Juden und Fußball

 

Die schönste Nebensache der Welt - wegen der sogar schon Kriege ausgebrochen sind - feiert in diesem Monat ihr turnusmäßiges Hochfest und viele Juden stellen sich die Frage, welches der 32 Teilnehmerländer es zu unterstützen gilt? Wenn am 11. Juni in Johannesburg das Eröffnungsspiel der 19. Fußballweltmeisterschaft zwischen Südafrika und Mexiko angepfiffen wird, steht zumindest ein großer Teil der jüdischen Fans dieser populärsten Sportart der Welt vor einem Dilemma. Der jüdische Staat, Israel, ist wiederholt an der Qualifikation zum Vier-Jahres-Showdown des Fußballsports gescheitert. Überhaupt nur einmal in seiner 62-jährigen Geschichte gelang es dem Nahoststaat, an einer WM-Endrunde teilzunehmen: 1970 in Mexiko.

 

Für welches Nationalteam beten Juden während der Weltmeisterschaft 2010 beim Fußballgott? Bild von der Klagemauer in Jerusalem. Foto: Reuters
Doch jüdische Fußballanhänger haben auch 2010 zahlreiche Alternativen. Solang sie nicht einer ultraorthodoxen Gemeinschaft angehören, denen aufgrund fundamentalistischer Auslegung der jüdischen Religionsgesetze eine aktive oder passive Beschäftigung mit Fußball untersagt ist, können sie sich für einen Monat lang in einen Fanrausch jubeln. Traditionell ist man für Brasilien, weil die den vermeintlich schönsten Fußball zelebrieren. Bei der 2010er WM nehmen aber auch allerlei Staaten mit großen jüdischen Gemeinschaften und einigen jüdischstämmigen Sportlern teil. Die USA ist genauso in Südafrika vertreten wie andere klassische jüdische Einwandererländer der jüngeren Geschichte: England, Australien, Argentinien, Mexiko, Brasilien, Chile, Uruguay, Paraguay, Frankreich und natürlich der Gastgeber Südafrika selbst. Spätestens seit der sympathischen Weltmeisterschaft des «Sommermärchens 2006» sollen sogar der deutschen Mannschaft vermehrt jüdische Fußballherzen zufliegen.

 

Das war nicht immer so. In der Vergangenheit war die Politik eines Landes und seiner nichtjüdischen Bevölkerung zur Zeit der Schoa eine wesentliches Richtmaß für die Unterstützbarkeit von jüdischer Fußballfanseite. Deutschland, Österreich, Ungarn, Rumänien - das waren und sind weiterhin für viele sportpolitische Tabus. Auch antijüdische Ressentiments bis hin zu offenem Antisemitismus auf nichtjüdischer Seite, wie nach wie vor in zahlreichen Stadien Europas üblich, prägen die WM-Historie der Nach-Schoa-Zeit. Welche Formen das annahm, zeigte etwa die WM 1978 in Argentinien. Damals hatte der Israeli Abraham Klein die Möglichkeit, in einem Finale zu stehen - nicht als Spieler oder Trainer, sondern als Schiedsrichter.

 

Klein, geboren 1934 in Ungarn, galt Ende der 1970er Jahre als der beste Referee der Welt. Alle Experten gönnten ihm die Leitung des WM-Endspiels in Buenos Aires. Doch die aufgeheizte Stimmung im Land und die rechtskonservative argentinische Militärdiktatur sollten das sportliche Lebensziel Kleins vereiteln. Nachdem Klein in einem Vorrundenspiel den Argentiniern einen Elfmeter verwehrt hatte, kochte die südamerikanische Volksseele, von Seiten der Militärjunta soll Druck auf den Fußballweltverband FIFA ausgeübt worden sein. Der zog daraufhin die Nominierung Kleins fürs Finale zurück. Als Grund wurde Kleins Affinität zum argentinischen Endspielgegner, den Niederlanden, genannt. Klein hatte dort als Kind für ein Jahr gelebt. Er durfte letzten Endes nur das «Spiel um Platz 3» pfeifen.

 

Argentinien gewann übrigens 1978 ein umstrittenes Turnier in einem umstrittenen Finale (3:1 nach Verlängerung). Viele jüdische Herzen brachen bei der Niederlage der niederländischen Mannschaft, die damals unter vielen Juden als «unsere» Mannschaft angesehen wurde. Das Image des Landes als Hort des Widerstandes gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg war noch allgegenwärtig. Der Kapitän des niederländischen Teams von 1978, Johan Cruyff, genoss gerade zu mythischen Status bei jüdischen Fußballfans. «In Israel wurde Johan Cruyff als der Mann betrachtet, der Anne Frank gerettet hat», fasste der israelische Philosoph und Fußballanalyst Saggie Cohen einmal die Verehrung zusammen.

 

Der jüdische Schiedsrichter Klein schrieb beim Turnier 1978 noch mehr Sportgeschichte. Er war Leiter des als «Wunder von Cordoba» in die Fußballhistorie eingegangenen Spiels zwischen Deutschland und Österreich (Endstand 2:3). Die Konstellation - zwei NS-Nachfolgestaaten stehen sich im von NS-Verbrechern mitgeprägten Argentinien zur Zeit der Militärjunta gegenüber - beschäftigt bis heute die Historiker und Sportkommentatoren. Übrigens: Nur vier Jahre nach Argentinien, bei der WM 1982 in Spanien, stand Klein dann doch noch in einem WM-Finale - als Linienrichter in der Partie Italien gegen Deutschland (3:1).

 

Der Jude, der als Trainer einer Nationalmannschaft dem WM-Finale am nächsten kam, war der Argentinier José Nestor Pekerman. Der Urenkel eines ukrainisch-jüdischen Einwanderers trainierte bei der WM 2006 in Deutschland die als Turnierfavorit angereisten «Gauchos». Von den argentinischen Medien wurde er damals als «zweitwichtigster Mann nach dem Präsidenten» betitelt. Nach starken Leistungen in der Vorrunde war jedoch für die Pekerman-Schützlinge im Viertelfinale Endstation. Die deutschen Gastgeber schlugen Argentinien im Elfmeterschießen. Wieder brachen Millionen jüdischer Herzen. Pekerman trat nach der WM vom Amt des Nationaltrainers zurück. Seine Popularität in Argentinien bleibt jedoch ungebrochen, nicht zuletzt dank seiner Erfolge mit argentinischen Juniorenauswahlen in den 1990er Jahren.

 

Die Chancen auf ein WM-Finale 2010 mit jüdischer Beteiligung stehen nicht schlecht. Ein paar jüdischstämmige Fußballer sind in Südafrika dabei, wie etwa der US-amerikanische Verteidiger Jonathan Bornstein oder der argentinische Abwehrhüne Walter Samuel. Zumindest der Argentinier und dessen vom lebendigen Fußballgott Diego Maradona trainierte Mannschaft haben gute Chancen, die WM zu gewinnen. Bleibt also anzunehmen, dass einen Sommer lang viele fußballverrückte Juden im Herzen Argentinier sein werden. Vielleicht kann mit einem WM-Titel für Walter Samuel ja auch endlich der unehrenhafte Umgang mit dem Schiri Abraham Klein gesühnt werden.

«Jüdische Zeitung», Juni 2010