Noas Alija-Tagebuch. Siebenter Teil

Geschärfte Briefträger

 

Während das Hadassah-Krankenhaus in Jerusalem meine Arbeitskraft bereits seit mehr als drei Monaten gebraucht hätte, fehlte immer noch die Diplomanerkennung durch das Erziehungsministerium. Ohne dieses letzte Dokument gab es keine Chance für einen Start ins «richtige» Arbeitsleben. Und als es endlich hieß «Das ersehnte Dokument ist auf dem Weg zu ihnen, per Einschreibebrief», bekam ich den nächsten kleinen Schock.

 

Die Post - ein Thema, was mich schon mehrfach beschäftigt und geärgert hat. Von der israelischen Post bin ich, wenn es sich um größere Zustellungen als einen Brief oder eine Ansichtskarte handelt, nur Unzuverlässigkeiten gewohnt. Ein Brief aus Tel Aviv von der Deutschen Botschaft ging wieder zurück zum Absender, mit dem Vermerk «Empfänger unbekannt» und es wurde vorwurfsvoll nachgefragt, ob ich nicht meinen Umzug angeben könne.

 

Ein Paket aus Deutschland kam nach mehr als drei Monaten an, wurde bei der Post hinterlegt und ich fand eine Mitteilung im Briefkasten. Voller Freude erschien ich am nächsten Morgen bei meiner Postfiliale, um das Päckchen abzuholen, um zuhören «Das Paket ist wieder auf dem Weg zurück. Es wird nur 14 Tage aufbewahrt. Dies war schon ihre zweite Mitteilung.» Eine erste hatte ich nie bekommen.

 

Und nun der Einschreibebrief. Auch nach fünf Tagen war er noch nicht in meinen Händen und aus Angst, er könnte ebenfalls ans Ministerium zurückgeschickt werden, was meinen Arbeitsbeginn erneut verzögert hätte, lief ich jeden Tag zur Postfiliale. All das kostet Kraft und Energie und meine Reserven waren nach den ersten Monaten seit der Einwanderung ausgeschöpft.

 

Inzwischen hatte ich sogar die Beschwerdestelle der israelischen Post im Internet gefunden. Ich schilderte dort - ohne zu erwarten, dass überhaupt eine Antwort zurückkommen würde - die bisherigen ärgerlichen Vorkommnisse.

 

Konvertiert: Noa.

Eine Woche später rief mich der Verantwortliche an und fragte nach, warum ich mich beschwert hätte. Schließlich hätte er mit allen drei Briefträgern, die die Post zustellen, Kontakt aufgenommen und erfahren, dass meine Beschwerden aus der Luft gegriffen seien. Man kennt mich und habe alles jederzeit zugestellt.

 

Nun - sicherlich hätte ich mir nicht ohne Grund soviel Mühe gemacht und ich empfahl dem netten Herrn, die Botschaft in Tel Aviv zu befragen, mit welchen Angaben die Post zurückgeschickt wurde.

 

Alles in allem war ich dennoch zufrieden mit dem Ergebnis. Erstens, weil sich überhaupt jemand der Sache angenommen hatte, und zweitens, weil nun vielleicht zu hoffen ist, dass die Aufmerksamkeit der Briefträger geschärft wurde.

 

Als ich endlich das Dokument in den Händen hielt, und zum Hadassah-Krankenhaus fuhr, hieß es: «In den Pessachfeiertagen können Sie Ihre Arbeit nicht aufnehmen, kommen Sie in einer Woche wieder.»

 

«Nicht aufregen!» dachte ich, denn nun kam es auf ein paar Tage auch nicht mehr an.

 

Aber dann war es doch endlich soweit. Mein erster Arbeitstag in der Abteilung für «Familiäre Dysautonomie»! Wieviel zeitlicher und behördlicher Aufwand für lediglich eine Viertelstelle, zehn Stunden pro Woche! Aber mit diesen Papieren bin ich autorisiert, im ganzen Land als registrierte Sozialarbeiterin zu arbeiten. Das Bangen, der Stress und alle Aufregung haben sich letzten Endes also doch gelohnt.

 

Mit der Arbeitsaufnahme begann ein ganz neuer, spannender Abschnitt meiner Integration. Die Arbeit im Krankenhaus verlangt sowohl inhaltlich als auch sprachlich einiges ab. Eine anspruchsvolle neue Herausforderung.

 

Mein derzeit größtes Problem ist das Entziffern von Handschriften anderer Kollegen! Da Israel aber ein Land ist, was zum großen Teil aus Einwanderern aus allen Ländern besteht, geht man im Hadassah mit uns «Neuen» nachsichtig und sehr geduldig um. (Ganz im Gegensatz zu den Behörden!). Der aus Bulgarien eingewanderte Arzt unseres Teams munterte mich mit einem Lächeln auf: «So habe ich auch angefangen. Und das Lesen von Handschriften ist nun wirklich - selbst in der Muttersprache - eine manchmal unlösbare Aufgabe! Du schaffst das schon.»

 

Nach meiner Arbeitsaufnahme fiel dann auch wie auf Bestellung jeglicher Druck von mir ab, ich konnte aufatmen und ruhiger werden, mein «deutsches Renntempo» langsam ablegen, die Natur wieder bewusster wahrnehmen, die mir zurzeit sehr viel Kraft und Ruhe gibt, und mich wieder mehr um mein spirituelles und geistliches Wohl kümmern.

 

Das enorme Gemeinschaftsgefühl, was sich besonders am «Jom ha-Schoa» (Schoa-Gedenktag), dem Gedenktag für die gefallenen Soldaten und am Unabhängigkeitstag einstellt, lässt mich fühlen, dass ich den richtigen Ort für mein zukünftiges Leben gewählt habe. «Wir sind ALLE Israelis», so heißt das Motto zum «Independence Day» und schließt auch die Neueinwanderer nicht aus. So gibt es die Hoffnung, dass eine Integration erwünscht ist und gelingen kann, auch wenn die Trennung von den Kindern immer ein Wermutstropfen bleiben wird.

 

«Jüdische Zeitung», Mai 2010