Mai 2010

von Julia Wolbergs

 

12. Mai 1946

Daniel Libeskind

Daniel Libeskind.

Eine Hochzeitsreise sollte, so wünschen es sich viele Ehepaare heute, bestenfalls nach Bali oder auf die Seychellen führen. Daniel Libeskind hingegen gestaltete seine Hochzeitsreise anders. Nach der Eheschließung mit Nina Lewis Ende der 1960er Jahre fuhren die beiden als Stipendiaten der privaten New Yorker Kunsthochschule Cooper Union durch die USA, um Gebäude des Architekten Frank Lloyd Wright zu besichtigen. Kennengelernt hatten sie sich unter ebenso außergewöhnlichen Bedingungen - in Camp Hemshekh, einem jüdischen Sommerlager, 1959 gegründet von Schoa-Überlebenden des Jüdischen Arbeiterbundes (Bund). Wie viele der aus Russland und Polen stammenden Organisatoren des «Bunds» kam auch Libeskinds Familie aus Europa. Libeskind wurde ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges im polnischen Lodz geboren. Seine Familie siedelte in den 1950er Jahren zunächst nach Israel um, bevor sie 1960 in die USA weiteremigrierte. Diese Entscheidung entsprach auch den Idealen des Jüdischen Arbeiterbundes, der den Zionismus ablehnte und eher darauf bedacht war, den Juden dort eine Heimat geben zu wollen, wo sie gerade lebten. Libeskinds Karriere in den USA stand von Beginn an unter einem guten Stern. Er erhielt ein Stipendium der amerikanisch-israelischen Kulturstiftung. Nicht, weil er bereits mit 14 Jahren Skizzen großartiger Gebäude anfertigte, sondern, weil er ein begabter Akkordeonspieler war. Bereits als Siebenjähriger war Libeskind mit seinem Instrument - damals noch im polnischen Fernsehen - aufgetreten. Berühmt wurde Libeskind schließlich jedoch als Architekt. Er war zunächst Theoretiker und Professor. So kam es, dass er sein Erstlingswerk, das Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück, erst im Alter von 52 Jahren fertigstellen konnte. Grund für die späte Reputation war die vorangegangene Kritik, seine Ideen seien «nicht baubar». Nachdem ihn die Gestaltung des Jüdischen Museums in Berlin, das im Jahr 2001eröffnet wurde, international bekannt gemacht hat, dürfte ihn der Sieg in der Ausschreibung des Neubaus des 2001 zerstörten World Trade Centers in New York unvergessen machen. Dennoch hält die Kritik an Libeskinds Stil an. Ihm wird vorgeworfen, seine Projekte zu überfrachten und mit unverständlicher Symbolik aufzuladen. Beispielsweise müsste den Besuchern des Jüdischen Museums erläutert werden, was es mit dem Turm des Holocausts auf sich hat. Ebenso knüpft die Kritik, wonach sein ambitionierter Anspruch und die gebaute Realität nie zu einer Deckung kämen, an das Urteil «unbaubar» an. Nichtsdestotrotz erhält Libeskind regelmäßig renommierte Auszeichnungen für seine Arbeiten. Im März dieses Jahres verlieh ihm der Koordinierungsrat der 83 Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Deutschland die Buber-Rosenzweig-Medaille. Begründet wurde die Ehrung damit, dass es Libeskind immer gelänge, durch die inspirierende Räumlichkeit seiner Arbeiten einen Dialog zwischen Architektur und Geschichte der Juden herzustellen, dem man sich nicht entziehen könne. Doch Libeskind ist als Architekt auch pragmatisch. Neben schwer tragenden Kriegsmuseen, jüdischen Museen und Gedenkstätten gehört die Westside im Schweizer Bern zu seinen Projekten - ein Einkaufszentrum.

 

15. Mai 1937

Madeleine Albright

Madleine Albright.

Unter dem Namen Madeleine Albright wurde sie die erste Frau an der Spitze des US-amerikanischen Außenministeriums. Das war am 23. Januar 1997. Sechzig Jahre zuvor, bei ihrer Geburt im tschechischen Prag unter dem Namen Marie Jana Korbelová, wurde die Diplomatenkarriere schon vorgezeichnet. Ihr Vater Josef Korbel war ein tschechoslowakischer Diplomat. Die Familie flieht 1939 vor dem Einmarsch der Deutschen nach London, kehrte erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach Prag zurück. Den Großteil ihrer Kindheit verbrachte Marie Jana im serbischen Belgrad, wo ihr Vater für die tschechoslowakische Botschaft im Dienst stand. Nach dem kommunistischen Staatsstreich unter General Tito emigrierten die Korbels in die USA, wo Marie Jana ihren Vornamen in Madeleine änderte, wo sie später Politik-, Rechts- und Staatswissenschaften studierte, 1976 promovierte und eine Universitätslaufbahn einschlug. US-Staatsbürgerin wurde sie schon 1957. Zwei Jahre danach, im Zuge der Heirat mit dem Journalisten Joseph Patterson Albright, änderte sich auch ihr Nachname. Mit ihrer Eheschließung wird Albright auch Mitglied der Episkopalkirche, der sie auch nach ihrer Scheidung 1982 treu blieb. Dass sie jedoch nach jüdisch-orthodoxem Verständnis noch immer Jüdin ist, erfuhr sie erst 1997. Bereits seit ihrer Ernennung zur Botschafterin bei der UNO im Jahr 1993 mehrten sich die Gerüchte über Albrights jüdische Herkunft. Sie stritt dies bis dahin vehement ab. Am 4. Februar 1997 legte die «Washington Post» einen Artikel vor, worin detailliert beschrieben wird, dass Albrights jüdische Eltern konvertierten und nahezu ihre gesamte Familie während der Schoa ermordet wurde. Albright zeigte sich überrascht. Ihre Eltern, die vor Albrights Geburt zum Katholizismus konvertierten und die Tochter katholisch erzogen, hatten nie über ihre jüdische Herkunft gesprochen. Beobachter hielten Albrights Überraschung für schwer nachvollziehbar. Sie selbst habe sich schließlich um den Verbleib ihrer Angehörigen gesorgt und zeitweilig in Kontakt mit ihrer jüdischen Cousine Dagmar Simova in Prag gestanden. Die Cousine überlebte den Krieg gemeinsam mit der Familie Korbel in London und erfuhr bereits direkt nach dem Krieg, unter welchen Umständen ihre Eltern in Auschwitz ermordet wurden. Simova war es auch, auf die sich die Journalisten der «Washington Post» beriefen. Albright bestätigte den Erhalt diverser Briefe des Bürgermeisters von Letorad, der Stadt, in der ihr Vater aufgewachsen war. Den Inhalt der Briefe hielt sie für unwahr, weil er zu viele Sachfehler enthalten habe. Bis 2001 hatte Albright als Außenministerin den inoffiziellen Titel «Mächtigste Frau der Welt» inne. Als nicht in den USA Geborene wurde sie jedoch nicht in die «Nachfolgeliste des US-Präsidenten», damals Bill Clinton, für den Fall dessen vorzeitigen Ausscheidens aufgenommen. Aus dem gleichen Grund war sie zu Fragen der Kontingentierung der US-Nuklearwaffen ausgeschlossen. Nachhaltiges Vermächtnis ihrer Amtszeit blieben vor allem ihr Ja zum NATO-Kriegseinsatz im Kosovo-Krieg und ihre unnachgiebige Haltung in der Frage, ob der Irak unter Saddam Hussein im Besitz von Massenvernichtungswaffen gewesen sei.

 

13. Mai 1922

Beatrice Arthur

Beatrice Arthur.

Sieben Jahrzehnte trat die US-Amerikanerin als Schauspielerin, Komödiantin und Sängerin auf. Doch in Deutschland kennt man sie vor allem in einer Rolle: als Dorothy Zbornak in der 1985 bis 1992 produzierten Sitcom «Golden Girls». Dort spielte Arthur die burschikose, geschiedene Tochter von italienischen Einwanderern, die mit den zwei Freundinnen Blanche und Rose und später auch mit ihrer Mutter Sophia in einer Wohnung in Miami zusammenlebt. Die Serie wurde in den USA auch gern als «Miami Nice» bezeichnet, da sie jahrelang gleichzeitig mit der Polizeiserie «Miami Vice» ausgestrahlt wurde. Ihren nationalen Durchbruch hatte Arthur schon in der von 1971 bis 1979 produzierten Serie «All in the Family» mit der Rolle der Maude. Zwischen 1972 und 1978 wurde ihrem Charakter Maude in der gleichnamigen Serie sogar eine eigene Show zugedacht. In «All in the family» verkörperte Arthur eine liberale, zum vierten Mal verheiratete Frau des gehobenen Mittelstandes. Obwohl eine Sitcom, versuchte die Serie auf «CBS» ernsthafte Themen wie Drogensucht, Alkoholismus und Abtreibung im gesellschaftlichen Diskurs zu etablieren. Auch in der Reihe «Golden Girls» zeigten sich Arthur und ihre Kolleginnen sozial engagiert - in fast jeder Folge leistet eine von ihnen ehrenamtliche Arbeit. Etwas, das von der von Arthur gespielten Figur Dorothy mit Witz und Charme bedacht wurde. Engagement zeichnete auch das Privatleben der Bea Arthur aus. Sie engagierte sich für Frauen und Tierrechte, sowie für die jüdische und lesbisch-schwule Gemeinschaft in den USA. Nicht erst, als sie nach ihrem Tod am 25. April 2009 300.000 US-Dollar ihres Erbes dem Ali-Forney-Center in New York überließ, einer Organisation, die sich für obdachlose Schwule, Lesben, Transgender und Bisexuelle einsetzt, gilt sie als Ikone der schwul-lesbischen Bewegung. Für ihre künstlerischen Leistungen erfuhr Arthur noch zu Lebzeiten große Anerkennung. Ihre Rollen als Maude und Dorothy brachten ihr jeweils den US-Fernsehpreis «Emmy». Für ihre Auftritte am Broadway, wo sie seit den 1960er Jahren in der «Dreigroschenoper» und in «Fiddler on the Roof» spielte, konnte sie Erfolge feiern. Für ihren Auftritt im Musical «Mame» an der Seite ihrer besten Freundin Angela Lansbury, die in Deutschland in «Mord ist ihr Hobby» bekannt wurde, erhielt sie 1966 den Theater- und Musicalpreis «Tony Award». Schon früh träumte Arthur, die als Bernice Frankel in New York geboren wurde, von der Schauspielerei. Der zunächst erlernte Beruf einer Labortechnikerin langweilte sie, lieber schrieb sie sich im Drama-Workshop an der New School for Social Research ein. Dort lernte sie auch ihren zweiten Mann, den Broadway-Regisseur Gene Saks kennen. Aus der Ehe gingen zwei gemeinsame Söhne hervor. Ihren Nachnamen erhielt die Schauspielerin allerdings durch ihre erste Liaison mit Robert Alan Arthur, auch ein Regisseur und Fernsehproduzent.

 

18. Mai 1909

Fred Perry

Fred Perry.

Fred Perry kam aus dem Arbeitermilieu des britischen Nordwestens und er ging nie auf eine Privatschule - Umstände, die sein Leben als Tennisprofi maßgeblich beeinflussten. Im elitären Tennissport im England der 1930er Jahre war er deswegen sogar einmal von einem Turnier ausgeschlossen worden. Dass sein Vater Samuel für die linke Co-Operative-Partei im Parlament saß, wertete seinen gesellschaftlichen Stand womöglich zusätzlich ab. Auch schien die Identität des Arbeiters in der Familie Perry die jüdische Identität zu überwiegen. So trug es sich zu, dass Fred Perry direkt nach seinem ersten Sieg in Wimbledon 1934 - er gewann das Turnier noch zwei weitere Male - bemerkte, dass ein Funktionär des Tennisclubs die Flasche Champagner dem Verlierer Jack Crawford übergab. Ein weiteres Mal bekam er einen Brief des Internationalen Rasentennis-Clubs aus Großbritannien, in dem er aufgefordert wurde, den Pullover des Vereins nicht mehr zu tragen. Perry, bester britische Tennisspieler aller Zeiten, konnte nicht an sich halten und schickte dem Verein nur den Ärmel des Sweatshirts zurück. Frederick John Perry, so sein bürgerlicher Name, entschied sich schließlich, das miefige England zu verlassen und in die USA zu gehen. Dort spielte er nicht nur ohne die leidige Frage seines gesellschaftlichen Standes erfolgreich weiter, sondern wurde zudem beliebter Teil des Hollywood-Glamours der 30er und 40er Jahre. Der insgesamt viermal verheiratete Perry umwarb auch die ebenfalls in die USA emigrierte Marlene Dietrich. Sein Sport litt jedoch nicht unter seinen privaten Vergnügungen oder seinem Einsatz bei der US-Air Force im Zweiten Weltkrieg. Sein eigener Anspruch war schon immer sein bester Antrieb. Bereits als tischtennisbegeisterter Junge hatte er sich die benötigten Fertigkeiten im örtlichen Christlichen Verein Junger Männer selbst beigebracht und zu Hause stundenlang gegen den an die Wand gelehnten Küchentisch gespielt. Schon als Amateurtennisspieler hatte Perry seinen Fokus auf Ausdauer und Fitness gelegt. Um dies zu trainieren, übte er, da es an adäquaten Möglichkeiten mangelte, mit den Spielern vom Arsenal Football Club. Als erster internationaler Sportler nutze er auch die Tricks der «psychologischen Kriegsführung». In den Wimbledon-Finals von 1935 und 1936 traf er auf den deutschen und bekanntermaßen peniblen Gottfried von Cramm. Weiler wusste, dass es seinen Gegner wahnsinnig machen würde, ließ Perry das Futter aus seiner Tennishose herunterhängen. Nicht nur sportlich war Perry erfolgreich. Sein von ihm entworfenes Poloshirt, das zum ersten Mal 1952 in Wimbledon getragen wurde, war ein sofortiger Erfolg. Der auf dem Shirt angebrachte Lorbeerkranz, basierend auf einem alten Symbol für Wimbledon, konnte sich gegen Lacoste als Tennisshirt aus einem Grund durchsetzen: das Logo war gestickt und nicht aufgebügelt. In den 70er Jahren kam Perrys Poloshirt wieder in Mode, nicht zuletzt auf Grund der Skinhead-Bewegung in Großbritannien, die häufig sogar als «Freds» bezeichnet wurden. Das Poloshirt ist seitdem nicht mehr aus der Mode wegzudenken.

 

14. Mai 1984

Mark Zuckerberg

Mark Zuckerberg.

Mark Elliot Zuckerberg, 1984 in eine US-amerikanisch-jüdische Familie in New York geboren, wird in diesem Monat 26 Jahre jung. Es ist das Jahr in dem Zuckerbergs kometenhafter Aufstieg vom hochbegabten Computerfreak hin zum Multimilliardär verfilmt wird. Der aktuell in Produktion befindliche Film des US-Regisseurs David Fincher, «The Social Network», basiert auf dem Buch des Erfolgsautors Ben Mezrich mit dem vielsagenden Titel «The Accidental Billionaires: The Founding Of Facebook, A Tale of Sex, Money, Genius, and Betrayal» (Die zufälligen Milliardäre: Die Gründung Facebooks, eine Geschichte über Sex, Geld, Genies und Verrat). Doch zu freuen scheint sich Zuckerberg über die filmische Ehrung nicht, denn weder er selbst noch irgendein Facebook-Mitarbeiter sind an der Produktion beteiligt. Vielleicht, weil in «The Social Network» auch die unrühmlichen Aspekte bei der Entstehung des Vorreiters aller sozialen Netzwerke thematisiert werden könnten. Beispielsweise die 65 Millionen US-Dollar, die Facebook an die drei Harvard-Studenten Cameron Winklevoss, Tyler Winklevoss und Divya Narendra zahlen musste, weil nachgewiesen werden konnte, dass Zuckerberg Quelldateien der «HarvardConnection.com», dem Vorläufer eines sozialen Netzwerkes, an dem die vier gemeinsam gearbeitet haben, für Facebook verwendet hat. Der Fall schlug an der Bostoner Eliteuniversität so große Wellen, dass sich das inzwischen eingestellte Alumni-Magazin «02138» dazu hinreißen ließ, vertrauliche Unterlagen der Schadensersatzverhandlung zu veröffentlichen: darunter Zuckerbergs Sozialversicherungsnummer, die Adresse seiner Eltern und die seiner Freundin. Hinwegtrösten über diesen Zwischenfall könnte den Gründer, Geschäftsleiter und Präsident von Facebook indes der Marktwert der Website, der irgendwo zwischen 2 und 15 Milliarden Dollar liegen soll. Als Zuckerberg im Jahr 2007 1,6 Prozent Anteile seines Unternehmens für 240 Millionen US-Dollar an Microsoft veräußerte, ließ sich erkennen, in welchen Dimensionen sich das Imperium mittlerweile bewegte. Doch Zuckerberg mag nicht übers Geld reden. Auf die Frage US-amerikanischer Medien, über welches Vermögen er denn verfüge, erzählt er lieber etwas von seinem bescheidenen Apartment und dass Geld nicht so wichtig sei. Das könnte man ihm sogar leicht abkaufen, denn schließlich erscheint Zuckerberg zu öffentlichen Auftritten immer in Jeans, T-Shirt und Sweatshirtjacke. Auf einem Universitätscampus würde der ehemalige Informatikstudent also weiterhin nicht auffallen. Das Image des normalen Studenten, der nebenbei mehrere Milliarden US-Dollar verdiente, macht ihn zu einem guten Werbeträger für sein Zielpublikum, das wahrscheinlich auch gern einen so ertragreichen Studentenjob hätte. Zuckerberg hat mittlerweile sein Studium an der Harvard-Universität abgebrochen und steht damit in einer guten Tradition. Schon Microsoft-Boss Bill Gates schmiss 1975 sein Mathematikstudium, um ein erfolgreicher Unternehmer zu werden. Auch dessen größter Konkurrent, der Apple-Gründer Steve Jobs gehört zu den Studenten, denen bereits nach dem ersten Semester das Programmieren lieber war als der Hörsaalbesuch. Gute Aussichten also für Zuckerbergs Karriere.

 

26. Mai 1921

Ilka Gedö

Ilka Gedö.

Die im Budapester Ghetto angefertigten Selbstportraits der ungarischen Künstlerin müssten eine Frau in ihren frühen Zwanzigern zeigen. Doch die gezeichnete Person lässt nicht erkennen welchen Alters sie genau ist, nur das diese sichtlich gealtert ist. Dass es diese Bilder Gedös überhaupt an die Öffentlichkeit geschafft haben, ist bemerkenswert. Denn sie überlebten das faschistische Regime in Ungarn, die deutschen Nationalsozialisten und die kommunistische Herrschaft in Osteuropa. Ilka Gedö, Kind Budapester Juden, hatte immer die familiäre Unterstützung erfahren, sich zur gebildeten und sensiblen Künstlerin zu entwickeln. Vielleicht auch, weil ihre Mutter als Büroangestellte ihre eigenen schriftstellerischen Ambitionen nie ausleben konnte. So kam es, dass Gedö bereits mit elf Jahren Erlebnisse ihrer Sommerferien sehr aufwändig in Farbe festhielt. Ihre lebendige Phantasie und ihr Gefühle für Formen und Farben kann sie ausbauen, als sie in den späten 1930er und frühen 40er Jahren von drei bekannten Künstlern unterrichtet wird. Viktor Erdei (1879-1944), naturalistisch-impressionistischer Maler des frühen 20. Jahrhunderts, Tibor Gallé (1896-1944) und István Örkényi-Strasszer (1911-1944) unterrichteten sie in Linolschnitten, Bildhauerei und lehrten sie das figürliche Zeichnen und Malen, sowie ein Gespür für Materialien. Gedös vielseitige Arbeiten, technischen Fertigkeiten und ihr bereits früh ausgebildeter eigener Stil, ließ die beiden ungarischen Avantgardisten der ersten Stunde, Róbert Berény (1887-1953) und Rezsö Diener Dénes (1889-1956), aufhorchen. Sie rieten der jungen Künstlerin von einer klassischen Kunstakademie ab. Dazu hätte es auch nicht mehr kommen können. Im März 1944 besetzen die Deutschen ihren ehemaligen Verbündeten Ungarn. Bereits ab April wurde die jüdische Bevölkerung Ungarns in Ghettos festgehalten und Adolf Eichmann organisierte innerhalb kürzester Zeit deren massenhafte Deportation nach Auschwitz und Sobibor. Ilka Gedö überlebt im Budapester Ghetto. In dieser Zeit entstehen auch ihre Selbstportraits, die sie noch bis 1949 anfertigt. Da die Künstlerin erst nach ihrem Tod im Jahr 1985 mit ihrem Werk bekannt wird, sind die Portraits lange Zeit nur ihren Familienmitgliedern und einigen engen Freunden bekannt. Nach ihrer Selbstportraitphase zieht Gedö sich bis zum Beginn der 1960er völlig aus dem kulturellen und künstlerischen Leben zurück. Sie widmet die gewonnenen Momente ihrer Familie, doch ob Gedö in dieser Zeit glücklich ist, bleibt fraglich. So fragt sie sich in ihrem Tagebuch, ob die künstlerische Tätigkeit mit einer Familie überhaupt zu vereinbaren sei und begründet den für sie scheinbar unüberwindbaren Gegensatz zwischen bürgerlichem und künstlerischem Leben mit einer der bedeutendsten Vertreterinnen des frühen Expressionismus: «Paula Modersohn-Becker war eine begabte Malerin. ...Sie starb im Alter von dreißig Jahren, nach der Geburt ihres Kindes. Sie tat sehr gut daran. Sie hat ein schönes Werk hinterlassen. Mit ganz kühler Wissenschaftlichkeit, was ist der Grund dafür, dass im Mittelalter die Mönche malten und die Nonnen nicht?»

 von Julia Wolbergs

«Jüdische Zeitung», Mai 2010