Außenbahn

Die "Zeit ist reif"

 

Wann immer der Konservative damit aufhört, auf der Suche nach seiner Meinung nach Bewahrenswertem in die Vergangenheit zu schauen, er seinen Blick vielmehr nach vorn richtet, um sogleich das zu zerschlagen, was er seinen Weg in die Vergangenheit verstellen sieht, wird es gefährlich. Wenn jener Konservative nämlich meint, es sei besser, die Geister des Liberalismus und der Moderne frontal anzugehen und damit selbst endlich einmal an der «Spitze des Fortschritts» zu stehen, statt stets seiner Zeit hinterherzuhinken und sozusagen in die Rücklichter der Geschichte schauen zu müssen, kommen damit gern auch die Geister des Humanismus unter die Räder. Als «Konservative Revolution» hat sich diese Geisteshaltung politisch und geistesgeschichtlich einen unrühmlichen Platz in der Geschichte erworben.

 

«Weg damit!» - schon die Überschrift, unter der die Hamburger Wochenzeitung «Die Zeit» in ihrer Ausgabe vom 25. Mai zehn junge deutsche Autoren dazu eingeladen hatte, den Kanon der Literatur einer «kritischen Prüfung» zu unterziehen, hielt sich nicht damit zurück, dass der Aufruf als Kampfansage zu verstehen war. Sein Ergebnis war es noch weniger. Dass «manches Pathos von einst» für die «Nachgeborenen wie Kitsch, und manche gefeierte Kargheit» bei «unbefangenem Lesen als Einfallslosigkeit» entpuppe, resümierte die Redaktion in ihrer Einleitung der zehn Stellungnahmen. Am Ende stünden, so das Fazit der «Zeit», zehn Vorschläge von Literaten zur «Entschlackung des literarischen Kanons». Es ist natürlich legitim, dass sich Literaten abfällig über andere Literaten äußern, zumal die Nachwuchsschriftsteller selbst mitunter durchaus nachdenkliche und selbstkritische Töne fallen ließen. Vor allem hegten viele von ihnen grundsätzlichen und berechtigten Zweifel am Konzept einer kanonisierten Literatur. Verdecken solche fragwürdigen Kataloge zur Hochkultur tatsächlich immer den übersehenen, aber deshalb nicht zwangsläufig unbedeutenden Teil des kulturellen Schaffens. Und dennoch ist das Ansinnen der Redaktion, einen solchen Aufruf überhaupt ins Leben zu rufen, zu hinterfragen. Zuerst ist hier auffällig, dass die «Entschlackung» ausschließlich die Vertreter der klassischen Moderne traf: Brecht, Benn, Döblin und Kafka. Der einleitende Text lässt dabei offen, ob die Auswahl von der Redaktion getroffen wurde oder ob die Nachwuchstalente mehr oder wenig zufällig in dieser Art selbst entschieden haben. Wie dem auch sei, die Wahl traf nicht Goethes Faust oder Schillers Glocke, nein, ein 1978 in Greifswald geborener Steffen Popp möchte seinen «literarischen Frühjahrsputz» bei Kafka beginnen, über Alfred Döblin fortsetzen und bei Erich Fried und Günter Grass beenden.

 

Allein diese Auswahl zeigt, dass es hier nicht um das Aufbäumen gegen die Überväter (und-mütter) geht, sondern dass hier anderes zur Zielscheibe wird. Denn aussortiert werden genau jene Literaten, die am Anfang des vergangenen Jahrhunderts die Moderne einläuteten. Und solche, die nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Geschichte ins Gericht gingen. Man mag das privat für flach, «lehrerhaft», mitunter auch schlichtweg «schlecht» halten und die verstaubten Bücher stillschweigend in die zweite Regalreihe schieben. Das in der «Zeit» öffentlich geäußerte Verfahren der Aussonderung ist schlichtweg obszön. Denn tatsächlich ist es nicht nur als Zeichen der Selbstüberschätzung, des Hochmuts der jungen Literaten zu verstehen, wie die «Süddeutsche Zeitung» urteilte. Mehr noch als dies unterstreicht der inszenierte Kehraus den Kurs der «Zeit» unter seinem Feuilletonchef Florian Illies. Zunehmend sind die Kulturseiten der Wochenzeitung von offenem Antiintellektualismus geprägt. Mehr noch schlägt sich hier genau jene Geschichtsvergessenheit an den Tag, wie sie auch der Chefredakteur des «Tagesspiegels», Lorenz Maroldt, an den Tag legte, als er sich voller Unverständnis über die Proteste gegen die Missachtung des Denkmals für die Bücherverbrennung auf dem Berliner Bebelplatz äußerte.

 

Giovanni di Lorenzo ist nicht nur Mitherausgeber des «Tagesspiegels», sondern auch Chefredakteur der «Zeit». Die Bücherverbrennung kann unterdessen durchaus auch als «literarischer Frühjahrsputz» bezeichnet werden. Und mit Alfred Döblin, Bertolt Brecht und Franz Kafka wurde nun zumindest drei Schriftstellern im Wonnemonat Mai erneut die Ehre zuteil, als nicht lesenswert befunden zu werden.

 

 

«Jüdische Zeitung», Juni 2010