Tödliche Blockade

 

Im Morgengrauen des 31. Mai haben hunderte israelische Militärs zwischen Zypern und dem Gazastreifen sechs Schiffe des internationalen Hilfskonvois «Free Gaza» aufgebracht. Per Hubschrauber enterten sie das türkische Passagierschiff Mavi Marmara. Die vor einem Durchbrechen der Gaza-Blockade gewarnten Reisenden ließen sich nicht widerstandslos festnehmen. Wenig später waren mindestens zehn von ihnen getötet, Dutzende verletzt. Die Schiffe samt ihren Besatzungen und den Unterstützern der Aktion - darunter europäische Parlamentarier, eine Friedensnobelpreisträgerin und der schwedische Schriftsteller Henning Mankell - wurden aus den internationalen Gewässern zum israelischen Hafen von Haifa entführt.

 

Der israelische Militär-Rundfunk soll westlichen Medien zufolge berichtet haben, die Soldaten seien an Bord «mit scharfen Gegenständen» attackiert worden. Die Free-Gaza-Bewegung erklärte dagegen, die Soldaten hätten das Feuer unmittelbar auf die zum Teil schlafenden Passagiere eröffnet.

 

Der blutige See-Konflikt kann der Beginn einer hochbrisanten Eskalation im Nahen Osten sein. Während Israel kurz nach dem Angriff auf die Hilfsflotte eine Nachrichtensperre verhängte, trat die türkische Regierung zu einer Krisensitzung zusammen. Zuvor war der israelische Botschafter in Ankara einbestellt worden.

 

Das israelische Außenministerium verteidigte die Militäraktion in einer am 31. Mai versendeten Pressemitteilung: «Schiffe, die ihren Weg nach Gaza erzwingen wollen, helfen den Menschen dort in keiner Weise. Israel hat den Organisatoren angeboten, die Landwege zu nutzen, wie es alle anerkannten internationalen Organisationen tun. Wenn den Organisatoren tatsächlich an humanitärer Hilfe gelegen wäre, und nicht an bloßen Publicity-Aktionen, dann würden sie die angebrachten Wege nutzen, um die Ankunft ihrer Hilfe sicherzustellen.»

«Jüdische Zeitung», Juni 2010