Drei Fragen an...

...Dana Golan, Geschäftsführerin von "Schovrim Schtika"

 

«Schovrim Schtika» («Das Schweigen brechen») ist eine 2004 von ehemaligen israelischen Soldatinnen und Soldaten gegründete Organisation, die auf Menschenrechtsverletzungen (Misshandlungen, Plünderungen und Zerstörung von Eigentum) der Armee (IDF) in den besetzten palästinensischen Gebieten aufmerksam macht. Anfang des Jahres hat die Organisation Zeugenaussagen auch weiblicher Soldaten über die Situation im Westjordanland herausgegeben. Golan, 27, hat selbst sieben Monate als Soldatin in Hebron gedient.

 

Foto: Privat
Was unterscheidet junge Frauen in der israelischen Armee von den Männern?

 

Wenn Mädchen dieser männlichen Welt angehören, versuchen sie besonders hart, ein Teil davon zu sein. Der soziale Druck, der hier ausgelöst wird, macht die Mädchen fast immer aggressiver gegenüber Palästinensern. Das sieht man in den Aussagen im Buch ganz deutlich. Ich war selbst mit einigen Soldaten zu dieser Waffendurchsuchung in Hebron - ich musste junge Frauen überprüfen, für mich das beste Beispiel für die Situation vor Ort. «Wir müssen Terror in Tel Aviv vermeiden, und deshalb müssen wir diese Checks durchführen.» Als ich das erste Mal dabei war, fühlte ich mich als Teil der wirklich bösen Jungs. Ich erinnere mich an diese junge Frau, ihre Großmutter und zwei Kinder in der Ecke des Zimmers. Sie wirkten, als ob sie das schon tausendmal mitgemacht hätten. Wir schauten uns lange in die Augen, ich habe mich in diesem Moment sehr geschämt. Und hier hat es dann klick gemacht. Ich habe verstanden, wie Besetzung wirklich aussehen kann. Klar, man kann dafür eine Rechtfertigung finden. Aber ich habe mich in die Situation dieser jungen Frau meines Alters versetzt und mich gefragt, wie ich mich denn in diesem Monat fühlen würde? Um vier Uhr morgens von fremden Leuten aufgeweckt zu werden... Bei so einer Durchsuchung verursachen die Soldaten ein riesiges Chaos. Sie nehmen wirklich alles auseinander. Ein paar Jahre später kam ich als Studentin einmal in meine Tel Aviver Wohnung zurück und jemand war dort eingebrochen. Das erste, was ich in diesem Moment gedacht habe: Das ist wie damals in Hebron. Genauso, als wir in deren Häuser reingegangen sind.

 

Wen wollen Sie mit der Sammlung der Zeugenaussagen erreichen?

 

Die israelische Gesellschaft. Klar kann man sagen, dass unsere Berichte nicht gegengeprüft werden können. Aber wir haben nun mal über 700 Menschen mit ähnlichen Aussagen. Menschen aus allen politischen Sparten: links, Mitte, rechts. Wir wollen einen moralischen Diskurs in Israel. Niemand kann mir das Recht nehmen, das auszusprechen - ich war doch da! 2006 sind einige Bilder an die Öffentlichkeit gekommen. Es gab einen sehr wichtigen Dokumentarfilm darüber und wir haben auch eine große Ausstellung organisiert. Die meisten Israelis wissen, dass Checkpoints ein Problem darstellen. Wir müssen endlich mal aufhören, uns als Opfer zu sehen. Wir sind keine Opfer, nicht in diesem Zusammenhang.

 

Was hält Ihre Familie davon, dass Sie bei «Schovrim Schtika» tätig sind?

 

Meine Eltern stehen politisch links. Selbst aus dieser Position heraus ist es sehr schwer für sie. Für meine Großeltern ist es schwer, den Glauben aufzugeben, dass die IDF die moralischste Armee der Welt ist. Ich habe dann meiner Großmutter die Geschichte erzählt, wonach einige Soldaten Fotos mit Leichen im Arm machen ließen und das ganz cool finden und sie rumzeigen. Meine Großmutter hatte Tränen in den Augen, als ich ihr das erzählte. «Aber Dana», fragte sie, «hast du das mit deinen eigenen Augen gesehen?» Ich sagte, «Oma, ich stand ein paar Schritte davon entfernt.» Sie war schockiert. Ich bin so aufgewachsen: Man muss lieben, aber man darf nicht blind lieben. Man liebt Israel, aber man darf es auch kritisieren und man darf Fragen stellen. Ich mache es aus diesem Grund. Ich liebe meine Familie, und mich geht dieses Land verdammt viel an. Viele Menschen wissen einfach gar nicht, was am Checkpoint passiert. Das ist es, was wir versuchen aufzubrechen. Die Soldaten sind 18 Jahre alt und machen Dinge, ohne sie wirklich zu hinterfragen. Wir haben so viele Menschen interviewt, und das passiert so vielen. Wir sind ja alle aufgewachsen mit dieser Sicherheit, dass wir alle mal zur Armee gehen wollen. Jeder tut es und ist stolz darauf. Du bist einfach gezwungen, andere moralische Werte und Systeme anzunehmen. Es gibt dann einfach auch keinen Zweifel mehr. Die Disziplin in der Armee ist der Wahnsinn, du fragst dich nicht eine Sekunde, ob das falsch oder richtig ist.

Die Fragen stellte Anne Kathrin Grünhoff

«Jüdische Zeitung», Juni 2010