmt, dass sie an eine Katalogseite aus dem Samenspenderverzeichnis erinnern: «Du solltest bereits in deiner Familie eine glückliche Ehe von deinen Eltern vorgelebt bekommen haben» oder «Kinder in den nächsten 18 Monaten erwünscht», wird dem flirtbereiten Besucher unter anderem auf Jewish-dating.de mitgeteilt. Erst zweitrangig: die persönlichen Interessen, Lieblingsbücher, weitere Lebensziele.
Vor der Anmeldung bei einer religionsspezifischen Partnervermittlung sollte sich der User darum sehr genau fragen, ob er seine Suche wirklich schon durch die Wahl einer Datingvermittlung auf eine glaubensbezogene Festlegung beschränken muss, um glücklich zu werden - und ob die offensive Reproduktionsbereitschaft einiger Profilinhaber tatsächlich mit den eigenen Prioritäten in Sachen Partnerwahl übereinstimmen.
Es bieten sich nämlich durchaus Alternativen: Portale ohne religiöse Einschränkung der Zielgruppe. Allein beim Marktführer Friendscout24.de sind allein im deutschsprachigen Raum über 10 Millionen Mitglieder registriert, darunter selbstverständlich auch Juden. Die Nutzerprofile präsentieren sich hier besonders persönlichkeitsorientiert. Säkulare Eigenschaften stehen hier im Vordergrund; und Hochzeits-Deadlines als erster Punkt der Selbstauskunft sind äußerst selten.
Live-Talk mit Prince_on_a_white_horse, 17.03Uhr: «Jetzt mal beiseite, ob Jüdin oder Nichtjüdin - es passt einfach so selten. In Münster habe ich noch niemanden getroffen, mit dem ich mir etwas vorstellen könnte. Ich meine - wann lernt man schon mal zufällig jemanden kennen, der so denkt wie man selbst?»
Dating-Portale sind vor allem für diejenigen eine große Hilfe, denen es im sozialen Umfeld an potenziell geeigneten Gegenstücken fehlt. Während Millionenstädte auf einen Singleanteil von knapp 50 Prozent kommen, sieht es in ländlichen Gegenden ganz anders aus. Wer im tiefsten Mecklenburg-Vorpommern ein nettes orthodoxes Mädchen kennenlernen möchte oder im Oberbayrischen nach jüdischen Seelenverwandten sucht, hat kaum eine Chance, im Alltag einen passenden Partner zu treffen. Jedes Wochenende die nächstgelegenen Städte mit der höchsten Synagogendichte anzufahren und auf eine schicksalhafte Begegnung zu hoffen, erweist sich ebenfalls als höchst ineffizient. Jüdische Dating-Websites können hier durchaus hilfreich sein; allerdings ist die Mitgliederdichte innerhalb Deutschlands auf solchen Portalen bisher sehr gering.
Permanenter Drang nach dem hypothetischen Mehr
Bei Jewish-dating.de, auf deutschsprachige Juden spezialisiert, finden sich nur knapp über 300 Mitglieder. Dass eines davon in der direkten Nachbarschaft beheimatet ist und sich zudem noch als Partner fürs Leben herausstellt, ist eher unwahrscheinlich. Oberbayrische Verhältnisse sozusagen. Vielversprechender scheinen da die internationalen Angebote: Die Seite Jdate.com kommt nach eigenen Angaben auf rund 500.000 Mitglieder - allerdings leben über 80 Prozent der Nutzer in den USA. Wenn ein Umzug in die Staaten nicht in Frage kommt, findet man einen jüdischen Partner wohl eher über die gewöhnlichen Vermittlungsseiten als über solche, die nur auf Juden spezialisiert sind.
Live-Talk mit Prince_on_a_white_horse, 17.32Uhr: «Das Problem ist doch: ich weiß nicht, mit welcher Frau es wirklich klappen wird. Jeden Tag melden sich Hunderte von neuen Singles an.» Auf die Frage, wie viele Netzbekanntschaften er bisher getroffen hat, schweigt Prince_on_a_white_horse lang. «Ach, das zähle ich doch nicht. Viele jedenfalls. Wenn man erstmal angemeldet ist, verabredet man sich mit so vielen Chatpartnern, wie es nur geht. Aber irgendwie bin ich trotzdem immer noch alleine.»
Um nicht jahrelang die ewig gleichen Vorstellungsgespräche in einer Endlosschleife erster Dates zu erleben, sollte der Portalnutzer vor allem eins tun: Vor der Anmeldung die eigenen Wünsche an einen Beziehungspartner formulieren. Und gezielt nach Mitgliedern suchen, die vergleichbare Ideen von Glück haben. Eine ähnliche Glaubensprägung ist dabei sicherlich keine schlechtere Priorität als die Suche nach der großen Liebe anhand des Wohnorts oder Musikgeschmacks.
Live-Talk mit Prince_on_a_white_horse, 17.59Uhr: «Ich denke, was mich am meisten enttäuscht hat bisher... das war die Durchschnittlichkeit. Man liest ein aufregendes Profil, man möchte glauben, was man liest - und wenn man sich dann trifft, steht doch nur jemand Stinknormales vor mir. Naja», er grinst, «und dasselbe denken die dann auch von mir, glaube ich.»
In die Dating-Falle tappt nicht nur der, der sich auf der ewigen Hetzjagd nach dem perfekten ersten Treffen verzettelt; häufig scheitert die Suche schon früher. Viele scheuen bereits die virtuelle Kontaktaufnahme per E-Message, weil sie sich an dem online einsehbaren Persönlichkeitsprofil des anderen stoßen. Jeder User scannt während seiner Online-Suche Hunderte Profile, und viele tun das mit dem erbarmungslosen Blick eines McKinsey-Personalchefs. Welche Formfehler sehe ich schon beim ersten Hinschauen? Was versucht er zu beschönigen? Ist das Foto auf ihrer Profilseite noch aktuell? Er gibt Modellfliegerbau als liebste Freizeitbeschäftigung an - ist er ein infantiler Eigenbrötler?
Hemmungslos geschönt und gelogen
Je mehr in den Internetauftritt des potenziellen Partners hineinprojiziert wird, desto mehr Gründe für Kritteleien finden sich. Einerseits preisen sich dem Nutzer Zigtausende von Singles an, die altersmäßig in Frage kämen - andererseits ist an wirklich jedem etwas auszusetzen, wenn man nur lang genug sucht. Die Jagd nach dem optimalen Profil produziert aber vor allem eins: unehrliche Selbstauskünfte der Mitglieder. Fast jeder Online-Flirter stellt ausschließlich seine vermeintlichen Sonnenseiten in Aussicht und verschweigt wie selbstverständlich alles Abschreckende. Genau dasselbe macht der jeweilige Chatpartner, und schon bald fühlen sich darum beide Seiten betrogen.
Gleichzeitig hadern viele User mit der eigenen Imperfektion, wenn sie innerhalb der Nutzergemeinde ebenso wenig Rückmeldung erhalten, wie sie geben. Die Gedankenspirale bei geringen Besucherzahlen auf der eigenen Site ist vergleichbar mit der, die nach einem realen Korb einsetzt: Wenn ich mich doch schon mit meinem bestretuschierten Urlaubsfoto vorstelle und trotzdem keine Antworten auf mein virtuelles Anflirten bekomme - was bin ich dann überhaupt wert? Sind meine Hobbys wirklich so merkwürdig, dass mich jeder meiner bisherigen Chatpartner feixend darauf anspricht?
Um das zu umgehen, sollte man sich vor der Nutzung von Dating-Portalen - ob jüdisch oder nichtjüdisch - eines klarmachen: Nicht nur in sozialen Netzwerken wie Xing und Facebook wird hemmungslos geschönt und gelogen, sondern auch und vor allem in virtuellen Partnerbörsen. Vergisst man das, wird auch ein wochenlanger Date-Marathon nicht von Erfolg gekrönt sein. Eine Partnerbörse erspart die Anfangsschwierigkeit, dem Gegenüber zu entlocken, ob er oder sie überhaupt offen für eine Beziehung ist. Was Online-Portale allerdings keinem ersparen, sind Begegnungen mit Menschen, die Fehler haben.
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